Erneut Indiskretionen im Fall des Christoph Mörgeli. Der Medizinhistoriker und SVP Politiker wurde vor rund 2 Jahren von der Uni Zürich entlassen. Eine Aufsichtskommission des Zürcher Kantonsrat hat sich mit „den Abklärungen rund um das Medizinhistorische Institut und Museum der Universität Zürich“ beschäftigt und seinen Schlussbericht verfasst. Der Bericht gelangte vor der offiziellen Präsentation an die Sonntagspresse, was gehörig Staub aufwirbelte. Staub, den einige Politakteure zu knallharten Klumpen ballten, die sie nun in die Menge dreschen.

schmid

zanettiKantonsräte der SVP (vorver-) urteilen sofort

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Der Fall Mörgeli beschäftigt mich schon lange. Hier lässt sich trefflich verfolgen, wie Politik gemacht wird. Eine alltägliche und an sich überschaubare Situation – der Personalkonflikt um einen mittleren Angestellten – wird eskaliert bis hin zu einer Affäre. Wessen Affäre das ist (Mörgeli? Uni Zürich? Regine Aeppli?), darum wird jetzt erneut gefeilscht. Die Arschkarte hat unterdessen Bildungsdirektorin und Regierungsrätin Regine Aeppli gezogen. Sie hat zwar am wenigsten mit dem Fall zu tun, ist aber die Prominenteste im Gemetzel und erst noch seit langem auf der Abschussliste der SVP.

Politische Interessenvertreter streuen via assimilierte Medien und social media Groupies die mit Indiskretionen angereicherten, zugespitzten Interpretationen unters Volk. Daraus drechseln sie ihre notorischen Zielsetzungen. politique pour politique sozusagen, die das Terrain ebnet, um  in der Schlammschlacht hernach den Zweihänder zu führen. Dieses selbstreferentielle System scheidet am Ende nur Verlierer aus, die sich erst noch gegenseitig die Schuld für ihre Verluste zuschieben. Ein verhängnisvoller Kreislauf, aus dem sich unsere Politik seit Jahren nicht mehr zu befreien weiss.

Im Fall Mörgeli sind weiterhin arbeits- und strafrechtliche Verfahren offen. Der Bericht der Aufsichtskommission ABG ist deshalb nur ein erster offizieller Zwischenstopp im von Nebelpetarden verhüllten Dickicht rund um die Ereignisse im Medizinhistorischen Institut und Museum. Eigentlich enthüllt der Bericht nichts, was nicht schon bekannt ist. Selbst die heikle Rolle der Regierungsrätin Aeppli beschrieb die Weltwoche anhand einiger neuer Indiskretionen, die das Blatt kühn als Recherche ausgab. Immerhin entpuppt sich die politische Affäre um die Personalakte Mörgeli nun allmählich als tumbes Säbelrasseln einer politischen Clique.

So scheint mir der Zeitpunkt richtig, den Text einmal laut vorzulesen und auf seinen Gehalt hin zu untersuchen. Worauf beruhen neuerliche Rücktrittsforderungen und Anklagen? Berechtigen die bekannten Fakten zu den ausgestossenen Tiraden oder sind sie mehr Ausdruck von Animositäten?

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Wühlen im Faktenschlamm

Der Personalkonflikt im MHIZ (Medizinhistorisches Institut Zürich) schwelte schon seit Jahren. Auch unter Christoph Mörgelis ehemaligem Vorgesetzten Professor Rüttimann:

Klima

„…schon gesehen, dass der Topf gekocht hat“ (Seite 5)

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Von Rüttimann, so streicht Mörgeli immer wieder hervor, hätte er stets hervorragende Qualifikationen erhalten. Doch mit dem neuen Chef Flurin Condrau weht ein anderer Geist durch das Institut. „Nachdem ihn Vorgänger Rüttimann geschätzt, gefördert und fast durchwegs mit Bestnoten auszgezeichnet hat, sieht sich Mörgeli von Condrau von Anfang an ins Abseits gedrängt“, heisst es in der Weltwoche. „Dahinter verbirgt sich ein weltanschaulicher und methodischer Richtungsstreit: Dem sozialhistorisch geschulten und politisch linksgerichteten Condrau, früher Woz-Autor, missfallen Mörgelis Praxisbezug…“ Es ist jedoch in erster Linie die Weltwoche, die in bekannter Manier weltanschauliche Positionen mit ein paar verfügbaren Fakten anreichert und zu einem tendenziösen Gesamtbild montiert. Die Aufsichtskommission widerspricht in ihrem Bericht nun den Hypothesen der Weltwoche:

politgrund

„…keine Anhaltspunkte für politische Hintergründe…“ (Seite 11)

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Professor Condrau bemerkt einen „fundamentalen Auffassungskonflikt“:

auffassung

Konflikt um „…wissenschaftliche Standards, Sammlungspraxis, Teamfähigkeit usw.“ (Seite 7)

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Das MHIZ sei über Jahre ungenügend geführt worden, so stellt die Aufsichtskommission nüchtern fest:

Fuehrung

„…während vieler Jahre keine Mitarbeiterbeurteilung mehr…“ (Seite 17)

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Christoph Mörgeli wiederholt immer wieder, er sei „Opfer eines politischen Komplotts“ und „hinterhältig gemobbt“ worden (Tele Züri). Dies ist seine Wahrnehmung. An deren Wahrhaftigkeit gibts nichts zu rütteln. Mörgelis Aussagen lassen aber auch deutlich erkennen, wie ausgeprägt die berufliche Beziehungsstörung zwischen ihm und seinem Vorgesetzten Flurin Condrau ist, ja, zwischen Mörgeli und einem erweiterten universitären Umfeld sowie dem wissenschaftlichen Betrieb überhaupt. Ist die Konfliktsituation derart angespannt, dass „der Topf gekocht hat“ (Rüttimann), so muss ein Vorgesetzter handeln – unabhängig davon, welche Motive in den Konflikt hinein wirken. Egal auch, wenn es sich um politische Überzeugungen handelt…

Im Übrigen schildert Christoph Mörgeli selbst, wie seine politische Gesinnung die Arbeit am Institut beeinflusst: „Als Staatsangestellter konnte ich es jedoch nicht verantworten, dass wir alle paar Jahre die ständige Ausstellung für Millionen neu einrichten. Auch meine Magazine darf ich nicht vergolden, es geht schliesslich um öffentliche Mittel.“ Die politisch motivierte Haltung Mörgelis kam offensichtlich seiner Aufgabenerfüllung als Angestellter des MHIZ in die Quere. Condrau nahm an die Hand, was Vorgänger Rüttimann jahrelang versäumte.

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„Nachtreten“ erlaubt

Am 27.3.2013 wirft die Sendung Rundschau Christoph Mörgeli vor, er hätte Dissertationen unsorgfältig betreut und „Doktortitel fürs Abschreiben“ vergeben. Mit den Vorwürfen konfrontiert greift Mörgeli den Moderator im Studiogespräch sogleich an und unterstellt ihm sich instrumentalisieren zu lassen in einem Akt, der zum Ziel hätte ihn „politisch fertig zu machen.“ Sukkurs erhält Mörgeli danach wiederum von der Weltwoche: „Genau ein halbes Jahr nachdem die Universität Zürich den Medizinhistoriker und SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli wegen einer auch in der Presse ausgetragenen Mobbingkampagne entlassen hatte, trat die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens nach.. – Die Anschuldigungen entbehren jeder Grundlage.“

Immerhin bezeichnete selbst Christoph Mörgeli sein Institut als „Doktorandenfabrik“:

Doktorandenfabrik

„…eine immense Anzahl Doktorierender“ (Seite 4)

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Das allein ist zwar kein Beleg für unsorgfältiges Arbeiten. Ganz ohne Grundlage – wie die Weltwoche kolportiert – scheinen die in der Rundschau erhobenen Vorwürfe nicht. Im übrigen waren sie in der Sendung zwar zusgespitzt aber sorgfältig formuliert. Condrau kritisiert im Gespräch mit der Aufsichtskommission die im Institut betreuten Doktorarbeiten ebenfalls:

keinstandard

 „…Doktorarbeiten keinem Standard verpflichtet“ (Seite 6)

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Tritt Condrau via Aufsichtskommission nach, um dem „Nachtreten“ der Rundschau noch eins drauf zu setzen? Vielleicht lichten arbeits- und strafrechtliche Untersuchungen die Nebel bald ganz.

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Mit Vollgas in die Tribüne

„Schwere Vorwürfe an die Adresse der Bildungsdirektorin Regine Aeppli“, schreibt die Weltwoche in ihrer jüngsten Ausgabe. Und unter einem Bild, das die Regierungsrätin mit weit geöffneten Augen zeigt: „Können diese Augen lügen?“ Wer sich auf Altherrenwitze versteht, vermag die Bedeutung der Schlagzeile zu entschlüsseln. Deutlicher wird die Redaktion, wenn sie sich selber lobt: „Es ist das aufklärerische Credo der Weltwoche, Missständen auf den Grund zu gehen, furchtlos zu recherchieren und die Fakten sprechen zu lassen. Manchmal, wie in diesem Fall, setzen sie sich am Ende durch, auch gegen Widerstände.“ Dass die Weltwoche genau das Gegenteil von alledem repräsentiert, wird zum Glück immer klarer. Ein paar Mutmassungen genügen, um den Leuten in den Zuschauerrängen mit Vollgas an den Karren zu fahren:

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 „…dass die laufenden Verfahren zu mehr Klarheit führen.“ (Seite 13)

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Der Bericht hält auf Seite 9 fest, dass „Regierungsrätin Regine Aeppli ziemlich aufgebracht gewesen sei und den Rektor zur Kündigung von Prof. Mörgeli aufgefordert habe.“ Die Aufsichtkommssion geht da-

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„…als Anordnung einer Kündigung interpretieren mussten.“ (Seite 15)

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Wer selbst schon Personalkonflikte regeln musste, weiss, dass dies nicht ohne zähes Ringen möglich ist. Dass während einer hitzigen Sitzung in der Aufregung ein unbedachter Spruch fällt, ist menschlich. Wenn ein unter dem Handlungsdruck überfordertes Gremium daraufhin überstürzt reagiert, muss es Kritik einstecken. Führungsversagen, Mobbing, Kompetenzüberschreitung gehören in solchen Situationen leider allzu oft dazu. Speziell an diesem Fall ist allerdings – nebst der streitbaren Hauptfigur – der Auftritt einer vorwitzig quasselnden Nationrätin, sowie ein hoher Beamter und eine Professorin, die mutmasslich Internas an Medien weiter gaben.

Doch noch immer gibt es keinerlei Belege dafür, dass gegen Christoph Mörgeli ein politisch motiviertes Komplott geschmiedet wurde, dass sein Vorgesetzter die Messer gewetzt hätte oder dass die Entlassung ohne Grundlage erfolgte. So wird zwangsläufig ein Auge zugedrückt. Diese Optimierungsgeste hilft ganz nebenbei, das Zielobjekt besser zu fixieren; Regierungsrätin Regine Aeppli nämlich, die man im Zentrum des Schlammschlachtfeldes zum Abschuss freigeben will.

Das lenkt die Aufmerksamkeit von der eigenen Schachfigur ab. Ich bin gespannt, ob das auch dann noch gelingt, wenn die offenen Verfahren in diesem Fall abgeschlossen und damit die eigentlich relevanten Fragen beantwortet sind. Nämlich:

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 „…aus Sicht der ABG nicht nachvollziehbar.“ (Seite 18)

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Die von Berlusconi und anderen Despoten angeführte Finte von der links-unterwanderten Justiz wird nicht greifen – die strafrechtliche Untersuchung leitet ein Parteigenosse Christoph Mörgelis. Doch der Phantasie und undurchsichtigen Intrigenspinnerei sind kaum Grenzen gesetzt: „Der vielbeschworene Recherchier-Journalismus, der die Welt durch Aufdecken dunkler Machenschaften heilen will, ist oft selber ein Teil undurchschaubarer Kräfte“, schreibt Rainer Stadler im NZZ Medienblog. Die wir riefen, die Geister, werden wir nun nicht los…

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EMPFEHLUNGEN

 

Denk- und Verhaltensmuster eindrücklich dokumentiert – Christoph Mörgeli im Gespräch mit Roger Schawinski:

http://www.srf.ch/player/tv/schawinski/video/roger-schawinski-im-gespraech-mit-christoph-moergeli?id=3616ca7e-9598-4f21-90d2-71bb43cff7d9

Journalistisch klipp und klar die WOZ

Rhetorische Dauerwindungen im TalkTäglich: „Regine Aeppli in der Kritik“
http://www.telezueri.ch/talktaeglich/regine-aeppli-der-kritik#verpasst

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