Wer in sozialen Medien widerspricht, wird rasch als verwirrt, schwachsinnig oder ganz einfach krank bezeichnet. Zur Abwechslung gelten andere Meinungen auch als Halluzinationen. Wer sie ausspricht ist schlicht ein Vollidiot (sic!). Das Medium bildet den idealen Schutzraum, in dem sich Beschimpfungen aller Art ohne spürbare Folgen aussprechen lassen. Dahinter verbergen sich sehr oft Vorstellungen von dem, wie oder was Menschen denken sollen. Wer davon abweicht, wird pathologisiert. Und wer auf die Pathologisierung hinweist oder gar deren Konsequenzen in totalitären Systemen anspricht, gilt wiederum als verwirrt. Da gibt es kein Entrinnen. Die Pathologisierung nicht genehmer Gedanken ist ein probates Mittel, um unliebsame Gegnerinnen oder Gegner zu desavouieren oder gar systematisch zu bekämpfen. In den Ländern des ehemaligen Ostblocks hatte das System und feiert jetzt wieder fröhlich Urständ – sei es eine verrückte Abtreibungsgegnerin oder die besondere Gefahr, die von einer Punkband ausgeht. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele. Überall auf der Welt. Kürzlich bin ich auf einen Text des Historikers Meinrad Pichler gestossen. Er beschreibt darin die Geschichte des katholischen Kriegsdienstverweigerers Ernst Volkmann. Erschütternd, wie Andersdenkende ganz langsam von einem intoleranten System und dessen Agenten aufgesogen und vernichtet werden.

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Nicht für Hitler (1)

„Die Wenigen, die ihr Leben opferten, weil sie dem Unrechtsregime nicht dienen konnten und wollten, galten als fanatisch, verblendet und als verantwortungslos gegenüber ihren Angehörigen (…) Ernst Volkmann: Geboren am 3.3.1902 im Egerländischen Schönbach (heute: Luby). Die böhmische Kleinstadt war das Zentrum des europäischen Musikinstrumentenbaus, um 1930 arbeiteten etwa 1500 Personen in dieser Branche. So lernte auch Ernst Volkmann den Beruf eines Streich- und Saitenintsrumentenmachers. Nach abgeschlossener Lehre und Gesellenzeit kam er 1924 nach Bregenz und erlangte 1927 die Gewerbeberechtigung. In der Deuringstrasse wurde ein Werkstatt mit Verkaufslokal eingerichtet, doch scheint Volkmann kein guter Geschäftsmann gewesen zu sein. Jedenfalls wurde er von einem anderen Musikalienhändler angeschwärzt, er verkaufe entweder „aus Dummheit“, oder weil er die „Konkurrenz schädigen wolle“ zu billig. Die notwendigen Mittel zum Erwerb der angestrebten österreichischen Staatsbürgerschaft konnte er nie aufbringen. In einem Brief vom 17.10.1940 des Gefängnisgeistlichen Jochmann an Frau Volkmann schildert dieser Ernst Volkmann als „Bescheiden und still, aber unerschütterlich in seiner Überzeugung“. So scheint er auch gelebt zu haben. Hitlers Machtübernahme in Österreich im März 1938 stellte für ihn allerdings eine derartige Herausforderung dar, dass er dazu nicht schweigen konnte. Als die vordem Dominanten kleinlaut wurden, begann der Leise seine Stimme zu erheben, nannte das Unrecht öffentlich beim Namen und Hitler einen Mörder. Damit begann zugleich sein Leidensweg, der ihn durch alle Stationen eines Martyriums führen sollte. Der Ignorierung der ersten Stellungsaufforderung zu Ende des Jahres 1939 begegneten die Militärbehörden noch mit einer drohenden Ermahnung, bei der zweiten Weigerung folgte die Verhaftung. Geistliche, Ehefrau und Verwandte versuchten nun den in Feldkirch Inhaftierten umzustimmen. Die Staatsanwaltschaft liess ihn psychiatrieren und schliesslich frei, weil Volkmann „abnormal, aber nicht geisteskrank“ sei. Die Gestapo betrieb in der Zwischenzeit den „Entzug des Gewerbes, um Volkmann die Möglichkeit zu nehmen, mit seinen verbohrten Ansichten an die Öffentlichkeit zu treten.“ Als Ernst Volkmann am 19.10.1940 aus dem Landesgefängnis entlassen wurde, war er nicht nur arbeitslos, sondern auch von seiner Familie verlassen. „Schläft derzeit in der Werkstatt“, notierte ein penibler Beamter des Bregenzer Meldeamtes (…) Seine wirtschaftliche und soziale Existenz waren also bereits zerstört, als er im Februar 1941 neuerlich verhaftet und in die Kaserne Lienz zum militärischen Dienstantritt zwansgüberstellt wurde. Aber auch hier beschied er den Militärs, „er könne einem Mann wie Hitler nach allem, was dieser der Kirche und Österreich angetan habe, nicht den Eid der Treue leisten.“ Nach Gefängnisaufenthalten in Graz und Salzburg, wo Volkmann in ausführlichen Verhören unumwunden seine verweigernde Haltung bekräftigte, wurde er schliesslich ans Reichskriegsgericht in Berlin verbracht.

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AndachtAndacht – anders denken

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Als Teil der deutschen Kriegsvorbereitung war im Frühjahr die sogenannte Kriegssonderstrafrechtsverordung (KSSVVO) erlassen worden, mit deren Paragraph 5 der Tatbestand „Zersetzung der Wehrkraft“ eingeführt wurde. Damit wurde den Militärrichtern ein allumfassender Generaltatbestand zur Hand gegeben, mit dem alle Formen des militärischen Ungerhorsams mit dem Tode bestraft werden konnten.

Mit diesem Unrechtsinstrument wurde Enrst Volkmann am 8. Juli 1941 zum Tode durch das Fallbeil verurteilt. Um die Delinquenten noch der Folter des ungewissen Wartens auszusetzen, wurde mit der Hinrichtung meist noch eine Zeitlang zugewartet. Ernst Volkmann wurde schliesslich am 9. August 1941 in Brandenburg an der Havel hingerichtet. Nach Auskunft des Gefängnisgeistlichen hat er seinen letzten Gang, so wie er gelebt hatte, ruhig, aber entschlossen angetreten.“

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 (1) Erschienen in: Suanne Emerich / Walter Buder (Hg). „Mahnwache Ernst Volkmann – Widerstand und Erfolgung 1938-1945 in Bregenz“

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