Im Flur eines überfüllten Intercitys. Ich sitze auf meinem Koffer, zeige dem Schaffner den Interrail-Pass. „Der ist aber nur gültig in den kapitalistisch-imperialistischen Staaten,“ bafft er mich an und mustert mich misstrauisch. „Na dann bleiben se da sitzen und bewegen sich nich von der Stelle“. Irgendwo zwischen Helmstedt und Berlin-West, Mitte 1980-er Jahre. Ich fahre in eine Stadt, die eingemauerte Enklave ist, umweht vom eisernen Vorhang.

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Berlin – geheilte Stadt? (1)

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30 Jahre später schaue ich mir die Ausstellung in der ehemaligen Ausreisehalle des Bahnhofs Friechrichstrasse an. Hier stand ich damals, etwas eingeschüchtert von den herumstehenden Uniformierten, den Schleusen und Kabinen, durch die ich erst in den Ostteil Berlins passieren konnte. Mit Tagesvisum. Windgepeitschte Karl-Marx-Allee, schillernder Palast der Republik, Pergamonmuseum, Kohlsalat, schwere Vorhänge, Beklemmung – alles ist sofort wieder präsent in diesem Sommer 2014.

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Ausreisehalle 1976 Bahnhof Friedrichstrasse Berlin (2)

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Von der Mauer sind 25 Jahre nach deren Erstürmung nur noch musealisierte Teilstücke übrig. Die Todesstreifen bebaut mit Business- und Shoppingcentern. Verdrängt. Vernarbt.

Berlin ist zur offenen Stadt geworden. Mediterran mutet sie an an diesen lauen Sommerabenden. Friedlich. Noch immer spüre ich da und dort die Trennung, versuche den Grenzverlauf zu erahnen, den Graben zwischen hüben und drüben, zwischen Depression und Dekompensation. Ich frage mich, auf welcher Seite die Menschen mehr gefangen waren. Meine jungen Begleiter kümmert das wenig, sie begestern sich für Sony-Center und Nike-Shops. Die Folgen der europäischen Kriegsstürme des letzten Jahrhunderts, die Trennungen von Lebensräumen füllen einige Seiten in ihren Geschichtsbüchern. Das ist wenig gegen wieder erwachte Erinnerung.

Die Geschichte schreibt sich fort, neue Wunden allenthalben. Vier Tage nach der Ankunft der deutschen Fussballmanschaft in Berlin und der ausgelassenen Feier am Brandenburger Tor für die Weltmeister lesen wir in der Zeitung vom Absturz eines malayasischen Passagierflugzeugs über der Ost-Ukraine. Zwei Flugstunden von hier herrscht Kriegszustand, Beschuss, 300 unbeteiligte Menschen sterben aus heiterem Himmel. Folgt ein neuer Kalter Krieg 25 Jahre nach dem Mauerfall?

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(1) video und musik: maxtransparenz. Stimmen: Konrad Adenauer, Willy Brandt, Ludwig Erhard, Theodor Heuss, John F. Kennedy, Walter Ulbricht, Adolf Hitler, Joseph Goebbels, Albert Einstein. Malerei-Zitate: Wolfgang Mattheuer, Walter Libuda, Gregor Thorsten Kozik, Bernhard Heisig, Sighard Gille.

(2) aus „Bahnhof der Tränen“ von Philipp Springer

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EMPFEHLUNG

Berliner Mauer 1986 – Reportage des ZDF

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