Was bin ich doch limitiert. 140 Zeichen bloss auf Twitter. Mit 140 Zeichen kann ich kein Zittern in der Stimme darstellen, keine strahlenden Augen und auch kein über die Lippen huschendes Lächeln. Ich behelfe mich also mit lustigen, bunten oder drohenden Emo-ticons. Sie repräsentieren Emo-tionen.

Ich kommuniziere in short messages, im Telegramm-Stil. Irgendwie will ich ja rüberkommen. Hin und wieder teile ich Botschaften in meiner Timeline, retweete unkommentiert. Zwei Mausklicks genügen. Wenn mich eine Meldung interessiert, tippe ich auf’s Sternchen und zeige damit meine Zustimmung. Ein Favorit ist erkoren. Ohne Interaktionen keine sozialen Medien. Ich setze Zeichen. Und sei es mit den wenigen Tasten, die ich zur Verfügung habe.

Retweets und Favoriten sind das (rudimentär ausgeprägte) Unbewusste auf Twitter. Twitter und andere Statistik-Dienste wie favstar lesen unser Verhalten und werten es aus. Auf jedem Profil kann ich mir die Anzahl Tweets, Follower und die vergebenen Favoriten ansehen. Ich mache mir ein Bild von neuen Followern, in dem ich sehe, wem sie folgen, von wem sie gefolgt werden und welche Tweets sie favorisiert haben. Ich sehe mir neue Follower genau an. So gut es eben geht.

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Die Favoriten-Krankheit

Doch kürzlich schreibt mir jemand in einem Tweet: „Weisst Du, es ist krank, nachzuschauen, wer welche Tweets faved und daraus Schlüsse zu ziehen.“ Und entfolgt mich. Vielleicht liegt die Betonung ja – es fehlt leider das akustische Element – auf nachschauen. Schnüffeln, spionieren… oder so. Ich muss aber niemandem nachstellen. Ich kriege das mitgeteilt,  wenn jemand einen Tweet mit meinen Namen drin favorisiert. Zum Glück. Den einen oder anderen Follower habe ich so kennengelernt. Denn manchmal schaue ich mir die Accounts an, die mir einen Stern geben oder mich retweeten. Spionage ist das nicht, aber eine Reaktion auf Sympathie-Bekundung. Kontakt dank Neugierde. Oder auch Kontaktabbruch. So ist das im Leben. Eine Twitterin beendet eine Kontroverse mit folgendem Tweet:

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IdioVerhinderungs-Tweet

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Je nach Sujet und emotionaler Beteiligung kann ich Enttäuschung oder Empörung kaum verbergen. Ich habe mich von Followern getrennt, die sich an der Kontroverse beteiligten und dann auf diesen Tweet mit Fav oder RT reagierten. Bin ich deswegen krank? Oder ist das eine (adäquate) Reaktion auf eine Twitter-Enttäuschung?

Jemand schreibt: „Selbst fave ich: Wiederauffindbarkeit (neutral), Zustimmung (positiv) oder Ironie (negativ).“ Solche Fav-Praxis lässt viel Deutungs-Spielraum. Hätte jemand diesen Tweet bloss gefavt, um ein Lesezeichen zu setzen, täte ich ihm/ihr vielleicht unrecht. Doch glaube ich, die Zeichensetzungen richtig zu interpretieren. Man kennt sich ja. Ein bisschen. Doch was soll ich davon halten, wenn jemand, den ich gern mag, den Idioten-Tweet oben favorisiert? Verwirrung…

Verwirrung auch hier: Ein Zürcher Kantonsrat retweetet unkommentiert den Tweet eines Rassisten. Ist das nun neutral? Stimmt dieser nationalkonservative Politiker der offensichtlich rassistisch motivierten Aussage des Tweets zu oder ist sein Retweet blosse Ironie. Meine Nachfragen beantwortet er ausweichend oder gar nicht. Erschliesst sich mir vielleicht der Grund seines Retweets, wenn er später twittert: „Wann hat sich letztmals einer von in die Luft gesprengt oder ein vollbesetztes Flugzeug in einen Wolkenkratzer gelenkt?“

Mehrmals habe ich erlebt, wie Tuities Beschimpfungen oder Interaktionen (mit rassistischem, diffamierendem Hintergrund) im Nachhinein als Ironie oder Sarkasmus deklarieren. Du hast das falsch verstanden, lautet dann die Standardfloskel. Soso. Ich vermute, einige Akteure verschanzen sich hinter ihren Twitter-Aktivitäten wie andere hinter Anonymität. Wer problematische Tweets teilt,  jedoch dazu keine Stellung bezieht, macht sich zum Komplizen. Oder nicht!?

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Den Kühlschrank faven

Spielt alles keine Rolle. Probieren geht über Studieren. Notfalls hilft Relativieren. „Nicht mehr der bedeutungsvolle einzelne Kommunikationsakt zählt, sondern die vielen kleinen medialen Gesten der Kommunikation, die Verbundenheit signalisieren. Freundschaft ist damit von jeder Semantik befreit und in die dynamische Struktur ihrer medialen Formen eingeschrieben.“(1) Die lückenlose Verbundenheit steht über den Inhalten. Da lässt sich auch Nonsens favorisieren, soll er nicht in Datennebeln verloren gehen.

Vielleicht werde ich dereinst – im Netz der Dinge – auch den Tweet meines Kühlschrankes faven. Ich könnte sonst noch vergessen, den vom Frigo reklamierten Milch- oder Bier-Vorrat aufzufrischen. Wahrscheinlich würden sich schon jetzt Statusmeldungen von Kühlschränken oder Photovoltaik-Anlage kaum von törichten Twittereien und Brabbelresten in Kommentarspalten unterscheiden. Ein endloser Schwall an (Text-) Zeichen zieht an mir vorbei. Ich schwebe über die Zeichenfolgen hinweg wie über wolkenverhangene Landschaften. In Reisehöhe. Wo das Alles-Muss das Alles-Darf rechts und links überholt, wo schiere Redundanz jeglichen Anspruch an Relevanz hinwegfegt, da spielt auch die Meinungsfreiheit kaum eine Rolle mehr. So weit, so gut. Am besten, ihr favt euch selber! Fuck!

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drueeckilisVerbindungs-Tweet

 

„Ein und dieselbe Serie, ein und derselbe Video-Clip, ein und dieselbe Show entfaltet, unabhängig von allen gesellschaftlichen Voraussetzungen, die gleiche Anziehungskraft in Lüdenscheid, Hongkong und Mogadischu. So unabhängig von jedem Kontext, so unwiderstehlich, so universell kann kein Inhalt sein. In der Nullstellung liegt also nicht die Schwäche, sondern die Stärke (…) Dagegen ereignet sich so etwas wie eine Bildstörung, sobald im Sendefluss ein Inhalt auftaucht, eine echte Nachricht oder gar ein Argument, das an die Aussenwelt erinnert.“ (2)

Als Hans Magnus Enzensberger vor knapp 30 Jahren dies schreibt, hat er das Fernsehen im Visier. Ein gigantisches technisches System, das abhängig ist von Sendelizenzen, politisch austarierten Organisationsstrukturen, demokratisch abgesicherten Finanzierungsmodellen et cetera. Zur Debatte steht, wer zahlt und wer kassiert, wann, wo , wie von wem, aber nie und nimmer, was gesendet wird. Eine solche Haltung wäre bei keinem früheren Medium denkbar gewesen.“ (2) Dies Haltung finde ich auch im Internet.

Die Fragen nach Finanzierung und Profit stellen sich auch im Netz. Geradezu verzweifelt suchen Akteure mit pekuniären Interessen nach Antworten. Und wir, die privatistischen Selbstausbeuter der Long Tail Sphären, pendeln zwischen Selbstoptimierung und Kontrollverlust. Inhaltlich schleudern wir zwischen emotional aufgeladenem Pro und Contra. Konsens langweilt genauso wie Realisten. Punkten tun die Freaks und Heavy-Abuser der Überidentifikation.

Wo sich Gutenacht-Grüsse mit Fotos von abgetrennten Köpfen vermengen, die Logdaten der Tageseinkäufe mit retweeteten Lagerbeständen der Kellerregale, tabellierte Parameter des Herzfrequenzmessers mit Verlautbarungen zum letzten Terroranschlang, da brauchen wir auch hinter Fav- und Retweet-Verhalten keine Bedeutung mehr zu suchen. Egal, wenn jemand die Arschloch-Beschimpfungen favorisiert. Spielt keine Rolle, wenn andere dieses Macht sie nieder retweeten. Ich suche keinen Sinn mehr darin… es sei denn, ich bin krank!

 

 

(1) „Von der Freundschaft in Facebook“ von Ralf Adelmann (aus „Generation Facebook – über das Leben im Social Net“, Herausgeber Leistert/Röhle)

(2) „Die vollkommene Leere“ von Hans Magnus Enzensberger Mai 1988 in Der Spiegel Mai 1988

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