Freiheit im Niemandsland, über den Wolken, in der Wüste und im Handelszentrum der Bank. „Wir lieben Freiheit.“ Ich auch. Obschon… ich weiss ja nicht einmal genau, was Freiheit ist – weder positive noch negative. Ausser in Momenten. Nun, die neu gegründete Unabhängigkeitspartei (up) der Schweiz weiss, was Freiheit bedeutet. Nämlich: Eigenverantwortung übernehmen, sich nicht vom Vollkaskostaat verführen zu lassen“ umden Zustand der staatlichen Abhängigkeit zu überwinden.“ Die maximale Freiheit von etwas ist nur dann möglich, wenn es nicht mehr vorhanden ist. Also: Freiheit ohne Staat. Das ist eine Forderung von Libertären. Denen begegne ich in letzter Zeit immer öfter – und ich bin besorgt.

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RonPaul

Freiheit ist die Abwesenheit von Zwang (F.A. von Hayek)

 

Ich bin der up-Gründerin Brenda Mäder begegnet und dem früheren Herausgeber der Zeitschrift Schweizer Monat und NZZ-Feuilletonchef René Scheu. Da ist der Chefredaktor der Schweizerzeit und Mitinitiant der No Billag-Initiative Oliver Kessler oder der Gründer eines eigenen Staates, der Fabrikant Daniel Model. Kontakt hatte ich auch mit dem SVP-Lokalpolitiker Patrick Vogt, der Libertarismus als sein Hobby bezeichnet und Politikforen mit spitz formulierten, bisweilen derben Kommentaren abfüllt. Ein populärer Libertärer ist schliesslich der einstige republikanische US-Präsidentschaftskandidat und Tea Party Inspirator Ron Paul. 

Libertäre sagen, das politische Links-/Rechts-Modell gelte nicht mehr. Das mag in der Theorie zutreffen. Nehmen wir dennoch das alte Muster zur Hilfe, so sind all die oben Aufgeführten scharf rechts einzureihen. In erster Linie wirtschaftspolitisch, aber nicht nur. Auffallend viele Libertäre geben sich offen rassistisch, antisemitisch oder islamkritisch.

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Freie Wirtschaft – freier Mensch

Dies habe weniger mit Ressentiments zu tun. Libertäre würden eben allen freies Denken zugestehen. In diesem zwanglosen Klima lassen sich denn auch politisch unkorrekte Haltungen frei ausdrücken. Nicht ein Plus an Feindseligkeit also, sondern einfach mehr unverstellte Offenheit. Die ist dem völlig rational handelnden Wirtschaftsmenschen, dem Homo oeconomicus, eigen. Der schafft denn auch stets das Gute. Selbst wenn er aus blossem Eigeninteresse oder Egoismus Böses im Schilde führt. Private Laster erzeugen öffentliche Vorteile. „Ich bin bereit, dem Teufel zu geben, was dem Teufel gehört: Der Kapitalismus ist mit Abstand das effizienteste Wirtschaftssystem, das wir kennen“ (Slavoj Zizek). So sei Ökonomie „die Kunst, das Beste aus dem Leben zu machen“ (George Bernard Shaw).

Die unsichtbare Hand des freien Marktes ist eines der grossen Mysterien, dem sich Ökonomie und Libertäre hingeben: „Die unsichtbare Hand ist ein mystischer Gott, der auf geheimnisvolle Weise mit mehr als einem Hauch von Wundern arbeitet, um eine holistische Vorteilhaftigkeit hervorzubringen, die sich aus den unheiligen Motivationen der von Eigeninteresse erfüllten Akteure nicht vorhersagen lässt,“ schreibt John Boli.(1) Der Staat übt dagegen systematisch Zwang und Gewalt aus und schränkt die individuelle Autonomie ein. Ein Politiker auf der Höhe, sagt Peter Sloterdijk, „würde verstehen, dass der erfolgreiche Staat eine semisozialistische Agentur ist, die sich Jahr für Jahr die Hälfte des Bruttoninlandprodukts holt, um ihre Ordnungs- und Umverteilungsaufgaben zu erfüllen.“

Der Staat versichert Risiken und entschädigt gemäss subjektiven Verdiensten und nicht nach objektiven Ergebnissen einer Leistung. Er soll bitterste Not lindern, aber den Wettbewerb keinesfalls behindern, denn „die meisten Menschen sind nur so lange bereit, das mit der Freiheit verbundene Risiko zu tragen, als es nicht zu gross ist,“ meint Friedrich August von Hayek. „Wir müssen unter allen Umständen wieder lernen (…), dass die Freiheit nur um einen bestimmten Preis zu haben ist und dass wir als Individuen bereit sein müssen, für die Wahrung unserer Freiheit schwere materielle Opfer zu bringen (…) Diejenigen, die wesentliche Freiheiten aufgeben, um ein wenig Sicherheit für den Augenblick zu erkaufen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.(2)

Der Mensch gehört sich selbst. Niemand anders als er selbst darf über ihn und sein Eigentum bestimmen. Um Eigentum und Reputation zu sichern, würden sich die Menschen von sich aus normorientiert verhalten. Nur die Tauschmechanismen des uneingeschränkten Marktes erlauben eine soziale Ordnung, in der die Autonomie eines jeden Menschen prinzipiell anerkannt und gleichzeitig geschützt ist. Was nicht in freiwilliger Übereinkunft zustande kommt, gilt als politisch und illegitim.

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Verkaos Alles ist erlaubt so lange die Rechte anderer nicht beschränkt sind

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Die Positionen der Libertären erinnern mich immer wieder an jene von Satanisten. Für diese gilt: Lieber nicht sein als unfrei seinAleister Crowley formuliert in seinem Gesetzbuch (Liber AL vel legis): „Der Mensch hat das Recht, nach seinem eigenen Gesetz zu leben: zu leben wie er will, zu arbeiten wie er will, zu spielen wie er will, zu ruhen wie er will, zu sterben wann und wie er will…“ und der Mensch hat das Recht, all diejenigen zu töten, die ihm diese Rechte zu nehmen suchen.(3) Libertäre halten zwar das Gewaltausschlussprinzip hoch, wonach jeder physische Übergriff ungerechtfertigt ist, sofern dieser nicht aufgrund freiwilliger Vereinbarung erfolgt. Abgesehen davon, dass freiwillige Vereinbarungen häufig auf äusseren Druck zustande kommen, öffnet sich hier auch noch ein weiteres Dilemma. David D. Friedman nennt folgendes Beispiel: Darf ein Hausbesitzer ein voll besetztes Flugzeug abschiessen, das auf sein Eigentum zuzustürzen droht?

Die simplen, naturrechtlichen Prinzipien der Libertären liefern für ungewöhnliche Ereignisse keine Lösungen. So wird denn auch diskutiert, ob ein Paar das Recht hat, ein Kind – das eigentlich Eigentum der Mutter sei – einzig zu zeugen, um es in einem Ritual als Opfer darzureichen. Womit wir wieder bei den Satanisten wären.

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Maximale Freiheit – keine Wahl

Innerhalb geordneter Anarchie sind die Menschen daran interessiert, sich der Reputation wegen normgerecht zu verhalten – so das libertäre Konzept. Reputationsmechanismen entscheiden jedoch schon längst über Erfolg oder Misserfolg von um die Gunst konkurrierenden (arbeitenden) Menschen. Und hier scheitern wir auch dauernd. Die Reputation leidet nicht nur aufgrund äusserer Zwänge. Auch Ängste, Krankheit, falsches Bewusstsein aufgrund anderer Lebensentwürfe, Alter, Motivation oder Unvermögen etcetera können einen Achtungswettbewerb einschränken. Libertäre unterschlagen dies. Umso mehr prangern sie die Räuberbanden in staatlichen Institutionen an. Ein gehätscheltes Feindbild. Wer wie Hans-Hermann Hoppe reinen Apriorismus vertritt, gönnt sich diese Freiheit und misst seine Ansichten, gott- oder satansgleich, nicht an der Wirklichkeit.

Wenig verwunderlich daher, dass Libertäre gelegentlich den Kontakt zur Realität abzubrechen scheinen und sich in Verschwörungsphantasien verlieren. Einige behaupten, hinter der Katastrophe von 9/11 stecke der amerikanische Geheimdienst, andere halten den Klimawandel für einen grenzenlosen Schwindel, Politiker seien Informations-Manipulatoren und die öffentliche Meinung dirigierten vom Staat indoktrinierte Journalisten. Vieles an den Schilderungen Liberärer ist schlicht exzentrisch, einiges geradezu psychotisch.

Aus der Ferne höre ich wieder Satanisten raunen. Zum Beispiel den Orientalischen Tempelorden O.T.O.: „Wer nicht erleuchtet ist, gilt als Sklave durch eigenen Willen. Doch sollen unsere Sklaven freie Männer sein. Sie sollen arbeiten, wo sie wollen, wann sie wollen und wie sie wollen. Der Unternehmer mag sie heuern und feuern wie er will. In der kontrollierten Anarchie gibt es keine Polizei, keinen Gesundheitsdienst und keinen Schulzwang.“(3) Zeilen, die dem Programm einer libertären Partei entstammen könnten.

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Par Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz (Aleister Crowley)

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Tu was du willst – wenn du es dir leisten kannst. Drogenkonsum? Das Recht darauf lässt sich erkaufen. Ärger mit einem Schuldner? Eine Firma wird dein Recht gegen Rechnung durchsetzen (ausser der Schuldner zahlt besser). Liebeskummer? Depressionen? Autounfall? Kein Problem – wenn du genügend Vermögen angespart hast! Der Libertarismus umfasst zahlreiche spannende und überraschende Gedankengänge. Ich werde ihnen allein schon deshalb folgen, weil sie das Rechts-Links-Schema um eine neue Dimension erweitern. Eine Dimension, an der offensichtlich mehr und mehr (vor allem einflussreiche) Leute Gefallen finden. In seiner volkstümlichen Ausprägung aber ist der Libertarismus kaum erträglich und präsentiert sich schlicht als Querulanz.

Die Utopie einer Gesellschaft nach libertären Vorstellungen mag in (archaischen) Kleingemeinschaften funktionieren. An den komplexen wirtschaftlichen und sozialen Netzwerken, die gegenwärtige Gesellschaftsformen kennzeichnen, dürften die eher simpel gestrickten Grundsätze zerberstend aufprallen. Der grösste Mangel liegt jedoch im Freiheitsbegriff der Libertären. Für die Freiheit verstanden als Selbstverwirklichung scheint darin kein Platz vorgesehen. Ausser die Selbstverwirklichung beschränkt sich  auf ökonomische Prozesse.

Nach dem bisherigen Studium habe ich verstanden, dass eine libertäre Ordnung eine äusserst voraussetzungsvolle Ordnung ist: nur grundsätzliche Übereinstimmung der Individuen bei den grundlegenden Normen ermöglicht die Funktionsfähigkeit der libertären Anarchie.“(4) Kein Platz also für jene, die sich nicht für diese Idee von Freiheit entscheiden. So bleibt letztlich keine Wahl – und also auch keine Freiheit. An diesem Paradox erstickt der Libertarismus. Bis auf weiteres werde ich lieber mit einem Engel ein Glas Wein trinken, als mich mit Satan zur Tea Party einfinden.

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 (1) aus „Die Ökonomie von Gute und Böse“ von Tomas Sedlacek

 (2) aus „Der Weg zur Knechtschaft“ von Friedich August von Hayek

(3) aus „Satanismus – Geschichte und Gegenwart“ von Josef Dvorak

(4) aus „Freiheit ohne Staat?“ von Michael Kilpper

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Empfehlungen

Der „fähigkeitsbasierte Libertarismus“: http://www.philosophie.hu-berlin.de/institut/lehrbereiche/anthro/mitarbeiter/keil/publikationen/pdfs/d26voll

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