Sie reiten auf cruise missiles, ziehen sich an den eigenen Föhnfrisuren aus dem Korruptionssumpf und fahren in den Vorderteilen ihrer Audis durch die Stadt, während sich im parkierten Heck Liebespärchen amüsieren. Die Barone der Lügenpresse, der gleichgeschalteten Mainstream-Medien und der zwangsfinanzierten Staatssender phantasierten sich und ihren Untertanen die Welt, so wie sie ihnen gefällt, heisst es.

Oder wie es der classe politique gefällt, überhaupt dem ganzen linken Gesindel oder wahlweise den 200 Reichsten des jeweiligen Landes. Wider alle Vernunft liessen sie die Wirklichkeit zurechtbiegen oder ganz ihren Interessen folgend tendenziös abbilden. Wir würden durch die von der Politik- und Wirtschafts-Lobby gleichgeschalteten Medien für dumm verkauft.

Interessant ist ja, dass stets nur der (politische) Gegenspieler und ihm nahestehende Medien lügen: wahlweise der Staat, die EU, die Pharma-Industrie, die Juden, die CIA. Aufdecken würden dagegen Blogs, die (irgendwie) freie Presse oder Russia Today und die AgentInnen der sozialen Netzwerke. eigentümlich frei ist die Grenzziehung zwischen gut und böse. Die gelingt den ach so wahrheitsliebenden Aufklärern mühelos. Die Achse des Guten sozusagen erschliesst erst die etwas andere Kritik. Diese Publikationen sind vermeintlich frei von jeglichem Widerspruch. Jeder Widerspruch ist da zwecklos. Ein kontroverser Diskurs über Inhalte wird nämlich abgelehnt, genauso wie neuerdings von den Mitgliedern der Pegida Parallel-Gesellschaft. Diffamie ist da nicht nur salonfähig, sondern sogar massentauglich. So wie vor 80 Jahren. Im Herzen Europas. Die lang gehegten Früchte der Konfusion und Desorientierung sind – nicht zuletzt dank Internet – nun scheinbar reif für die Ernte.

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AUdibaronDas Hinterteil vergnügt sich mit den Stuten – unvernünftig

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Lügenpresse? Absehbar!

Fünfzig zusätzliche Morde auf der Mattscheibe pro Woche sind kein Ausdruck zusätzlicher Freiheit(1) meinte SPD-Urgestein Egon Bahr zur Neuordnung des Fernsehens in Deutschland. „Wir scheinen nicht zu sehen, dass wir einer mentalen, kommunikativen Umweltverschmutzung entgegenfallen, deren Folgen, wenn das überhaupt möglich ist, tiefgehender sind als die Verschmutzung unseres biologisch-physikalisch-chemischen Öko-Systems“(1) warnte der langjährige Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes Manfred Buchwald. Nichts da! CDU-Machtpolitiker Helmut Kohl setzte sich durch und öffnete den Mahnern zum Trotz den Fernsehmarkt für Privatanbieter. Profiteur war unter anderen der gute Kohl-Freund Leo Kirch. Den verhassten öffentlich-rechtlichen Sendern sollten Konkurrenten das Wasser abgraben. Die Medien würden nicht mehr dem Publikum, sondern der Wirtschaft und der Politik dienen. Was absehbar war, ist nun vollbracht: Der grösste Teil der Publikationen verliert sich in  Belanglosigkeit, ein Teil ist in Händen politischer Potentaten und der Rest – am Abgrund.

Waren Medieninhalte bislang hin und wieder politisch beeinflusst, so sind sie dem Markt völlig egal. Sie müssen sich bloss verkaufen. Das wirkt sich wesentlich gravierender aus, als die Lenkungsversuche von Parteiproporz-Intendanten oder selbstgefälligen Ministerpräsidenten. Nun gibt es null Geschmacksfragen hier. Unseren Geschmack geben wir an der Garderobe ab.(1) Das stellt Marzel Becker vom Privatsender Radio Hamburg klar. Der weitere Verlauf der Medien-Entwicklung ist bekannt, wird aber gern verdrängt oder umgedeutet. Tatsache ist; es „begann der Siegeszug der privaten Sender. Deren Tutti-Frutti-Frühlese leitete die mediale Berlusconisierung der Republik ein“.(2) Die ist nun schon so weit fortgeschritten, dass kürzlich das deutsche Bundesministerium der Finanzen (!) empfiehlt, „…die öffentlich-rechtlichen Anbieter sollten nur da auftreten, wo das privatwirtschaftliche Angebot klare Defizite aufweist.“(3) Defizite? Einschlägige Blogs verleitet das nullkommaplötzlich dazu, das Ende der Zwangsgebühren zu verkünden. Auch die letzte gesicherte Einkommensquelle eines seriösen Journalismus soll verschwinden.

Längst agiert der Journalismus in prekären Verhältnissen. Um dessen Glaubwürdigkeit nachhaltig zu beschädigen hätte es weder Hitlers Tagebücher, noch den Fall Geri und Patrik Müller gebraucht. Und die journalistische Redlichkeit? Erinnern wir uns an die Geiselnahme von Gladbeck und wir sehen, was davon übrig bleibt.

Es geht im Journalismus schlicht ums Überleben: „Mit allen Mitteln des Taylorismus wird beim dem Gütersloher Heuschreckenverein [Gruner&Jahr Verlagshaus] im Moment die Führungsebene fürstlich aufgestockt, während ansonsten so ziemlich jeder gefeuert wird, der nicht niet- und nagelfest abgesichert ist, den Betrieb aufhält, etwas älter ist, vertragliche Schwachstellen aufweist oder sich einen Funken Charakter bewahrt hat. Roboterhaft wühlen seit längerem gespenstisch programmierte McKinsey-Agenten und BWL-Psychopathen Arbeitsverträge durch, sichten Charts und Tabellen und jubilieren mit ihren CEOs angesichts geringfügiger Abfindungssumen (…) Gefragt im deutschen Winter sind Getreue, Vasallen, Verlagssoldaten, die sich selbst ihre Frisur am jeweiligen Chefdesign abschauen.“(2)

Genauso oder ähnlich spielen sich die Szenen in anderen Verlagshäusern dieser Welt ab – auch in der Schweiz. Die jüngsten Wirren um die Neue Zürcher Zeitung belegen dies. Journalistische Produkte sind meritorische Güter. Sie dürfen nicht dem Markt allein überlassen werden. Denn der Markt produziert zu viele Lasten. Politik und Internet besorgen den Rest – bis zur völligen Konfusion.

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MunchKanoneVom Schwindel zur Lüge – ungeniert

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Lügenbarone? Überall!

Die SRG hat als grösstes schweizer Medienunternehmen schon verschiedene Angriffe überstanden. Einer der letzen Unterwanderungsversuche ist von SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli initiiert worden. Er möchte die Kontroll- und Führungsgremien der SRG nach Parteiproporz bestellen. Die Sendeanstalt würde damit den Fittichen der Politik unterstellt und – analog zum deutschen Modell – endlosem Hickhack ausgeliefert. Nicht nur freie Märkte behindern also die vierte Gewalt im Land, sondern auch die politischen Interessenvertreter.

Kurioserweise (oder eben gerade nicht) ficht denn auch ein Lügner an der Spitze jener Organisation, die unabhängigen Journalismus immer wieder bekämpft (aber das Gegenteil davon vorgibt): Christoph Blocher. Auch einer seiner journalistischen Apologeten – Roger Köppel von der Weltwoche – nimmt es mit der Wahrheit erwiesenermassen nicht so genau. Um die Vertrauenswürdigkeit des Schulabbrechers und Islam-Hetzers Andreas Thiel zu stärken, behauptet Köppel kurzerhand, Thiel hätte Philosophie studiert. Warum um Himmels Willen sollen Akteure, die immer wieder der Lüge überführt werden für einen unabhängigen und ehrlichen Journalismus stehen?

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„Was in der Zeitung steht, ist nicht halb so wichtig wie das, was nicht drin steht,“

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…sagte einst Kurt Tucholsky. Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“(4) hält Niklas Luhmann dagegen. Deren Funktion beschreibt er als dauerndes Erzeugen und Interpretieren von Irritationen. Im Spannungsfeld von realer Lebenswelt und der medial reproduzierten Welt irren wir umher. Günther Anders präzisiert: „Was wir vor dem Radio oder dem Bildschirm [oder der Zeitung] sitzend, konsumieren, ist statt der Szene deren Präparierung, statt der angeblichen Sache S deren Prädikat P, kurz: ein in Bildform auftretendes Vorurteil, das, wie jedes Vorurteil, seinen Urteilscharakter versteckt.“(5) Die Ukraine-Krise hat offenbart, wie zuerst vor dem Hintergrund der Vorurteile oder einem Konsens berichtet wird. Erst danach wird das publizistische Angebot in die Breite diversifiziert. Dann können wir den Konsens in Frage stellen und uns ein halbwegs scharfes Bild machen. Die Zusammenhänge erschliessen sich uns deshalb noch längst nicht. Bloss erahnen können wir sie allmählich.

Mit Lügenpresse hat das insgesamt wenig zu tun. Viel mehr aber damit, dass auch Journalistinnen und Journalisten sich kaum aus ihrem zivilisatorischen Gefüge heraustrennen können. Schon gar nicht angesichts aktueller Arbeitsbedingungen, die keine Zeit zur Reflexion, geschweige denn zur Recherche lassen. Besonders gravierend sind angesichts solch prekärer Zustände die Attacken der Pegida-Veranstalter, die, flankiert von abtrünigen Freiherren und Baroninnen wie Bettina Röhl, Roland Tichy oder Udo Ulfkotte, dem Begriff Lügenpresse wieder diesen propagandistischen Schliff verpassen, mit dem ihn die Nationalsozialsten einst schärften. Die Heckenschützen verlassen ihre Verstecke und eröffnen das Feuer aus vollen Rohren. Der Elephant namens Journalismus beginnt zu torkeln…

Wenn uns die Inhalte der vermeintlichen Lügenpresse nicht passen, so können wir sie meiden. Wir können sie aber auch durch die Inhalte anderer (Lügen-) Presseangebote ersetzen, so wie das die Pöbler gegen einen Mainstream-Medien tun. Bloss weil wir andere Matrizen überstülpen, wird die vermittelte Welt aber nicht wirklicher und wahrer. Nur die Wahrnehmungsraster ändern. Die von Toleranz, Friedens- und Verständigungsbemühungen hinterlegten Matrizen sind mir dabei alleweil lieber, als jene von Egoismus, Ausgrenzung und Argwohn gezeichneten!

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(1) aus „Mattscheibe“ von Jürgen Bertram

(2) aus Freiwild von Wolf Reiser – vollständiger Artikel in der Printausgabe von „lettre 107“ (Winter 2014)

(3) aus : http://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Downloads/Broschueren_Bestellservice/2014-12-15-gutachten-medien.pdf?__blob=publicationFile&v=4

(4) aus „Die Realität der Massenmedien“ von Niklas Luhmann

(5) aus „Die Antiquiertheit des Menschen“ (Band 1) von Günther Anders

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