Ein weiterer Krieg ist zu Ende. Zumindest vorübergehend. Kaum hat sich der Kanonenrauch verzogen, verschwinden die Berichte und Bilder aus dem Blickfeld. Während der Abspann noch läuft, scrollt bereits eine Bundeshaus-Sekretärin mit ihren Nackt-Selfies in den Vordergrund. Atombusen statt Raketenhagel. Beides bindet Aufmerksamkeit. Die Währung heute – egal, ob kommerzielles Medium oder privater Social Media Account. Herausstechen, einschlagen, auffallen. Bloss wie? Der nackten Sekretärin wurde das Gesicht verpixelt und ausgelöscht. Von ihr blieb nur der Körper. Und der Krieg? Dem wollen sie ein Gesicht geben. Dem Umfassbaren ein Antlitz aufsetzen, so dass wir es sehen können.

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GhettoJunge im Warschauer Ghetto, unbekannter Fotograf 1943 (1)

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Je weiter entfernt ein Konflikt ausgefochten wird, desto höher muss die Opferzahl steigen. Sonst erlischt das Interesse. So zynisch ist die Gleichung. Ebenso verhält es sich mit Religionszugehörigkeit oder kultureller Verwandtschaft. Während uns Serben, Bosniaken, Sudanesinnen und Somalierinnen oder Muslime generell kaum berühren, sorgen wir uns um das jüdische Volk in Israel, die Eingekesselten im Gazastreifen oder die Ostukrainer, die sich möglicherweise zaghaft Europa zuwenden. Empathie ist nicht schrankenlos.

„Es braucht kaum erträgliche Fotos, um den Krieg in Syrien ins Bewusstsein zu holen“ und das, obwohl der Krieg „nur fünf Flugstunden entfernt“ ist. Der Autor dieses Artikels auf infosperber.ch bringt es also auf den Punkt. Die Barbarei, das Grauen ist so nah! So nah schon…?! Damit wirkt die Botschaft weniger auf unser Bewusstsein, sondern klingt besonders im Unbewussten an. Da wo sich die Lust, die Ängste, das – wenn wir so wollen – Verdrängte eingenistet hat. Die Enthaupteten und Entkörperlichten erinnern denn auch weniger an den für uns sowieso unüberschaubaren Krieg. Viel mehr bedrohen uns solche Bilder – wie weiter unten eine Montage (sic) mit „tatsächlich enthaupteten Soldaten der syrischen Armee“– ganz direkt.

Flöten wir uns sonst angstmildernd zu; es ist ja bloss ein Film, so sollen wir hier das Fürchten lernen. In Konkurrenz zur Fiktion hat es die Realität schwer. Doch doch, tatsächlich. Es ist also wahr?! Wir nehmen von Männermonstern sichtbar gemachten Terror wahr (das Monstrum; lateinisch Mahnzeichen). In der Zurschaustellung des zerstückelten Körpers – verbunden mit dem erhobenen Finger – erkennen wir die maximale Infragestellung unserer Existenz und einen symbolischen Angriff. Dieser bärtige, gläubige Mann hat die Macht über das Leben von 7 Ungläubigen und wohl unzähligen weiteren. Er scheint fest entschlossen, seine Macht zu nutzen. Mitten in der belebten Stadt, nur wenige Flugstunden entfernt von hier.

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Abu Abd al-Rahman al-Iraqi„Grausame Bilder nur fünf Stunden Flugzeit entfernt“ (2)

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Den Wahhabiten allerdings gilt die Enthauptung als gerechte Strafe. Bis zu 15000 Menschen sollen in saudiarabischen Städten nach dem Freitags-Gebet den öffentlichen Hinrichtungen beigewohnt haben. Mit der Belustigung einer Event-Gesellschaft dürften solche Ereignisse wenig zu tun haben. Es ist „der gemarterte, zerstückelte, verstümmelte, an Gesicht oder Schulter gebrandmarkte, lebendig oder tot ausgestellte, zum Spektakel dargebotene Körper (…) als Hauptzielscheibe der strafenden Repression.“ (3)

Ende des 18. Jahrhunderts sei in Europa und den Vereinigten Staaten das düstere Fest der Strafe verschwunden und die „gesamte Ökonomie der Züchtigung umgestaltet“ worden, schreibt Michel Foucault. In unseren Augen ist dieses Bild deshalb widerlicher, aufwühlender Tyrannen-Porno. Die einschüchternde Macht-Demonstration von atavistisch anmutenden Straf- und Scharfrichtern. Sie und diejenigen, die solche Bilder verbreiten, pflanzen den Schrecken für einen Moment in das vermeintlich gebändigte kollektive Unbewusste. Trophäen gleich zeigen wir die Darstellungen in unseren (social-media-) Kreisen herum und geben das auch noch als Aufklärung aus. Kriegserklärungen unter Männern. Frauen? Abwesend! Ungefragt. Überrumpelt.

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Mordslust

Gewaltbilder, gemarterte, zerstörte Körper, ausgelöschtes Leben. Die Abbilder davon hängen zu Tausenden in unseren Wohnzimmern, an Wegkreuzungen, in Kirchen. Jesus am Kreuz. Von den eingeschlagenen Nägeln rinnt an den Händen und Füssen das Blut. Wir haben uns daran gewöhnt und entziffern nicht die Grausamkeit der Darstellung, sondern Hoffnung. Nicht erst seit Fernsehen und Kino nisten sich Darstellungen von Gewalt mit einer Mordslust in unserem Alltag ein.

Bis auf sehr seltene Ausnahmen scheinen grausame Bilder ausschliesslich Männerbilder. Eine dieser Ausnahmen ist das Bild Judith und Holofernes von Artemisia Gentileschi nach einem Motiv aus dem Alten Testament. Holofernes  ist entzückt von Judith und „begierig danach, mit ihr zusammen zu sein.“ Der Vergewaltigung entgeht sie bloss, weil Holofernes zu viel Wein trinkt und einschläft. Sie nutzt die Gelegenheit:Mach mich stark, Herr, du Gott Israels, am heutigen Tag! Und sie schlug zweimal mit ihrer ganzen Kraft auf seinen Nacken und hieb ihm den Kopf ab“ (Buch Judith, Kapitel 13). Gentileschi stellt in ihrer Darstellung der mordenden Judith eine Dienerin zur Seite. Artemisia Gentileschi wird als 17-Jährige tatsächlich vergewaltigt und muss deswegen ihre Heimatstadt Rom verlassen. Rund 10 Jahre später malt sie eine weitere Version des Motivs. Die Judith, wiederum mit den Gesichtszügen Gentileschis, trägt ein gelbes Kleid – die Farbe, die mit dem Verräter Judas assoziiert wird und mit Hass.

Haben wir nicht Verständnis für diese Frau, die sich des Tyrannen entledigt?

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Gentileschi_Artemisia_Judith_Beheading_Holofernes_Naples„Judith und Holofernes“, Artemisia Gentileschi, circa 1612 (5)

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Nein. Genau so wenig Mitgefühl wie mit dem lüsternen Holofernes. Und auch kein Verständnis für Abu Abd al-Rahman al-Iraqi, der seine von Glaubenswahn besessenen Krieger mordend durch Syrien führt. Oder auch nicht: denn gemäss Wikipedia ist der Mann seit 8 Jahren tot. Den infosperber hindert das nicht daran, mit ihm für den Krieg in Syrien zu werben. Kriegschaos ist auch Infochaos…

Der Hass widersetzt sich geltenden Regeln. Im Krieg verblassen Gesetze. Wo keine Gesetze sind, gibt es keine Übertretung. Doch die Überschreitung ist nicht die Negation des Verbots, sondern sie geht über das Verbot hinaus und vervollständigt es (…) Das beseitigte Hindernis, das geschmähte Verbot überlebt die Überschreitung. Selbst der blutigste Mörder kann nicht den Fluch ignorieren, der ihn trifft. Denn der Fluch ist die Bedingung seines Ruhms.“ (4) Das Un-Recht, der Verstoss ist es, was uns berührt, entsetzt – und möglicherweise fasziniert.

„Oder ist die Ästhetik des Schreckens heute historisch verbraucht? Haben industrielle und mediale Produktionsweisen ihre Methoden trivialisiert? Könnte es sein, dass der Wahrnehmungsschock, auf den die ästhetische Avantgarde so viel subversive Hoffnung setzte, heute kulturell die Seiten gewechselt hat und im Zentrum der herrschenden Produktionsweise des Trivialen und des falschen Bewusstseins praktiziert wird? Dann ständen die Methoden der Freisetzung, wie sie die ästhetische Moderne entwickelt hat, unversehens im Dienst sozialer Anpassung und wären Bestandteil jener Drogen, mit deren Hilfe die Menschen inmitten der Banalität der alltäglichen Kommunikationsweisen und der realen Schrecken zur besseren Verfügung gehalten werden könnten.“ (6)

Trifft die Habitualisierungsthese zu? Sind wir durch die mediale Verbreitung von Gewaltphantasie und -bildern desensibilisiert gegenüber Grausamkeiten? Gleichgültig? Mehr noch: sind solche Darstellungen gar ein Mittel zur Unterdrückung – ganz so wie die nach Hinrichtungen ausgestellten Leiber?

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illustree „La Vie Illustrée“, Titelseite vom 27.2.1903

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Schaulust

Meisterlich verdrängen wir den Tod. Wir verlassen uns darauf, dass er uns so spät wie nur irgend möglich widerfährt. Verschwunden sind die Gebeinhäuser, von Epidemien entvölkerte Landstriche, mörderische Autounfälle. Wir versichern uns gegen das wider Erwarten Unausweichliche. Umgeben wir uns gerade deshalb lustvoll mit den Toten in ihrer medialen Inszenierung? „Die Todesopfer von Katastrophen kommen zwar ins Bild, aber sie bleiben dort anonym, so wie längst alle Tode anonym geworden sind. Wir beklagen in diesen Opfern Mitmenschen, deren Leben von einem anonymen Zufall ausgelöscht wurde.“ (7) So weit also alles unter Kontrolle.

Mit dem Schwund kriegserfahrener Generationen nimmt die katastrophische Medienerzählung zu. Action- und Apocalypsenfilme haben Komödien, Romanzen, Tanz- und Musikfilme von den Bestseller-Listen verdrängt. Im Fernsehen sind wir 24 Stunden am Tag Lost und Walking Dead. Ausweglos Under The Dome. Das kriegsunerfahrene Publikum wird bei Laune gehalten. So entgleitet ihm nicht gänzlich, wie Disziplin, Wehrwille und Todessehnsucht schmecken. Ist das Programm…? Oder bloss uns innewohnende, latente Schau- und Angstlust, die es zu stillen gilt?

Mit jedem tatsächlich enthaupteten Soldaten oder aus dem Leben gerissenen Unbeteiligten von Flug MH17, mit jedem Bild also, das eine von anderen Menschen erlebte Wirklichkeit in sich birgt, erschrecken wir (vor allem?) über uns selbst. Denn wir ertappen uns selbst als Voyeure. Das ist kaum zu ertragen, zumal dies angesichts wahrhaft Leidender geschieht.

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anatomieGekreuzigter Jesus als anatomisches Wachsmodell, circa 1760-1780

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Zeigelust

Der Kriegsfotograf Luc Delahaye sagt: „Nein, ich suche kein Abenteuer, obwohl es mir den Weg ebnet, diese Art von Gefühlen und diesen Zustand zu erreichen. Es kommt mir auf diesen starken Seins- oder Existenzzustand an. Die Suche nach chaotischen Situationen, wo das Reale gestört wird, hat damit zu tun, dass ich mich in einer Gleichgültigkeitslage befinde (…) Die Beziehung zur sogenannten normalen Realität genügte mir einfach nicht, weshalb es mir, um zu existieren, notwendig schien, eine superlativische Realität zu erfahren.“ (8) Delahaye existiert vor allem, wenn er für jene mit Bildersucht Bilder sucht. Für diejenigen in Gleichgültigkeitslage am anderen Ende der Kanäle.

Er gibt zu, dass er nichts bewirken will, nichts bewirken kann. „Jahrelang für die Presse tätig ohne eine Absicht und ohne den Eindruck zu haben, ihr irgendwie nützlich zu sein, bediente ich mich der Position nur, um dem Realen näher zu kommen.“ Wo die in den Bildern gespeicherten Erfahrungen sich nicht mit den Erfahrungen der Betrachter verbinden, wo die Angebote zur Reflektion unterbleiben, da sind viele Kriegsbilder – nicht aber jene von Delahaye – tatsächlich nichts weiter als perverse Trophäen. Wer sie teilt wird zum Händler und damit selbst zum Profiteur zwischen abgebildeten Opfern und schaulustigen Medien-Konsumentinnen und Konsumenten.

Die massenmediale Dramaturgie der Ignoranz erfährt so neue, willkommene Blüten, an denen die Aufmerksamkeit schnuppert. Dank sozialer Medien stimmen nun auch wir mit ein in den Choral der in Serie erneuerten Tatsachen. Und tragen damit fleissig zur gesellschaftlichen Produktion von Unbewusstem bei: Islamophobie, Überfremdungsangt, Wehrwille etcetera.

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Retter  Rettung der Barbara James, London 1944 (9)

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Dem Krieg ein Gesicht geben – welch leere Floskel! Tote habe keine Gesichter. Ihnen bleiben bloss leblose Masken. Täter und erst recht die Opfer müssten ihre Gesichter behalten – im Leben. So wie in diesem Bild oben. Barbara James wird nach einem letzten Nazi-Angriff aus einem Londoner Haus geborgen. Ob inszeniert oder nicht – die Aufnahme appelliert weniger an unsere Ängste oder Abwehr. Viel mehr ermöglicht sie uns, mit den Protagonisten eine Beziehung aufzunehmen. Das ist besser, als in unbewusste Regression katapultiert zu werden. Kriege freilich sind auch so nicht zu verhindern. Vielleicht aber einige Bilderkriegsversehrte…

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(1) aus „Durchs Bild zur Welt gekommen“ von Hugo Loetscher

(2) „Bildmontage“:  „Abu Abd al-Rahman al-Iraqi posiert mit den Köpfen enthaupteter Soldaten des syrischen Regimes“joshualandis Blog

(3) aus „Überwachen und Strafen“ von Michel Foucault

(4) aus „Die Erotik“ von Georges Bataille

(5)  wikipedia

(6) aus „Die Grausamkeit der Bilder“ von Helmut Hartwig

(7) aus „Faces“ von Hans Belting

(8) aus „Der Adel der Kriegsfotografie“ in Kunstforum Band 165, „Kunst und Krieg“

(9) aus „150 Jahre Fotojournalismus“, Hulton Deutsch Collection

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EMPFEHLUNGEN

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