Die Hypochonder unter uns fürchten, der Regen könnte Rost oder Öl in den nahen Fluss schwemmen. Die Phobiker sind gar besorgt, es würden „gebietsfremde Organismen“ aus dem Ausland eingeführt. Es ginge um „abartige Kunst im öffentlichen Raum“ (sic!) meint der SVP Kantonsrat Roland Scheck. Nicht abartig, bestimmt aber eigenartig waren die Verhinderungsmanöver einzelner Politiker im Kampf gegen den Hafenkran. Der steht seit ein paar Wochen an einem der teuersten Orte der Welt. Dort verstellt er den Blick auf die schmucke Skyline der Altstadt und wirft lange Schatten. Nicht nur auf die Flaneure am Limmatquai.

.

Kraan. Kran auf Terrasse vor Altstadt

.

Kunst ist anders

Dieser Hafenkran ist keine Kunst, sondern ein ausrangierter Hafenkran. 1917 signierte Marcel Duchamp ein Urinoir und zeigte es in einer Ausstellung. Das war auch keine Kunst. Das Werk „Fountain“ war ein Objekt aus dem Sanitärbereich. Und dennoch wurde es nebst Arbeiten von da Vinci, Velazquez oder Vermeer zu einem der meist diskutierten Werke der Kunstgeschichte. Was ist denn heute ein künstlerisches Werk? Gehen wir davon aus, es sei etwas von Künstlerinnen/Künstlern Geschaffenes: Bilder, Skulpturen, Objekte, ein Essen, ein Konzept, eine Wanderung, ein ausgesondertes Stück Abfall. Vielleicht.  „… ein Werk (wird) vollständig von denjenigen gemacht, die es betrachten oder es lesen und die es, durch ihren Beifall oder sogar durch ihre Verwerfung, überdauern lassen,“ meinte Duchamp 1956.

Mit dem Readymade können sich die schönen Künste endlich und endgültig vom Streben nach Schönheit und Vollkommenheit befreien. Kunst ist ja längst nicht mehr mit ästhetischen Eingrenzungen (schön, hässlich) zu fassen. Seit es Apparate gibt, mit denen wir die Welt abbilden, steckt die künstlerische Mimesis in der Krise. Wenn wir an Fabriken in China denken, in denen virtuose Kunstmaler die Klassiker in Serien kopieren, dann hat heute tolle Malerei möglicherweise weniger mit Kunst zu tun als ein voller Müllsack in einer schicken Galerien.

Alteisen in Form eines Krans kann als Kunst-Werk in Erinnerung bleiben. Wenn sich die Künstlergruppe, die ihn aufstellen lässt vorher was dabei gedacht hat, dann wird das seine Wirkung entfalten. So wie ich es verfolgt habe, geschieht das auch. Schon im Vorfeld diskutierten die Menschen kontrovers über das Projekt, zerredeten es beinah. Sogar eine Volksinitiative kam zu stande. Die wollte erreichen, dass „keine weitere Infrastruktur (insbesondere Hafenkräne, Hafenpoller und Schiffshörner) aufgestellt werden.“

Und seit das Ding da steht, ist es in aller Munde. Jeden Tag ist der Kran umgeben von Menschengruppen, die staunen, schmunzeln, schimpfen. Der Kran löst spriessende Kontroversen aus. Ich sehe wer sich wie dazu äussert, die Besucher des Krans, die Anwohner, die Politiker etc. Ich stelle fest, wie ich darüber denke, wie andere darüber denken, was mir wichtig ist, was mich ärgert, wo ich an Grenzen stosse, wie ich diesen Fremdkörper wahrnehme… Ich beginne zu recherchieren, stosse auf Webseiten mit Informationen zum Projekt Hafenkran, entdecke Bezüge… Güterumschlag im Geldtransferzentrum, Ground Zero, die Ähnlichkeit des klapprigen Kran-Gestells mit den Figuren des Harald Naegeli. Der sprayte seine Figuren vor gut 30 Jahren in den Gassen der Altstadt nachts und anonym an Hausmauern. Bis er erwischt wurde. Ich schaue hinunter zum Limmatquai und langsam beginnt sich der Kran zu drehen.

.

fischfrau

 Harald Naegeli – „Fischfrau“

.

Stadt satt sehen

Das Zürcher Limmatquai ist so etwas wie die Aorta der Stadt. Hier sind die feinen Boutiquen, Kinos, Restaurants. Hier durch drängen sich die Umzüge vom traditionellen Sechseläuten über die Fasnacht bis zu den Demos des schwarzen Blocks. Stephan Eicher besang „les filles du limmatquai“. Jahrzehntelang zwängte sich der Autoverkehr zwischen Fluss und Läden, teilte sich die Fahrbahn mit den Trambahnen. Die Kalbshaxenmoschee wurde den Mobilitätsbedürfnissen geopfert. Es vergingen 25 Jahre bis die Baulücke mit dem von Tilla  Theus entworfenen Rathaus-Café teilweise überbaut war. Nach weiteren konfliktreichen Jahren war das Limmatquai  verkehrsberuhigt. So wie über die Verkehrsführung stritten sich Politiker und Geschäftsleute darüber, wie der Rest der Baulücke an prominentester Stelle gleich neben Rathaus und Café zu füllen seien. Die von der links-grünen Stadtregierung verantworteten Vorschläge zerpflückte die bürgerliche Gegenseitige mit stoischer Zuverlässigkeit – einerlei, ob Verkehrsmassnahmen, die Gestaltung öffentlicher Plätze oder Kunst im Stadtraum. Den Gegnern des Hafenkrans gelang es derart zu polarisieren, bis nur noch die Wahl blieb: Kunst oder Schrott!

Damit wurde der Diskurs geschickt umgeleitet und die eigentliche Fragestellung für parteipolitische Ziele instrumentalisiert. Der Stadtrat von Zürich lasse sich nicht einmal durch Volksinitiativen von seinen Ideen abbringen, er habe „die Macht und demonstriert nur allzu gerne, dass er sie hat“, schreibt der streitbare Kantonsrat Claudio Zanetti. Schade. Politische Manöver allenthalben erschweren oder verunmöglichen eine nüchterne oder fruchtbare Betrachtung der Ausgangslage: Das Quai, als der Stadt und deren Nutzungen vorgelagerte Zwischenzone zum Wasser, soll eine dem Ort angemessene Stimmung erhalten und so konzipiert werden, dass ein selbstverständliches Nebeneinander von öffentlichem Verkehr, Anlieferungsverkehr, Einkaufen, Kaffeetrinken, Flanieren und Erholen möglich wird.“ Luxusprobleme vielleicht… Immerhin: 36 Teams entwickelten Gestaltungsvorschläge. Den 1. Preis gewann vor zehn Jahren das Architekturbüro Ralph Baenziger mit einem transparenten Gebäudekubus – der dann aber nie gebaut wurde. Was lange währt wird endlich gut? Der Hafenkran soll nun neue Impulse setzen, den Blick verstellen, um ihn hernach zu befreien.

.

w3

Umstrittener Kubus vom Architekturbüro Ralph Baenziger

 .

Kunst ist aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Ein Vergleich von Kathedralen, von Fassadengestaltung der Häuser historischer Dörfer oder städtischer Grossbauten mit heutigen Kirchen, Hochhäusern etc. offenbart, dass pure Funktionalität und Rationalität die Kulturerzählungen früherer Architektur verdrängten. „Gravierender noch als das Ende der Fassaderzählung war freilich der Verzicht auf die ureigene Erzählkompetenz der Baukunst, Gebäude als architecture parlante zu gestalten, städtisches Gelände in eine bildhafte Ordnung zu setzen und mit solchen Konfigurationen einen Ort zu definieren.“(1) An der Stadt satt gesehen hat man sich heute rasch.

Kunst am Bau, auf Vorplätzen und Eingangshallen, Lückenfüller wie die Skulptur von Max Bill in der Zürcher Bahnhofstrasse oder die kunsthandwerklichen Objekte in Parkanlangen setzen keine Akzente mehr. Sie fügen sich nahtlos an die Werbeobjekte und -displays der Kommerzzonen. Sie stören nicht. Und alles ist gut. „Ein Bild oder eine Skulptur in einem Museum stört nicht so viele Menschen. Touristen mögen ihn mehrheitlich auch nicht und haben dem Rost im Pano Bild,“ heisst es da in einem Kommentar. Der Hafenkran ist im Weg. Ein Schandfleck auf properem Spannteppich. Das ist gut so, finde ich.

„Müll triggert Ideen“, sagt Christoph Büchel. Es handelt sich um ein gewichtiges Objekt, das zugegebenermassen mehr Rätsel aufwirft als Fragen beantwortet, ergänzt Martin Senn, einer der am Projekt Hafenkran beteiligten Künstler. Vielleicht stehlen sich diese Künstler aus der Verantwortung. Sie lassen ihre Absichten im Dunkeln. Vielleicht habe sie gar keine Absichten oder sie verdichten und kristallisieren sich allein im Werk. Das romantisierende Geflöte von Zürich am Meer oder auch yes we kran verweist auf routinierte Marketingprosa und rückt das Projekt bedrohlich nah an läppische Eventkultur. „Die Welt ist ihnen Kunst als Nische und Fundus, während den Feinden und Neidern der erweiterte (Kunst-) Begriff als Prügelsack für alles gilt, was ihnen an der Kunst sowieso nicht passt.“(2)

.

altherr

„Limmatquai-Pavillon“ – Gestaltungsvorschlag von Jürg Altherr

..

Letztlich müssen wir entscheiden, ob wir die Angebote der Künstler annehmen und uns vom Werk anregen lassen oder mit berechenbaren Abwehrreflexen das Vergnügen (und die Anstrengung) ersticken.

.

Nichts ist gratis

Geiz ist geil! Warum mehr bezahlen? Das wird uns von der Werbung eingehämmert. Wann werden wir für Entsorgung mehr bezahlen als für Erwerb? Preiszerfall, Gratiskultur, Sponsoring… Kunst kann kosten. Nicht nur, wenn damit spekuliert wird. Nicht nur, wenn Private sie finanzieren, die allzu oft gefällige oder Gefälligkeits-Kunst fördern: „Nicht mehr Kunstförderung von seiten der Wirtschaft, sondern Wirtschaftsförderung von seiten der Kunst ist die Perspektive, unter der das Verhältnis von Kunst und Wirtschaft auf einmal betrachtet wird.“(3)

Die Stadt Zürich gönnt sich rund 600’000 Franken für das Projekt. Viel Geld. Zehn Familen könnten damit ein Jahr lang leben. Angesichts der Zürcher 3000-Seelen Gemeinde, die 1.8 Millionen Franken für die Projektierung einer Mehrzweckhalle verpulvert, deren Bau dann an der Urne abgelehnt wird, ist das vergleichsweise wenig Geld. Es sind übrigens nicht nur Linke, die den unbeschwerten Umgang mit Steuergeldern pflegen. Der Gemeinderat des Dorfes ohne Mehrzweckhalle besteht ausschliesslich aus Bürgerlichen. 5 von 7 sind Mitglieder jener Partei, die in Zürich mit allen Mitteln den Kran verhindern wollte. Das aber nur nebenbei.

Politiker sollen sorgsam mit Steuergeldern umgehen. Einverstanden. Gewählten Stadt- und Gemeinderäten sollten wir allerdings zutrauen, dass sie die Verantwortung wahrnehmen. Ich frage mich, weshalb von der Stadt geförderte Kunst im öffentlichen Raum stets unkontrollierbare Abwehrreflexe auslöst. „Politiker können jemandem nur Geld geben, das sie jemand anderem wegnehmen“ stellt Claudio Zanetti fest.

 

Kappelle

Kultur-Sponsoring im 16. Jahrhundert – La Chiesa di Santa Maria della Pietà der Medici für Alp-Bewohner 

.

Immerhin verdanken wir verschwenderischen Dynastien und Herrschern die ergreifendsten, eindrücklichsten Werke im öffentlichen Raum. Nach Jahrhunderten haben sie noch Bestand. Niemand wünscht sich ausbeuterische Feudalsysteme zurück, die auf dem Buckel der Steuerzahler repräsentative Prunkbauten errichten. Zum Glück sind wir davon weit entfernt. Doch halt… Statt in Sakralbauten versickern heute Unsummen, eigentliche Zwangsabgaben, in der Werbeindustrie – den heutigen (als Verführungsprodukte getarnten) Ausbeutersystemen. Werbedisplays haben die Kathedralen ersetzt. Milliarden fliessen in die Verbreitung des Alltäglichen in ephemeren Werken, die nichts weiter bezwecken, als die Menschen zu verführen. Warum diese Ressourcenverschleuderung nicht noch viel heftigere Abwehrreflexe weckt, ist mir schleierhaft.

Die wahre Schande von Zürich entdecke ich im Kleinmut, der sich an den 600’000 Franken für das Projekt zürich transit maritim und dem Hafenkran entzündet. Nur ein Kunstwerk konnte diese Aufregung freisetzen und uns damit über Zustände in unserer Zeit aufklären. Der Hafenkran mag keine Kunst sein – was er aber auslöst und entblösst, das kann nur die Kunst.

.

(1) aus „Kunst und Stadt“, Walter Grasskamp, in „Contemporary Sculpture – Projekte in Münster 1997“

(2) aus „Die Form ist immer der Gegner“ von Hermann Pfütze (in Kunstforum Band 164, „Müllkunst“)

(3) aus „Tiefer hängen – Über den Umgang mit der Kunst“ von Wolfgang Ullrich

.

EMPFEHLUNGEN

.

„Kunst im öffentlichen Raum am Limmatquai“ Bericht des Beurteilungsgremiums

http://bit.ly/1lCe5xW

.

 „Kunst im öffentlichen Raum am Limmatquai“,  Auszug aus dem Jurybericht:

http://bit.ly/1opqfxu

.

.

Die Mädchen vom Limmatquai nach Stephan Eicher

.

Advertisements