Jeweils am 1. August feiern einige Schweizerinnen und Schweizer den Geburtstag ihres Landes. Da und dort sind Häuser mit Fahnen geschmückt. Gemeinden organisieren Festreden. Es gibt Wurst, Brot, Bier, Kuchen und Kaffee in Bechern. Am Abend dann Feuerwerk und Höhenfeuer auf tiefen Wiesen. Viel Schall und Rauch. Friede, Freude, Rüeblitorte… Und Mythen. Die geladenen Festredner und Festrednerinnen gönnen sich ganz nach Parteicouleur ihre Sicht auf das Zusammenleben in der Schweiz. Die Rede des nationalkonservativen Politikers, Präsidenten des „Komitees gegen den schleichenden EU-Beitritt“ und eigentlichen Rockstars der Classe Politique, Christoph Blocher, zeugt besonders eindrücklich davon, wie realitätsfremd und geschichtsklitternd dabei das Publikum umgarnt wird.

 

Ricken

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Auf dem Ricken. Im Dorf Ricken. Tiefste Provinz am höchsten Punkt zwischen Linth-Ebene, Zürcher Oberland und Toggenburg. Dichtestress erregt hier allenfalls die vom Ausflugsverkehr verstopfte Passstrasse, die mitten durch das Dorf führt. Und eine gewisse wildwüchsige Bautätigkeit. Ricken ist ein Ort ohne jeden Firlefanz. Und mitten drin steht ein riesiges Festzelt.

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volles Zelt

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Doch noch Dichte. Bloss ohne Stress. In zwei Tagen werden hier mehr als 2000 Menschen das Schwingfest besuchen. Aber schon heute, am 1. August, ist das Zelt rappelvoll. Sind es 1000 oder 1500 Gäste? Wie auch immer. Die Festbänke jedenfalls sind bis auf den letzten Platz besetzt. Dies ist nicht die Ödnis einer halbleeren Plachenhölle – wie an anderen Anlässen. Blochers Limousine steht halb in der Wiese, halb in Regenpfützen, ein paar Meter vom Zelt-Eingang entfernt. Er selbst sitzt bereits in der Nähe der Bühne. Mitten unter den Leuten. Gegenüber seine Frau. Dauernd kommen Menschen zu ihm an den Tisch, grüssen ihn mit Handschlag, schwatzen, lachen, klopfen Schultern.

 

Blocheiter

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Geht er von Gattin Silvia Blocher gefolgt durch den Raum, rufen ihm die Leute zu. Er bleibt stehen, plaudert. Der Milliardär ist ganz Kumpel. Das wirkt keinesfalls gespielt oder aufgesetzt. Blocher scheint in der Menge aufzublühen. Er geniesst den Auftritt, fühlt sich sichtlich wohl.

 

Musik

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Die Vorband verbreitet derweil nicht einen Hauch von Urtümlichkeit im urbanen, temporären Tempel. Zwischen Sponsoren-Plakaten, Plastikplanen mit SVP Logo und Absperrgittern wirken die Musiker wie die mit Klebeband ans Rednerpult gepappten Schweizerfähnchen – flüchtig drapierte Kongruenz. Es ist ein Vorgeschmack, auf das was noch kommen wird. Die Leute stört das nicht. Die Stimmung ist locker und gleichzeitig neugierig gespannt.

 

BlochTreichlachnde

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An den Konzerten von AC/DC dröhnen die Hells Bells im Dunkeln. Das Publikum rastet aus. Christoph Blochers Auftritt läutet ein Gruppe Treichler ein, wie stets an derartigen Anlässen. Die Wirkung ist mit jener eines AC/DC Konzerts vergleichbar. Die Spannung steigt wenn Schellen und Klingeln Mark und Bein durchdringen. Inmitten der glockentragenden Männer paradiert Blocher der Bühne zu. Umringt von den Recken, symbolisch abgeschirmt durch die immense Klangwolke, scheint dieser Mann unverletzlich. Keiner kann ihm was. Hier nicht, in Bern nicht, nirgendwo.

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Gereckte Hälse, gezückte Handys und pochende Herzen. Die schlichte aber äusserst eindrückliche und wirksame Inszenierung steigert die Spannung. Das Publikum ist begeistert, einige geradezu verzückt.

Sein Referat beginnt Christoph Blocher mit Understatement. Er sei überrascht aber natürlich sehr zufrieden, dass so viele Frauen und Mannen auf den Ricken gekommen seien. Dann folgt die Geschichte vom Metzger, der an einer früheren Rede bloss für die erwarteten 700 Gäste Essen vorbereitet hätte. Nun seien mehr als doppelt so viele Leute gekommen. Herrgott, was er denn nun tun soll. Blocher hätte ihm gesagt; „…ja gut, dann rede ich halt zwei Stunden, bis sie genug Ghackets und Hörnli für alle gekocht haben...“ Die Anekdote erzählt er nicht zum ersten Mal.

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RedeclosKleber

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Christoph Blocher hat sein Repertoire im Griff. Auch das Publikum hat er im Sack. Schon seit Jahren. Die Stücke oder besser Textbausteine seiner Rede, so scheint es, variiert er bloss noch. Immer wieder stimmen Einzelne mit „Jawolll…“ zu. Oft gibt es Szenenapplaus. Es kommt mir vor, als könnten die Leute jeden Moment den Text mitsummen, wenn sie innerhalb des rund einstündigen Auftritts nicht den Einsatz verpassen würden.

Natürlich thematisiert Blocher die Geburtsstunde der Nation. Dabei nimmt er es nicht sonderlich genau. Er bedient sich simpelster Mythenschreibung. „Die drei Urschweizer-Täler (…) schlossen einen Bund – der im Freiheitsbrief von 1291 niedergeschrieben ist. Die Vebündeten nannten sich schon damals Eidgenossen… Da die mutigen Männer – wohl die damaligen Landammänner der drei Länder – nicht schreiben und lesen konnten, zogen sie einen Kirchenmann bei, der den Freiheitsbrief lateinisch niederschrieb. Er beginnt „Im Namen Gottes, Amen“ (1) 

Die Gründungsgeschichte der Schweiz beschreibt Blocher in der am wenigsten wahrscheinlichen Variante. Virtuos vermischt er hierzu (sowieso kaum gesicherte) Überlieferung, Mystifizierung und Schillersches Drama. So malt er ein Geschichtsbild, das mehr dem Plot eines filmischen Schmachtfetzen entspricht, als einer Erinnerungsarbeit aufgrund historischer Fakten.

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Redevonhinten

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In Silvia Blochers Nähe – weiter oben am Ende der Festbank – sitzt auch Christoph Mörgeli. Ist das, was wir hier hören, das Konstrukt des Medizin-Historikers? Mörgeli ist bekannt für seine spitze Feder, kaum aber für wissenschaftlich fundierte Arbeitsweise.

Eine wahrscheinlichere Variante als die auf dem Ricken vorgetragene Romantik-Version könnte so lauten: Die lokalen Führungsschichten nutzten während einer Phase ungenügender Zentralgewalt die Gunst der Zeit und sicherten in einem Bündnis ihren Einfluss. Dieses Bündnis nützte in erster Linie der regionalen Elite: „Und auf jeden Fall hat jede Gemeinde der andern Beistand auf eigene Kosten zur Abwehr und Vergeltung von böswilligem Angriff und Unrecht eidlich gelobt in Erneuerung des alten, eidlich bekräftigten Bundes, – jedoch in der Weise, dass jeder nach seinem Stand seinem Herren geziemend dienen soll.“ (Bundesbrief von 1291) Also Friedenssicherung nach innen und aussen, die Sicherung von Herrschafts- und Rechtsansprüchen – Eine Union (EU) im Taschenformat sozusagen.

Blocher weist in seiner Rede darauf hin, dass die Geburtsstunde von Ländern oft nicht genau zu bestimmen ist. „Das gilt insbesondere für die Schweiz.“ Die urigen Eidgenossen bekämpften keine fremden Vögte, sondern sie überfielen das Kloster Einsiedeln, plünderten es und nahmen Mönche gefangen. Vorausgegangen waren Weidestreitigkeiten und Viehraubaktionen. Werner von Homberg besass Erbansprüche auf die Vogteirechte über das Kloster Einsiedeln und machte sie gegenüber Habsburg geltend. Knapp zwei Jahre nach dem Überfall auf das Kloster kam es zur Schlacht am Morgarten.

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„Konkret ging es am «Morgarten» somit um eine Adelsfehde, also eine Auseinandersetzung zwischen dem Reichsvogt Werner von Homberg und dem Habsburger Landesherrn und um deren Ansprüche auf Vogteirechte über Besitz des Klosters Einsiedeln.“ (2) Herzog Leopold von Habsburg geriet am Morgarten in  einen Hinterhalt. Über den genauen Schlachtverlauf gibt es keine konkreten Hinweise. Nach der Schlacht aber verbündeten sich die „lantlüte von Ure, von Szwits und Underwalden“.  Der Morgartenbrief ist auf den 9. Dezember 1315 datiert und ähnelt dem Bundesbrief von 1291. „Das Bündnis von 1315 hatte im Gegensatz zu demjenigen von 1291 eine nachhaltige Wirkung. Der Morgartenbrief wurde häufig abgeschrieben oder nachträglich aktualisiert“.(2) Blocher behauptet: Die Geburtskunde wandte sich ausdrücklich gegen jeden fremden Eingriff – damals wehrte man sich gegen das Haus Habsburg und im Laufe der Geschichte hatte man sich immer wieder gegen andere europäische Mächte zu wehren.“ (1)

Was Bundesbrief von 1291 und Morgartenbrief von 1315 regeln, ist in zahlreichen anderen Freiheitsbriefen so oder ähnlich formuliert. Die von Eidgenossen geschlossenen Bünde sind keinesfalls so exklusiv, wie sie Christoph Blocher immer wieder darstellt. Und vor allem: der Mythos von den mutigen, eher einfachen Männern – sie hätten weder schreiben noch lesen können (das konnten damals nur Geistliche, was Blocher unterschlägt) und waren „wohl die damaligen Landammänner“ – ist aller Wahrscheinlichkeit nach falsch. Viel eher fochten die Führungsschichten auf dem Buckel der gelobten einfachen Männer ihre Herrschaftsansprüche aus. Immerhin: Im Lobgesang auf die einfachen Leute verbündet sich Christoph Blocher mit seinen Zuhörerinnen und Zuhörern. Sie folgen ihm gebannt. Er ist einer von ihnen. Und doch nicht.

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TotaleRE

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Denn er setzt sich ein… gegen die da oben. „Heute sitzen die Vögte leider in den eigenen Amtsstuben. Es ist an uns – Bürgerinnen und Bürger – uns dagegen zur Wehr zu setzen.“ (1) Die Juristen, die Studierten überhaupt, die Classe Politique, allesamt arbeiten sie gegen die einfachen Leute. Sarkastisch flüstert er; da würde dann leise gesprochen und mit ausgewählten Worten.

Blocher tritt immer wieder nach vorn zum Bühnenrand, spricht mit dem Körper bis hinaus in die Fingerspitzen. „Sie merken schon, was sich da tut“. Er streckt den Arm aus, dreht die Handfläche nach oben und zappelt mit den Fingern, als wollte er uns auf die Bühne locken. Es ist die Geste der Verführung, die uns aufzeigt, wie die Technokraten in Bundesbern uns um den Verstand bringen wollen. Verstohlen arbeiten sie. So wie jenes Grüppchen, das sich im Geheimen ausdenkt, wie der Bund unsere Initiativrechte beschneiden könnte.

„Es gibt eine Zeit zum Reden und eine Zeit zum Schweigen. Jetzt ist die Zeit zum Schweigen,“ sagte Christoph Blocher einst an anderer Stelle. Er selbst nimmt sich die Freiheit, im Verborgenen zu handeln. Auch als Staatsmann, als Geschäftsmann oder Medien-Tycoon. Die Geheimgruppe, von der er – und die ihm zugewandten Publikationen – spricht, war im übrigen wohl eine von unzähligen Arbeitsgruppen, die in politischen Arbeitsprozessen zusammenfinden, um Themen zu diskutieren. Blocher inszeniert diesen alltäglichen Arbeitsprozess als abgekartetes Spiel, das glücklicherweise aufgedeckt wurde. „Völkerrecht…?“ ruft er dem Publikum höhnisch zu. Sie reden von Völkerrecht, das unserem Recht übergeordnet sei – und gleichzeitig seien sie da oben bestrebt, unsere ureigenen Rechte zu schwächen. Darum gälte es, die fremden Richter an der Urne zu bekämpfen. So lange wir noch können.

Überhaupt betont Blocher ständig die Vertikale der Gesellschaft: die Politiker da oben in Bern, die Obrigkeit, die Classe Politique, die Vögte in den Amtsstuben, die Kraft der einfachen Bürger. Doch „…wenn die Obrigkeit versagt, gab es Leute in der Bevölkerung, welche die Obrigkeit von ihren Irrwegen abhielten.“ (1) Damit verblassen Versagensängste, das Gemeinschaftsgefühl ist gestärkt. Labsal für das Volk. So ist denn die Situation tragisch. Ernst aber ist sie nicht.

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Applaus

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Überhaupt nicht ernst. Mit seinen Spässen hält er die Leute bei Laune. Politik ist ein Fest, könnte man meinen. Zumindest für das Publikum hier. „Ich bin überzeugt, dass es uns gelingt, unsere traditionellen, auf dem Bundesbrief beruhenden Werte zu bewahren. Gegen eine irregeleitete Obrigkeit!“ (1)  Schon wieder. Klischees bedienen viele Rednerinnen und Redner andernorts auch. Nur nicht so plump wie Christoph Blocher. Und nicht so erfolgreich. Denn keiner beherrscht die Gesten und den Sound der Verführung so perfekt wie er.

Zum Showdown werden dem Star lokale Leckereien gereicht. Und Blumen für die Gattin. Vor vielen Jahren hätte Silvia Blocher vor laufender Fernsehkamera geweint und gesagt, ihr Mann würde verkannt. Zum Glück sei das heute anders, meint der Gastgeber Hansueli Hofer von der SVP Toggenburg. Der Mann hat Tränen in den Augen.

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Treichlerkopf

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Kaum ist Blocher von der Bühne hinunter zu seinem Volk gestiegen, zum Platz an der langen Festbank, verlassen viele Leute auch schon das Zelt. Das Fest ist vorbei. Die Treichler läuten aus. Bedächtig in Einerkolonne stapfend vertreiben sie die Magie von diesem Ort. Noch immer ist Christoph Blocher umringt, posiert für Erinnerungsfotos, Schulterklopfen, Händedruck. Er ist eine Rampensau, ein Energiebündel, ein charmanter Demagoge.

Nach dem Referat gibt es Mittagessen. Alle, die ihren Essenscoupon bezogen hätten, würden zügig verpflegt, versichert Hansueli Hofer noch. Es riecht streng nach verbranntem Fett. Bevor es mir den Atem raubt, flüchte ich ins Freie.

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Chauffeur

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Der Chef bleibt noch eine Weile unter seinen Leuten im Zelt. Er schätze die Gemeinschaft und renne deshalb nicht wie in früheren Jahren von Anlass zu Anlass. Lieber bleibe er zwei drei Stunden. Blochers Chauffeur und Sicherheitsmann verstaut unterdessen die Aktenmappe und das Jacket, trägt einen weissen Kessel voller Wasser zum Auto, deponiert ihn beim Vordersitz. Die Kleider für die weiteren Auftritte des Tages hängen an Bügeln. Die Limousine ist der Tour-Bus. Zweimal noch wird Christoph Blocher heute irgendwo im Land die Showtreppe hinauf steigen.

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Treichler

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Ein Treichler trägt die Glocken zurück in sein Haus zwischen Tankstelle und Passstrasse. Übermorgen werfen sich hier die Schwinger ins Sägemehl. Im Festzelt wird dann Siedfleisch serviert. Das sei weitherum bekannt, erzählt uns ein freundlicher alter Mann. Viele Leute kämen hier her, nur um von ihm zu kosten, vom Spatz, der mir doch sicher noch bestens bekannt sei aus meiner Zeit im Militärdienst…

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(1) Skript der 1.August-Rede: http://www.svp.ch/de/assets/File/1_%20August-Rede%202014%20schriftliche%20Fassung%20Deutsch.pdf

(2) „Die Schlacht am Morgarten“:

http://www.morgarten2015.ch/fileadmin/Lernportal/Die_Schlacht_am_Morgarten.pdf

Alle Fotos von cuirhomme

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EMPFEHLUNG

„Der Nationalfeiertag“ von Judith Stamm (Historisches Seminar-Universität Zürich Podium vom 2.4.08)

: https://web.archive.org/web/20111105154508/http://www.hist.uzh.ch/ueberuns/tagderoffenentuer/Stamm.pdf

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