Irgendwo in einem Dorf. Einige bewaffnete Männer packen einen Mann und führen ihn ab. Ein kleiner Junge reisst sich los, rennt auf die Gruppe zu, ruft „Papa, Papa…“ Schüsse. Der Junge bricht tot zusammen. Ein Pressefotograf beobachtet die Szene, fotografiert. Fotografiert die weinende Mutter, die zu ihrem Kind niederkniet und es in den Arm nimmt. Sie schluchzt mit ganzem Körper. Der Fotograf tritt näher und fotografiert weiter das elende Bündel.

Klick, Aufziehen, Klick… Die Mutter stockt, schaut auf. Der Mann steht wenige Meter vor ihr, fotografiert noch immer. Sie hört auf zu weinen, fixiert ihn. „Asesino…“ murmelt sie erst. Wird lauter. Der Fotograf schaut sich um. Erst jetzt merkt er – die Frau meint ihn. Beim vierten, fünften Asesino…“ brüllt sie mit aller Verzweiflung und bricht schliesslich schluchzend über ihrem Kind zusammen.

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19171917 – der Terror überzieht den Kontinent (1)

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Mich schaudert noch immer, wenn ich an diese Szene aus A corps perdu von Léa Pool denke. Es ist eine der erschütterndsten Filmszenen, die ich je gesehen habe. Matthias Habich spielt den Pressefotografen Pierre, der in Nicaraguas Guerilla-Krieg im Auftrag einer grossen Zeitschrift nach Bildern sucht. Bilder, die seine Redaktion begeistern werden. Pierre jedoch fällt in sich zusammen. Teilnahmslos. Er kann nicht mehr. Fortan bildet er grosse Räume in neuen Hochhäusern seiner Heimatstadt ab. Sie sind so leer wie er selbst.

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Komplizen der Macht

Fassungslos schauen wir uns Kriegsbilder an. 1. Weltkrieg, 2. Weltkrieg, Vietnam, Afghanistan, Tschetschenien… Ikonen des 20. Jahrhunderts. Stets blieben wir nur Zeugen, erschüttert oder gleichgültig, erbost oder angeekelt, abweisend oder angestachelt, immer weit weg. Selbst auf den Strassen der Städte, wo wir uns in Umzügen gegen den Krieg versammelten. Flankiert von Polizeikordons und angewiderten Passanten, die uns nach Sibieren wünschten. Heute sind wir Komplizen der Kriegsmächte: Teile diesen Hass, lautet die Aufforderung. Viele tun es. „I like!“ Wer sich in sozialen Medien tummelt, kommt nicht um die Gegenaufklärer herum, die sich für Separatisten in der Ukraine ins Zeug legen oder scharf gezeichnete Bilder der israelischen und palästinensischen Kriegsgegner im Netz verbreiten. Ganz klar, wer hier gut ist und wer böse:

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israelBunt, spielend, lachend – Israel Kids (goo.gl/zlRnfL)

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Hamas Kriegsbemalt,  bewaffnet, gespannt – Hamas Kids (goo.gl/s90RUs)

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Google zeigt keine Zufallsauswahl. Bilder im Netz sind mit Stichworten verknüpft. Solche Stichworte können auch als Codes eingesetzt werden, mit denen sich Suchergebnisse steuern lassen. Die Eingabe Hamas Kinder ergibt andere Treffer als Hamas Kids. Ebenso listet google andere Bilder auf, wenn wir statt nach Israel Kids nach Kinder Israel suchen. Besonders verblüfft (oder auch nicht) ist, wer israel settler kids sucht. Der Tweet, der die aus meiner Sicht manipulierte Bilderauswahl verlinkt, ist hier unten abgebildet. Ihm folgt eine längere, hitzige Diskussion. Rasch klinke ich mich aus, denn schon im dritten Reply werde ich als Judenhasser und menschenverachtender Volldepp abgekanzelt. Die Fronten sind klar.

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Zugegeben; ich kann dem, was jüdische Menschen oder die Bewohner des Gazastreifens jetzt ertragen und empfinden, nicht vollumfänglich nachfühlen. Ich gehöre selbst nicht zur jüdischen oder palästinensischen Gemeinschaft. Auch leben keine Angehörige von mir in der Kriegsregion. Worauf ich mir dennoch erlaube hinzuweisen – auch in meinem Tweet oben – ist der fatale Drang, zu einem Ereignis in derart tendenziöser Art Position zu beziehen. Und damit Stimmung zu machen. Immerhin wird so eine Botschaft dann 14 Mal geteilt und durch Kommentare multipliziert. Das ist nicht mehr reine Privatsache, sondern eine Handlung im (halb-) öffentlichen Raum. „Werten, Ansprüchen, Argumenten oder Gründen ist nicht von vornherein anzusehen, welchen normativen Charakter sie haben; entscheidend ist, ob sie das Kriterium erfüllen, sich diskursiv als Kandidaten für das für alle gleichermassen Gute, die Gerechtigkeit, zu empfehlen.“(2) Tun sie dies nicht, müssen sie sich den Vorwurf unverschämter Falschinformation oder Denunziation etcetera gefallen lassen.

Auffallend, dass es immer wieder die selben Accounts sind, von denen eigentlich agitatorische Tweets ausgehen. Nebst Twitter und Facebook werden auch in anderen Internet-Foren Stammtisch-Gespräche öffentlich ausgebreitet und multipliziert. Sie bleiben oft unwidersprochen, scheinen salonfähig. Ob politnetz.ch oder vimentis.ch, auf zahlreichen Online-Portale richten sich Politikerinnen und Politiker, Bürgerinnen und Bürger an die Öffentlichkeit. Oft genügen kopierte Artikel, deren Quelle verschwiegen wird. Zumindest teilweise handelt es sich um im Auftrag erstellte Einträge und Kommentare. So wie kritische Stimmen hinter Pseudonymen und fiktiven Identitäten Produkte oder gar ganze Unternehmen diskreditieren, so können sie auch ganze Bevölkerungsgruppen oder Staaten in schlechtes Licht rücken. Dies wirkt um so mehr, als wir als Leserinnen und Leser auf den ersten Blick (bei dem es meist bleibt) meinen, es handle sich um neutrale Positionen von Unbeteiligten.

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Info-Guerilla mit Verschwörungsideen

Ein weiterer Kriegsschauplatz interessiert meine Netzgemeinde: die Ukraine. Immer wieder stosse ich auf Beiträge, in denen die einseitige Stimmungsmache gegen Russland angeprangert wird. Einige westliche Medien bedienen diese Klischees denn auch tatsächlich geradezu penetrant. Da war die Sonntagspresse, die das Foto eines Separatisten mit einem unsäglichen Titel aufpeppt. Ein Boulevard-Blatt, sonst auf Promi-Interieurs und Celeb-Füdlis spezialisiert, druckt ein Bild von einem auf dem Sitz angeschnallten, im Feld liegenden Opfer des über der Ost-Ukraine abgestürzten, malaysischen Passagierflugzeugs. Begründet wird dies im nachhinein mehr scheinheilig als überzeugend: Es sei sofort klar gewesen, dass pro-russische Separatisten für den Abschuss verantwortlich seien. Man wolle aufrütteln (sic!). Der Spiegel bringt ein Titelblatt mit Porträts der Opfer von Flug MH17 und titelt „Stoppt Putin jetzt“. Der Schock ob der menschlichen Tragödien schlägt um in blanke Empörung, evoziert und so gut es geht verwaltet von einer enthemmten Informations- und Unterhaltungs-Industrie.

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UKRAINE-AVIATION-ACCIDENT-RUSSIA-MALAYSIA.2014 – der Terror zieht ein ins Private

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Ob der Konflikt in Nahost oder jener in der Ukraine – da wie dort bringen Krisen obskure Kreise auf den Plan. Gemeinsam hegen sie alle ein unerschütterliches Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und den mit ihnen assoziierten Politik- und Journalismus-Systemen. Wer diesen Akteuren folgt, stösst bald auf national-konservative Verbindungen, esoterische Ansätze und  Verschwörungsideen. Es ist, als ob heterogene Wahrnehmungs- und Anpassungskonflikte in einem kollektiven Derealisationserleben kumulieren würden.

Wer diese Wahrnehmungsmuster kritisiert, gilt wahlweise als blindes Schaf, Schläfer in einer verblödeten Masse oder eben als Volldepp. Die Mainstream-Medien würden Medienlügen, die Hetze und Propaganda der USA (oder von Angela Merkel, oder von der EU, oder vom Bundesrat, oder …) verbreiten. Stimmt vielleicht sogar. Können wir so wahrnehmen. Doch dahinter steckt kein Masterplan, es ist keine manipulierte Informationsflut, kein von oben diktiertes Ziel. Es ist die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten, die mit ihrem Rohmaterial – den Bild-, Ton-, Textinformationen – versuchen, möglichst kohärent und plausibel eine Geschichte (nach-) zu erzählen. Wenigstens annäherungsweise.

Auch Informationsprofis können sich nie ganz sicher sein, wie sich ein Ereignis abgespielt hat. Sie müssen aus Indizien die Zusammenhänge erschliessen – so wie Juristen, Ärztinnen, Polizisten, Politikerinnen oder Eltern das ständig tun müssen. Was denn soll ich als wahr akzeptieren. Wenn ich schon nicht einmal sich er sein kann, mit welchen Finten sich der Bauunternehmer im Dorf – der auch noch im Gemeinderat sitzt – seine Aufträge einstreicht. Nur vom Hörensagen ist mir bekannt, dass ein anderer Unternehmer den Abstellplatz vor seiner Einstellhalle zu nah an den Dorfbach asphaltiert hat. Wenn seine Arbeiter den Fuhrpark abspritzen, so fliessen offenbar die Abwässer ungeklärt in den Bach. Das geschieht hier im Dorf. Vielleicht. Nichts davon steht im Gemeindeblatt. Und die Lokalzeitung berichtet freundlich von Schulbehörde und Traktanden der Gemeindesitzung. Nichts weiss ich.

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Gegenaufklärer gegen die Aufklärung

Es ist wahr: der israelische Armee terrorisiert das palästinensische Volk im Gazastreifen. Es ist wahr: die Hamas missbraucht Schulkinder als Schutzschilder und quält die eigenen Brüder und Schwestern. Es ist wahr: die ukrainische Regierung schiesst mit Kanonen auf die Menschen im Osten des Landes. Es ist wahr: 300 Menschen stürzten aus 11000 Metern auf eine Wiese in der Nähe des Dorfes Pelahijiwka. Ist das alles wahr? West-Medien lügen, die russischen Medien lügen, die Suchmaschinen lügen und die Blog-Autorinnen und Twitter-Follower lügen erst recht. Nein. Sie alle bilden einfach ihre Realität ab.

Entscheidend ist, vor welchem Hintergrund sie dies tun. In den Spannungsfeldern zwischen Vertrauen, Skepsis, Akzeptanz und Ablehnung etc. bewegen wir uns. Wir halten es aus, wir hören zu, wie versuchen zu verstehen. Dazu braucht es Medienunternehmen, die sich mit aller Sorgfalt um die ihnen zukommenden Informationen kümmern und sie entschlüsseln. Wir sind angewiesen auf Journalistinnen und Journalisten, die niemand anderem verpflichtet sind als ihrem eigenen Berufsethos, das sie erst noch immer wieder hinterfragen und aktualisieren – sie sind für die Menschen einer Gesellschaft wichtiger denn je.

Davon bin ich umso mehr überzeugt, als sich die Belege häufen, dass genau diejenigen gegen unabhängige Medien agieren, die zu den destabilisierenden Gegenaufklärern gehören. Sie alle attackieren nicht nur die sogenannten Mainstream-Medien, sondern auch öffentlich-rechtliche Mediensysteme. Immer deutlicher zeichnet sich ab, warum das so ist, so sein muss: wer das Vertrauen in die Journalisten und Massenmedien untergräbt, will die Funktionalität der Öffentlichkeit (noch mehr) zerstören.

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(1) „Chateau Wood Ypres 1917“ von Frank Hurley

(2) aus „Ethik und Moral“ von Rainer Forst in „Die Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öffentlichkeit“ (Herausgeber Lutz Wingert und Klaus Günther) .

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