Worte sind Waffen. Geschliffen und präzise geführt, fügen sie schwere Wunden zu. Noch verheerender sind Waffen, die unsachgerecht in blindem Furor auf die Opfer niedersausen. Ruf-Mord. Texte werden zu Hetzschriften, Autoren zu Manipulatoren, Leserinnen zu Verführten. Journalisten und Politikerinnen sind Heldinnen der Wortgefechte. Deshalb folge ich einigen von ihnen auf Twitter. Dort und in anderen sozialen Medien bilden sich Kreise, behagliche Blasen, in denen Gleichgesinnte zwirbeln. Gated communities. Sterne verteilen und Daumen hoch geht gut, Daumen runter gar nicht. Affirmation ist gut, Kritik ist schlecht.

Da behauptet ein Politiker Tag für Tag Sie steht mit ihrem Namen für politische Säuberung ein“ und verlinkt die Liste eines Protest-Schreibens. Jedesmal beschuldigt dieser Politiker jemand anders. Das gefällt. Da twittert ein Spassvogel „BEI DER GEBURT GETRENNT. Heute der Kugelfisch: Aufgeblasen, hässlich, giftig.“ Darunter das Foto eines Kugelfisches und eines verhassten Politikers. Favorisiert und retweetet. Auf solche Pöbeleien reagiere ich. Schreibe dagegen, gelegentlich provokativ, manchmal angriffig. Je nach Arsenal der Absender. Besonders ärgerlich empfinde ich Journalistinnen und Journalisten, die – von Tausenden gefolgt – sich  anwaltschaftlich in Stellung bringen und es dabei mit den Fakten nicht so genau nehmen.

Ich muss zugeben: mehr und mehr verliere ich jedes Vertrauen in die Journalistenzunft. Warum? Weil ich Auseinandersetzungen führe wie diese hier… Ein Autor – auch schon als Journalist des Jahres ausgezeichnet – verweist auf das Ergebnis eines Untersuchungs-Berichtes. Ich halte dagegen:

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„Vollumfänglich rehabilitiert“ sei Stadtrat Jean-Charles Legrix. Im verlinkten Artikel lese ich dann: „Ausser in einem Fall seien aber keine Persönlichkeitsrechte verletzt worden“. Und: „Das Legrix vorgeworfene Verhalten sei die Folge eines wenig fachgerechten Managements.“ Aus meiner Sicht ist denn auch das Ansehen nicht vollumfänglich wieder hergestellt, obschon dem SVP-Politiker weder Mobbing noch sexuelle Übergriffe nachgewiesen werden konnten.

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Dann schaltet sich ein weiterer Journalist zu. Er ist Blattmacher und Mitglied d. Chefredaktion (sic) beim grössten Boulevard-Bezahlblatt der Schweiz. Dieser bezieht sich in seinem Tweet offenbar auf einen früheren Artikel des einst preisgekrönten Schurnis. Übersieht er den ursprünglichen Tweet? Warum lenkt er den Diskurs auf diesen Artikel? Ich wiederhole meinen Standtpunkt, zitiere ergänzend 24heures. Der Schurni-Gott fasst nach, pöbelt noch etwas…

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Czugeben.

Ich pöble zurück. Unfein, ja. Ich weiss. Aus meiner Sicht lenken die Schurnis hartnäckig ab, führen neue Aspekte ein, auf die sich der Anfangstweet nicht bezieht oder wechseln auf die persönliche Ebene. Das ändert aber nichts an der anfänglichen Falschaussage. Natürlich ist mir nach einigen Klicks klar; der Bericht entlastet Jean-Charles Legrix weitgehend von den Vorwürfen, die in einem früheren Gutachten gegen ihn erhoben wurden. Weitgehend, aber nicht ganz. Das scheint mir hier entscheidend.

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D.

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Gegenüber einer psychisch angeschlagenen Sekretärin verletzt Legrix Persönlichkeitsrecht –…il a manifesté pendant une période relativement longue un agacement corissant qui se traduisait par une gestuelle d’impatience et des expressions écrites ou verbales parfois peu délicates. D18/66 a ressenti ces attitudes comme des marques de mépris voire d’hostilité… une atteinte, certes illicité, mais d’un degré de gravité très peu élevé.“

Unstatthaft aber harmlos. Immerhin; der Blattmacher-Gott nennt Legrix nun doch noch einen schlechten Chef. „Sowas gibts.“ Trotzdem gilt dieser Chef als vollständig rehabilitiert? Ich bin erstaunt. Und das Mitglied d. Chefredaktion kann nicht mehr folgen. Warum bloss wundert mich das nicht…?

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E

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Ein weiteres Problem taucht auf: Legrix „…achtete etwas zu wenig auf Beamtengroove.“ Die verfilzten Staatsangestellten ertrugen keinen frischen Wind und leisteten Widerstand, präzisiert der Schurni-Gott. Das Problem ist also lokalisiert. Und es liegt nicht an Jean-Charles Legrix. So schafft es der Autor, den Polterer reinzuwaschen und dessen problematisches Management seinem Umfeld anzulasten. Schwamm drüber – über das Gemetzel. Und gut ist. Der Götterschreiber hat mich unterdessen blockiert. Fertig Widerspruch.

Ich kann ihn verstehen; wer lässt sich schon gern ins Bier spucken. Und sei’s geklaut.

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F

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Tags darauf erscheint ein langer Artikel des Götter-Schurnis in der Weltwoche. Auch hier schreibt er von einem Befund „…von seltener Deutlichkeit: Legrix hat sich keinerlei «Persönlichkeitsverletzungen» zuschulden kommen lassen…“ Zwei Klicks zurück bitte! Da finde ich den vom selben Autor verlinkten Ausszug aus dem Original-Dokument. Frage: „Y a-t-il eu de la part des atteintes à la personalité..?“ Antwort: „Non, sauf en ce qui concerne D18/66″.

Wortklauberei? Ja. Kleinkariert, vielleicht. Es ist das Haar in der Suppe, das mich die Brühe zur Seite schieben lässt. Es sind diese kleinen Eingriffe – Verschiebungen oder Auslassungen – die mich an der Vertrauenswürdigkeit zweifeln lassen. Mit gutem Grund, wie ich finde.

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