SVP-Parteiprogramm, Kapitel Medien. Überschrift: Wettbewerb statt Staatsmonopol“. Da lese ich: „Eine Gesellschaft freier Bürger kann nur funktionieren, wenn die Medien völlig unabhängig von staatlichen Einflüssen arbeiten.“ Frei und unabhängig? Wovon befreit und unabhängig von wem genau? Von Werbekunden jedenfalls nicht, wie Markus Somm kürzlich empfiehlt.

Geförderte Medienunternehmen werden in jedem Fall von aussen gelenkt,“ stellt Veit Dengler von der NZZ-Mediengruppe scharfsinnig fest. Wer lenkt denn da draussen?! Die NoBillag-Initiantinnen schliesslich sind überzeugt, dass die SRG „ihre Investionen sorgfältiger prüfen und die Investoren und Kunden besser überzeugen müssen.“ Welche Kunden? Das Publikum? Oder die Maketing-Agenturen!? Wie auch immer, irgendwoher muss die Kohle ja kommen.

Gebührenfinanzierte Sender seien Staatssender und von der Politik abhängig, so heisst es. Darum würden sie sich der Regierung gegenüber handzahm und gefällig zeigen. Eine weiter ausgebaute staatliche Medienförderung diene nur dem Strukturerhalt statt Deregulierung und Bürokratieabbau zu fördern oder den Wettbewerb zu stärken, behauptet die Aktion Medienfreiheit und ihre Präsidentin Natalie Rickli, ihres Zeichens Geschäftsleitungsmitglied der führenden Vermarktungsorganisation der privaten elektronische Medien Goldbach Media AG. Das Wohl der Bevölkerung oder des Publikums deckt sich oft auf wunderbare Weise mit der Steigerung des eigenen Profits.

Item. Wie steht es denn nun tatsächlich um die Unabhängigkeit dieser freien, sich im Wettbewerb messenden Medien. Dicke Bündel Sonntagszeitungen, die nicht einmal mehr die Hälfte wiegen, sind erst einmal alle Werbebeilegen aussortiert, lassen vermuten: hier hockt die Kohle. Wer Beilagen durchblättert, die zwar redaktionell aufgemacht wirken, jedoch kaum mehr als verkapptes Productplacement unterjubeln, lassen erahnen, wie eng liiert Journalismus und Marketing sind.

.

Einer zahlt immer

Dann stosse ich während meiner herbstlichen Strandlektüre auf ein interessantes Kapitel in einer zwar schon etwas abgehangenen, aber äusserst schmissigen Abhandlung von Wolf Schneider (1) über den journalistischen Alltag. Im Kapitel, das von Verlegern und Inserenten“ handelt, erinnert Schneider unter anderem an die Auseinandersetzung zwischen dem Tages-Anzeiger und grossen Autohändlern, „einer der wenigen Fälle, indem Verlag und Redaktion wirtschaftliche Pression öffentlich machten.“ Es lohnt sich, meine ich, die Stelle ausführlicher zu zitieren.

„Im Frühling 1979 zogen sämtliche grossen Autohändler ihre Anzeigen für die Zeitung zurück. Der Einnahmeausfall pro Monat betrug 300’000 Franken. Der Chef der grössten Schweizer Autoimportfirma, Walter Frey, begründete den Anzeigenboykott mit dem «autofeindlichen Umfeld« im redaktionellen Teil des Blattes. Unmittelbarer Anlass des Ärgers der Autohändler war ein Artikel mit dem Titel «Autolobby Schweiz«, in dem unter anderem eine radikale Herabsetzung der zulässigen Abgaswerte gefordert wurde. In einer Diskussion des Schweizer Fernsehens bekannte Frey: «Ich muss nun etwas abwarten, bis die Verkehrsfragen ein bisschen anders behandelt werden, damit ich im Tages-Anzeiger wieder Inserate machen kann.«

Hauptnutzniesser des Boykotts war das Zürcher Anzeigenblatt Züri Leu, das den Unternehmern mit Kolumnen wie «Jimmy Gibgas« ein entsprechend autofreundliches Umfeld garantierte. Der Leiter des Blattes, Jürg Ramspeck, erklärte jedenfalls lakonisch, es sei ein «Akt der Ehrlichkeit«, Inserenten zu «pflegen«. (…)

Als gut ein Jahr später auch noch der Warenhauskonzern Globus aus Protest gegen eine jenseits „der Toleranzgrenze liegende Krawallberichterstattung“ – es war die Zeit der Jugendunruhen – seine Aufträge um die Hälfte reduzierte, wurde dem finanzell potenten Tages-Anzeiger die Luft endlich zu dünn. „Wenig später bestellte das Management sämtliche Redakteure zu einer grossen Konferenz. In der internen Hauspost des Unternehmens war dann nachzulesen, was die Geschäftsleitung bewegte: «Wichtige Leser- und Inserentenkreise« seien dem Blatt durch eine «Überlastung des Karrens mit Kritik und Reformvorstellungen« entfremdet worden.“

Der schweizer Autoimporteur Walter Frey – übrigens immer noch einer der Vizepräsidenten der Schweizerischen Volkspartei SVP – hielt sich schliesslich seine eigenen Zeitungen. Nach dem er beim Züri Leu Einsitz nahm, gründete er die Lokalinfo AG. Eine seiner Publikationen feiert denn auch das 90-jährige Jubliäum der Autoimport-Firma; mit einem Artikel, verfasst von einer alles andere als unabhängigen Redakteurin.

.

CKaneYou provide the prose poems, I’ll provide the war (2)

.

Wer zahlt, befiehlt

Ohne Medienfreiheit keine Demokratie – auch Walter Freys Parteikollege Gregor A. Rutz glaubt offensichtlich ernsthaft an Wettbwerb und Deregulierung. Ob eingeschränkter Wettbwerb auch eingeschränkter Diskurs bedeutet, ist doch mehr als fraglich. Erst recht, wenn ein ehemaliger Chefredaktor des Züri Leu – Karl Lüönd – ein weiteres Kapitel aufschlägt und wir erfahren: Käufliche Inhalte wären das wirklich heisse Thema der schweizerischen Medienwirtschaft, und die Aktualität wäre gegeben. «Crossmedia«, auch so ein Modebegriff, bedeutet ja die Verwertung einer Medienmarke in den verschiedensten Kanälen, auch in nicht-medialen. Harmlose Variante: Die Marke Betty Bossi ist auch in den Fertiggericht-Regalen von Coop anzutreffen. Die Zeitschrift «Gesundheit Sprechstunde« veranstaltet eine Kreuzfahrt auf dem Gesundheitsschiff. Die weniger harmlose Spielart, in diesen Tagen passiert: Der Sekretär einer Bundesratspartei wird bei den Medien vorstellig: «Ihr habt von uns so viele Inserate bekommen – es gibt noch mehr davon, wenn ihr auch unsere redaktionellen Texte bringt!«

Schon heute wird das redaktionelle Angebot in vielen Ressorts – z.B. Reisen, Auto, Wellness, Unterhaltungselektronik – zu drei Vierteln von den kommerziellen Anbietern bestimmt. Die Redaktionen werden bis aufs Zahnfleisch heruntergespart, die interessengebundenen Kommunikationsinsdustrie dagegen rüstet auf.“ (3)

Irgendwoher muss die Kohle ja kommen. Journalismus kostet. Guter Journalismus erst recht. Und noch mehr der Journalismus der kostenintensiven elektronischen Medien… Davon haben wir noch gar nicht gesprochen. Klar ist: unabhängiger Journalismus braucht unsere Hife!

 .

(1) „Unsere tägliche Desinformation“ von Wolfgang Schneider

(2) Filmstill aus „Citizen Kane“ von Orson Welles

(3) aus „Die Macht und die Ehrlichkeit“ von Karl Lüönd

.

Empfehlung

Boykott der Medien durch die werbende Wirtschaft – Presserat 7.11.1994

.

.

Advertisements