Lügenpresse ist das Unwort des Jahres (1). Dieses Unwort also ist wieder in aller Munde – zumindest während PegidaSpaziergängen. Offensichtlich fühlen sich Zehntausende von den Medien an der Nase herumgeführt. Ja, manipuliert wie zu DDR-Zeiten.

Nachdem die politische Rechte das Misstrauen gegenüber Medien jahrelang bewirtschaftete, scheint die Saat nun aufzugehen. Halt die Fresse Lügenpresse! hallt es von den Demonstrationszügen. Derweil lobbyieren und laborieren einflussreiche Akteure weiter unter euphemistischen Labels wie Medienfreiheit oder Medienvielfalt genau am Gegenteil dessen, was sie vorgeben: mehr denn je beschränken doktrinäre Schreibstuben der Meinungspresse sowohl Medienfreiheit als auch Medienvielfalt. Selbst abgesichert geglaubte Traditionsblätter sind nicht mehr vor nationalkonservativem Entern gefeit.

Im Internet stehen die Zeichen schon länger auf Sturm respektive Desorientierung. Hier wurstelt die Avantgarde des Meinungsterrors. Apodiktisch und ausdauernd. Hier kriege ich einen Vorgeschmack auf das, was möglicherweise von Informationswelten übrig bleibt, sind erst die freien Redaktionen an potente Milliardäre verhökert oder von Belustigungskonzernen auf Celebrity-Promos getrimmt und vom Journalismus erleichtert.

Die folgende klitzekleine Auswahl spannt den Bogen zwischen medienkritischem, agitativem Powerplay und vermeintlich harmlosem Politikerpost… Prost!

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FressePresse

Rechter Newsticker – fremdenfeindliche Tweets im Minutentakt

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watson

Rechte Bloggerin – Tiraden gegen „Vollpfostenjournalismus“

.Mainstreampol

Rechter Regionalpolitiker – politically incorrect

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Die angesprochenen, unter Klarnamen auftretenden Twitterer habe ich anonymisiert. Mir wurde (hier) kürzlich vorgeworfen, ich würde mit meinen Aussagen (eigentlich mit dem Favorisieren von Aussagen) dem Ansehen von Menschen schaden. Nach dieser Logik ist also nicht der Raser im Unrecht, sondern derjenige, der die Geschwindigkeitsübertretung ahndet. Nun gut – ich will niemandem schaden. Im Gegenteil.

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anti

Bekennender Rassist – von Twitter unbehelligt

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Wie es die Anti-Mainstream-Medien Agitatoren mit den Fakten halten, habe ich hier schon einmal beschrieben. Unterdessen ist der Ton schärfer geworden. Gegner werden unbeschwert diffamiert. Auch vor dem Aufruf zur Selbstjustiz wird – wenn auch noch etwas schwammig – nicht zurückgeschreckt. Kein Wunder fürchten sich einige davor, Rechtsextremen in sozialen Medien zu widersprechen.

Auch schon als feige Sau und verpisste asoziale Arschgeige (sic!) bezeichnet, bin ich mittlerweile froh, nicht mehr unter Klarnamen aufzutreten. Ein Account lässt sich löschen, eine digitale Existenz auflösen – kein Problem. Wer widerspricht, begibt sich in feindliches Gebiet, setzt sich Gefahren aus. Die angebliche Toleranz ist dann rasch einmal überstrapaziert. Das ist ein Problem.

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scheck

 Rechter „Troll“ – Sozi-Stalker jagend

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Troll dich widerlicher Sozi

Wie begossene Pudel sollen sich widerliche Sozi-Stalker von den Plattformen trollen. Dies ist das erklärte Ziel von TrollHunterCH, der/die schreibt: „Wie man aus unserer Bio leicht erkennen kann, wurden wir ausschliesslich dafür ins Leben gerufen, um gegen Twitterer vorzugehen, die andere, integre Twitterer trollen, stalken, verleumden, beschimpfen und gezielt beleidigen. Wir spielen bewusst “auf den Mann”. Einige Twitterer, die aufgrund grosser Defizite in ihrem Selbstwertgefühl anderen Twittern ihre sozialistischen Wahnvorstellungen “aufdrücken” wollen, verstehen – zu unserem Bedauern – keine andere Sprache.

Da die klar delinquenten Twitterer, wie die inzwischen lange Erfahrung deutlich aufzeigt, zu keiner Einsicht fähig sind, muss es unser Ziel sein, diese zum Löschen ihres Accounts zu bewegen. Obwohl die fehlbaren Twitter-Stalker sich immer wieder als Opfer darzustellen versuchen, was deren Verwirrung nur noch deutlicher aufzeigt, betreiben wir im Auftrag geschädigter Twitterer nichts als “Notwehr”. Ein Text voller willkürlicher Schuld- und anderer Zuweisungen… Weit her ist es hier nicht mehr mit der freien Meinungsäusserung. Geschweige denn mit der Meinungsvielfalt.

Schon seltsam: anstatt mehr Aufklärung fördern immer mehr Medien – so scheint mir – Konfusion und Chaos. Wir benutzen die Mittel nicht, um Aufschluss zu geben, sondern um auszuschliessen. Die im Web gelieferten Gegeninformationen erweitern nicht den Horizont, sie verengen die Sicht. Aus Schwarmintelligenz wird Schwarmimpertinenz. Jede journalistische Fehlleistung – oft genügt schon eine missliebige Ansicht – zelebrieren die Agenten der Desinformation sogleich als weiteren Beleg für die Verlogenheit der Systemmedien oder Lügenpresse. Bis alle alles besser wissen.

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Chuzpe

Nationalkonservativer Politiker – balancierend auf der Achse des Guten
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Sie geben sich aus als Hüter der direkten Demokratie, diese Errungenschaft, um die uns die ganze Welt beneide. Sie wollen sich weder von fremden Richtern, noch von EU-Funktionären oder gar roten Socken reinreden lassen. Mit derselben Inbrunst, mit der sie vorgeben, sich für unsere Freiheit und Selbstbestimmung einzusetzen, vergiften sie meines Erachtens die Nährstoffe einer direkten Demokratie und der Freiheit. Sie unterwandern eine von Partikularinteressen befreite, leistungsfähige Medienlandschaft. Sie spotten über die Glaubwürdigkeit journalistischer Produkte. Und sie ignorieren oder machen sich lustig über Widerspruch.

„Wenn sie [die Person] ein denkendes Wesen ist, das in seinen Gedanken und Erinnerungen wurzelt und also weiss, dass sie mit sich selbst zu leben hat, wird es Grenzen geben zu dem, was sie sich selbst zu tun erlauben kann, und diese Grenzen werden ihr nicht von aussen aufgezwungen, sondern selbst gezogen sein. Diese Grenzen können sich in beachtlicher und unbequemer Weise von Person zu Person, von Land zu Land, von Jahrhundert zu Jahrhundert ändern; doch das grenzenlose, extreme Böse ist nur dort möglich, wo diese selbst-geschlagenen und gewachsenen Wurzeln, die automatisch Möglichkeiten einschränken, ganz und gar fehlen. Sie fehlen dort, wo Menschen nur über die Oberfläche von Ereignissen dahingleiten, wo sie sich gestatten, davongetragen zu werden, ohne je in irgendeine Tiefe, derer sie fähig sein mögen, einzudringen.“(2)

Wadenbeisser

Rechter Liberaler – gefangen in Ideologiefesseln

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Gleiten wir durch die alltäglichen Datenschwärme, verlieren wir uns im Universum absoluter Kontingenz. Die Stimmen in öffentlichen Medien vermischen sich mit jenen privater Medien und umgekehrt. Cholerisches Gezänk übertönt besonnene Stimmen. Glaubwürdiges tritt anstelle von Wahrem. Absolutistische Auffassungen verdrängen fragile Rechtfertigungen. Die Mittel der Verständigung werden selbst zum Gegenstand der Kommunikation. Die Neugierigen werden „definitiv zur Aufgabe ihres widerlichen Tuns gezwungen werden.“ (TrollHunterCH).  Übrig bleiben die Verantwortungslosen und die Gleichgültigen…

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(1) Pressemitteilung Sprachkritische Aktion: Unwort des Jahres

http://www.unwortdesjahres.net/fileadmin/unwort/download/pressemitteilung_unwort2014.pdf

 (2) aus „Über das Böse“ von Hanna Arendt

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EMPFEHLUNGEN:

5 Thesen zum Misstrauen gegen Medien.

Auch in tabulosen Zeiten gibt es Schamgrenzen – Annemarie Pieper im Tagesgespräch

 

 

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