Die Gegner der Service-public-Sendungen der SRG geben Gas. Die NoBillag Initiative soll den nötigen Schwung erhalten. Lafater M (Student der Medienwissenschaften, eher aber das Pseudonym eines Ghostwriters) behandelt hier ausführlich die „Zwangsgebühren für Radio und Fernsehen“ und macht schon in der Überschrift klar; „Unmöglich und ungerecht“. Trotz beflissener Detailschärfe bleibt in seinem Artikel (übrigens weitgehend ein Plagiat, von hier kopiert!!) aber beinah jeder Aspekt vage oder verharrt in Behauptungen, schlägt bisweilen gar ins Apodiktische um.

Eine Textpassage deutet er als „eine perfide Fehlinterpretation des Verhaltens der TV-Konsumenten, die sich in aller Wucht im letzten Satz (…) niederschlägt: Es kann also das Interesse des Bürgers sein, Informationsangebote verfügbar zu haben, auch wenn er sie nur selten nutzt“. Um dann in der nächsten Zeile „die uralte Logik von Angebot und Nachfrage“ einzuführen, auf die sich letztlich seine ganze Argumentation bezieht… Kann man machen. Ist so (oder so) aber wenig plausibel. Seinen Ausführungen liegt eine völlig falsche Annahme zugrunde. Denn es ist ja nicht das Publikum, das die von den privaten Sendeanstalten verbreitete Programmware konsumiert und dafür auch bezahlt. Es ist umgekehrt: Das Publikum ist das Produkt. Die Programmanbieter verkaufen die Ware Zuschauer an die Werbekunden. Die Einschaltquote ist dabei die Masseinheit, die den Preis bestimmt.

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Meinungsvielfalt PRINT – z.B. 10 Magazine = circa 100 Franken

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Darüber hinaus ist es sträflich reduktionistisch, das Medienangebot von öffentlich-rechtlich organisierten oder service-public-Sendern nur unter der Prämisse von Angebot und Nachfrage zu diskutieren. Wirtschafter würden uns erklären, dass dieses Modell längst obsolet ist angesichts gigantischer Ungleichgewichte, die uns dysfunktionale Märkte bescheren. Mit Sozialwissenschaftlern müssten wir uns fragen, zu welchen enormen gesellschaftlichen Entgleisungen die Optimierungsversuche bei Angebot und Nachfrage führten. Und mit Umweltwissenschaftlerinnen können wir die Folgen eskalierender Rohstoffausbeutung, von Überproduktion und Entsorgungskatastrophen beklagen.

Eine weiterer entscheidender Denkfehler: Programmvielfalt verdanken wir nicht dem freien Markt sondern der technologischen Entwicklung. Erst die Distribution der Programme via Kabel oder Satellit anstelle der rein terrestrischen Verbreitung ermöglichte die Angebotsvielfalt, oder besser: Programm-Flut. Das Angebot wurde insgesamt zwar vielfältiger, dies aber nur wegen der vielen Nischenprodukte. Innerhalb der Vollprogramme hat der Konkurrenzkampf die Vielfalt reduziert. Wer durch die Kanäle zappt, wird erstaunt feststellen: Unmengen des Immergleichen. Der Markt fördert den Mainstream, denn der lässt sich am besten vermarkten. Der freie Markt fördert also nicht Meinungsvielfalt, er reduziert sie.

Item. Der Artikel von Lafater M ist der beste Beleg dafür, warum es Programme wie jene der SRG braucht – die Diskussion hier und anderswo würde nicht geführt, gäbe es deren Radio-/TV- und Internet-Angebote nicht. Selbst wer die Programme nicht wahrnimmt, beteiligt sich an der Auseinandersetzung und trägt zu Dissens und Konsens, zu Deliberation und Meinungsbildung bei. Und erst recht all jene, die sich für die Angebote interessieren und sie in ihr tägliches Leben aufnehmen. Offenbar ist das immer noch der grösste Teil der Medienprodukte konsumierenden, schweizerischen Bevölkerung.

„Öffentliches Interesse ist undefinierbarer Quatsch“ schreibt Lafater M. Leider erörtert er nicht, warum das so sein soll. Ich erlaube mir festzustellen: Diese Behauptung ist Quatsch. Man müsste sich einfach die Mühe nehmen und ausformulieren, worum es sich handelt. Was beschreibt öffentliches Interesse? Zum Beispiel: „Öffentlichkeit ist einerseits eine soziale Sphäre, in der öffentliche Diskurse zirkulieren, andererseits zugleich ein Kollektiv, das nicht nur die Zuhörer, sondern die Sprecher der Öffentlichkeit umfasst. Dieser Doppelcharakter von Öffentlichkeit wird am deutlichsten in den beiden Bedeutungsvarianten, die Öffentlichkeit im Englischen annehmen kann: public sphere als soziale Sphäre und public als Kollektiv von Sprechern und Zuhörern.“ (1) Mit den Worten von Lafater M würde ich nun feststellen: Öffentliches Interesse ist die Nachfrage eines Kollektivs nach Information/Wissen/Erfahrung etc.

 

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 Meinungsvielfalt TV– z.B. 10 Programme = ca. 2 Franken pro Tag (2)

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Ein weiterer Artikel ist mir aufgefallen – jener von Luigi Caduff. Ihm genügt seine Abneigung gegenüber Linoleum-Böden, um gegen den „Nimmersatt“ zu argumentieren. Caduff suggeriert, aus dem Inneren eines wuchernden und undurchsichtigen Systems der Nimmersatten zu berichten, erzählt er doch, wie er während eines kleinen Volontariats im Schweizer Fernsehen die komplizierten Intrigen der unkündbaren Angestellten, politische Vetternwirtschaft und ausufernde Bürokratie erlebte. „Stinklangweilig“ war der Sender und „die Politik hatte die SRG fest im Griff.“ Luigi Caduff  unterschlägt Belege für seine (Falsch-) Behauptungen (z.B. von „unkündbaren Angestellten“), schildert dafür atmosphärisch tendenziös und wiederholt schliesslich hinlänglich bekannte Argumente.

Dazu gehört nebst dem Zeitalter von Apple, Google, Youtube etc. auch, dass „der öffentlich-rechtliche Medienbrei vergreist.“ Auch dieses Argument ist ein Dauerbrenner. Würde es zutreffen, so dürften heutzutage nur noch 100-Jährige SRF schauen oder hören. Die Programme erreichen aber auch heute noch ihr Publikum (knapp ein Drittel in der Primetime – ohne Radio) und vermögen damit Debatten zu lancieren. Ob in Familien, Büros, Restaurants oder gar anderen Medien, wir beschäftigen uns mit den Abstimmungen oder Wahlen, dem Parlamentsgeschehen, den Leistungen der Bundesrätinnen und Bundesräte usw.

Dabei vermitteln uns audiovisuelle Medien ihre Inhalte ganz anders als Printmedien. Wir können zusehen, wie sich etwas ereignet; ich erinnere nur an Ueli Maurers Ausraster in der Rundschau, der wertvollen Einblick in das Nervenkostüm eines Bundesrates ermöglichte,  an die verschiedenen DOK-Produktionen oder ja – die gelungenen Casting-Adaptionen, die uns berühren, anregen oder aufregen. Solche Sendungen haben – über den Entspannungseffekt hinaus – eben auch einen sozialen Nutzen. Und der reicht weit über die ursprüngliche Befriedigung der Nachfrage hinaus. Während wir Konsumgüter üblicherweise für uns allein oder im kleinen Kreis verbrauchen, verarbeiten wir Mediengüter und teilen respektive tauschen die Wissens-Produkte daraus immer während weiter. Damit schaffen wir unschätzbaren Mehrwert. Private elektronische Medien versagen hier leider fast völlig.

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Meinungsvielfalt INTERNET – z.B. 152000 Ergebnisse = 0 Franken

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Es besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen einem Programmveranstalter, der sein Publikum als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger anspricht – also als politisch denkende Menschen – oder aber in erster Linie dem Kunden gegenüber verpflichtet ist  – eben dem Werbetreibenden (NICHT dem Publikum)  – und daher nur das produziert, was den Absatz der Ware – nämlich die Aufmerksamkeit des Publikums (die es mutmasslich der verkauften Werbezeit widmet) – möglichst sicher stellt. Der Eine hat einen Auftrag mit dem Ziel, „in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen“ die Menschen darüber auf dem Laufenden zu halten, welche Themen wichtig sind und worüber man nachdenken sollte. Der Andere wird sich ausschliesslich auf die Publikumsbindung konzentrieren und ein Angebot entwickeln, das Nachfrage erzeugt.

Wer diese Angebote anschaut, muss sich fragen, was der private Rundfunk überhaupt für die Gesellschaft leistet… „Ein gut funktionierendes System der freien Meinungsäusserung hängt eben nicht einfach von privaten Wahlhandlungen ab, sondern von den nicht absehbaren, ungewählten Begegnungen, was sowohl die Themen als auch die Standpunkte betrifft. In einer heterogenen Gesellschaft sind solche Begegnungen entscheidend für die demokratische Deliberation (…) Der ökonomische Ansatz ist problematisch, weil er private Präferenzen zu normativen oder ausschlaggebenden Grössen für Zielsetzungen der Politik macht (…) Ein nicht regulierter Markt wird der Allgemeinheit aufgrund des Problems des kollektiven Handelns stets zu wenig Güter und zu viele Lasten einbringen.“ (3) Lasten, wie beispielsweise aufgrund von Gewaltdarstellungen verängstigte, von Skandalisierungen emotional verwahrloste oder apathische Zuschauerinnen und Zuschauer.

Weniger offensichtlich, dafür noch gravierender für die Übereinkünfte innerhalb sozialer Gemeinschaften, ist der schleichende Rückzug in die Grenzen soziokultureller Diasporas, beispielsweise in social-media Gruppen. Leitmedien versagen, wenn sie nicht mehr Themen setzen können, welche die verschiedenen Diskurs-Sphären durchbrechen, so dass zwischen ihnen vermittelt und verhandelt wird. So versiegen über kurz oder lang die Interaktionen zwischen (politischen, religiösen, regionalen etc.) kollektiven Identitäten. Dieser Trend zeichnet sich schon jetzt klar ab. Er spiegelt sich auch in immer weiter auseinander drängenden politischen Polen und zunehmender Diskordanz.

Verstärkt wird der Trend offenbar vom Internet, das diskursive Öffentlichkeiten eher isoliert als vereint… bis wir widerstandslos nur noch unseren Konsumentscheidungen gehorchen. „Statt dessen sollten die möglichen Wirkungen öffentlicher Debatten auf längerfristigere, diffusere kulturelle Wandlungs- und Innovations- oder Lernprozess beachtet werden. Öffentliche Diskurse reproduzieren und transformieren eine öffentliche Kultur, ein bestimmtes Repertoire an Wissensbeständen, Normen und Werten, kollektiven Selbstdeutungen, das teils weithin geteilt wird, teils gruppenspezifisch differiert, teils öffentlich problematisiert und kontrovers debattiert wird. Die Existenz einer solchen öffentlichen Kultur mit bestimmten Merkmalen mag wiederum eine Vorbedingung oder fördernde Bedingung sowohl des Funktionierens einer diskursiven Öffentlichkeit wie der Funktionsfähigkeit und Akzeptanz, in diesem Sinne also der Legitimität einer politischen Ordnung sein.“ (4) Ich empfehle daher dringend, unseren Medienmarkt nicht einer regulierenden Elite zu überlassen, sondern weiterhin demokratischer Kontrolle zu unterwerfen.

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(1) aus „Der Sinn von Öffentlichkeit“, Bernhard Peters

(2) „Billag-Gebühren“ inklusive Werbeaufwand SRG und Private

(3) aus „Das Fernsehen und die Öffentlichkeit“, Cass R. Sunstein in „Die Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öffentlichkeit“

(4) aus „Deliberative Öffentlichkeit“, Bernhard Peters in „Die Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öffentlichkeit“

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EMPFEHLUNGEN

Über die „suggestive Agitation“ von Trash TV oder wie das Dschungel-Camp die Kontrollgesellschaft stützt. Für die Werbeindustrie zählt die Quote und bei Qualität ein Mindestmass: http://www.blm.de/apps/documentbase/data/pdf1/20-211.pdf

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