What you see is what you get (WYSIWIG) . Echtbilddarstellung – Computer können das. Quasi. Ohne dass wir die dahinterliegenden Befehlsreihen verstehen, wird Programmierung zum lesbaren Bild. Wir kriegen, was wir sehen möchten. Wir geben uns zufrieden mit dem, was an der Oberfläche erscheint. Und sei es eine Täuschung. Medieninhalte sind wie die alte Schwarte vom Autohändler; sehen und kaufen! Unterm Blech – geschönt, lackiert und poliert – lauert die erste Panne oder der baldige Totalschaden. Glücklich ist, wer sich an den Garagisten des Vertrauens wenden kann. Medieninhalte sind durch kulturelle Aktivitäten vereinnahmte Zeichen – Weltanschauungen in Datenkarossen. „Es gibt keinen Text, es gibt kein Publikum, es gibt nur die Prozesse des Fernsehens“. (1)

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Ansichtssachen – Halbbilder einer Italienreise, Herbst 2014

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Bildgestaltung, Tonkollagen, Wortschöpfungen. Montagen, Übersetzungen. Kommunikation ist Produktion und Ausschluss von Information. Wir verbinden in Worthülsen gepackte Bedeutungen zu einer Erzählung. Das aus Tonsegmenten gemixte DJ-Set beeinflusst unsere Gemütslage. Kameras zeichnen Ausschnitte des Geschehens auf. Redakteure und Gestalterinnen selektieren die Ausschnitte und komponieren daraus eine filmische Geschichte. Wir übernehmen fremden Selektionen. Sichtbares und (Teil-) Realitäten messen sich mit unserem Hintergrundwissen.

Das Sichtbare impliziert das Unsichtbare – idealerweise verweist das Sichtbare auf das Unsichtbare. Dennoch fehlen im Artikel oder News-Beitrag beispielsweise: Aufräum-Mannschaften neben zerbombten Häusern, der verschmutzte Wasserfluss im Dorf, durch das die an Ebola erkrankte Frau getragen wird, die hochkonzentrierte Mediensprecherin, die das Interview ihres Chefs mitverfolgt und schon zweimal intervenierte… Mit der Anzahl Kanäle und der sichtbaren Information wächst gleichzeitig der Mangel, die Menge des Nicht-Gezeigten, des Missachteten. Der sich in Informationsnetzen permanent ausbreitende Datenflow destabilisiert Kohärenz, etabliert Diskontinuität und Sequenzialität, bis wir – unmerklich gezwungen – selbst die Lücken der Erzählungen zu schliessen beginnen. „Die Segementierung des Fernsehens gestattet es, zwischen seinen einzelnen Segmenten Verbindungen herzustellen, die eher den Gesetzen der Assoziation gehorchen, als den Gesetzen von Schlüssigkeit, Logik oder Ursache/Wirkung.“ (1) Nicht nur aufs Fernsehen trifft das zu.

.. .Fokus Ansichtssache – Blick aus dem Fenster auf Vorder-/Hintergrund

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Mehr Medien, mehr Information, mehr Wissen – doch das Vertrauen in die Medien sinkt. Deutsche Bundestagsabgeordnete begründen den Vertrauensverlust in erster Linie mit der „Art wie Journalisten über Politik berichten.“(2) Die seit Jahren andauernde und in sozialen Medien vermehrt gepflegte Medienschelte verunsichert die Nutzerinnen und Nutzer. Informationsproduzentinnen und -produzenten (vorzugsweise öffentlich-rechtlicher Medien oder anderer Qualitätsmedien) werden als Halb- oder Vollpfosten denunziert, von denen wir belogen, betrogen und für dumm verkauft würden. Insbesondere rechte Politiker  spotten über Qualitätsjournalisten, die uns mit linkem Populismus eindeckten. Ständig wird journalistische Leistung diskreditiert. Als ob es nicht schon genug schwierig wäre, sie unter den aktuellen Bedingungen zu erbringen,

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben wissen, wissen wir durch Massenmedien“, sagt Niklas Luhmann.(3) Wissen ist eine Menge organisierte Aussagen über Fakten und Ideen. Medien hinterlassen in ihrer Fakten- und Ideen-Organisation unzählige Lücken. Diese Lücken besetzen Skeptiker und Verschwörer mit ihren Interventionen gezielt antagonistisch und integrieren sie in den Kommunikationsfluss; da werden dann vielleicht aus Aufräum-Trupps bewaffnete Separatisten, der verschmutzte Wasserlauf ist der Swimmingpool in einem bewässerten Park etc. – nicht zu überprüfende Erweiterungen erzählen dann eine ganz andere Geschichte.

Dass Massenmedien keine abgeschirmten kommunikativen Strukturen mehr bilden, ist eigentlich zu begrüssen. Die durch Social-Media-Einbindung oder Second-Screen-Communities erzwungene Durchlässigkeit verstärkt aber auch die Ambivalenz gegenüber Medieninhalten. Seit sich Massenkommunikation und Alltagskommunikation miteinander verflechten, wächst die Kluft zwischen Mitteilenden und Empfängern – statt umgekehrt. Da, wo journalistische Anwälte und Ankläger sich subversiv und in völliger Intransparenz als Richter hinzudrängen, verkehrt sich die an sich wünschenswerte Durchlässigkeit der Massenmedien ins Gegenteil.

Die öffentliche Meinung beginnt zu erodieren und damit jenes„laufend aktualisierte öffentliche Gedächtnis, das Schemata und Skripts zur Verfügung stellt, auf die man sich beziehen und an deren Formung man sich mit Geschick beteiligen kann.“ (4) Der öffentliche Diskurs ist blockiert, Verständigung immer schwieriger, die Gesellschaft innerlich zerrüttet. So vertrauen wir  lieber den durch Killfiles für uns zurechtgefilterten Avataren und Suchmaschinen-Treffern. „Es kommt zu einer Welt, in der das Betrachten und Beobachten keinen Platz findet, ein technisch kodiertes umherschwappendes Massen-Unbewusstes formiert sich, in der es nur noch ein Mitlesen, Mitmachen und Mitverfolgen gibt.“ (5) Im Vergleich dazu sind subjektivistische Kadragen oder assoziative Montagen im traditionellen Medien-Mainstream geradezu ein Honiglecken.

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(1) John Fiske, „Augenblicke des Fernsehens“ in „Kursbuch Medienkultur“, DVA Stuttgart

(2) „Vertrauen, Affären und die Medien“, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung:
http://www2000.wzb.eu/~wessels/Downloads/wm-107-MdB-Tit-Artikel.pdf

(3) in „Die Realität der Massenmedien“

(4) Niklas Luhman, „Öffentliche Meinung und Demokratie“ in“Kommunikation, Medien, Macht“ (Hrsg. Rudolf Maresch und Niels Werber)

(5) Geert Lovink/Pit Schultz, „Aus den Schatzkammern der Netzkritik“ in „Kommunikation, Medien, Macht“ (Hrsg. Rudolf Maresch und Niels Werber)

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