Woche für Woche gehen zehntausende Patrioten auf die Strasse und protestieren gegen die Islamisierung des Abendlandes oder genauer; Deutschlands. Das ist angesichts der wenigen Muslime im Land zwar irrational, findet aber vielleicht gerade deshalb enormen Anklang.

Das intime Grüppchen, das sich anfänglich gegen Kurden und deren Forderung nach Waffenlieferungen an die Peschmerga richtete, mauserte sich innert Kürze zur heterogenen Massenbewegung. Sie attackiert das gesamte politische Establishment und die Medien. Die beklagte schleichende Islamisierung ist dabei lediglich der Leim, der allerlei Ängste, Unbehagen sowie Orientierungslosigkeit in einem Verweigerungs- und Wutpaket zusammen hält.

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WirSindVolk

Ist das das Volk? Oder eine Lüge?

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Nicht nur in Dresden und Leipzig ist die Welt kompliziert. Im Nordirak, in Nahost überhaupt ist einiges gewaltig aus den Fugen und für uns Newshäppchen- und Clip-Konsumis kaum mehr durchschaubar. Wer legt da wem Minen in den Weg? Wer zerbombt welche Siedlungen? Wessen Soldaten erschiessen welche Menschen? Und warum überhaupt? Dass nun Kämpfer der gescholtenen und immer wieder herum getriebenen Kurden die vorrückenden Berserker des Islamischen Staates vor den Grenzen der Türkei stoppen sollen, hätte den erklärten Salafisten-Gegner und Pegida-Gründer Lutz Bachmann doch eigentlich freuen sollen. Aber nein. Er ärgert sich, dass kurdische Demonstranten in den Einkaufspassagen Dresdens Waffenlieferungen für die Peschmerga fordern. Sieht Bachmann darin tatsächlich die Islamisierung Deutschlands und damit eine Bedrohung? Oder schiebt er ein Alibi für seinen Aktivismus nach?

Geradezu mirakulös jedenfalls, wie sich das ehemalige Aushängeschild der Pegida-Bewegung  in kurzer Zeit wandelt. Im September 2014 noch fremdenfeindlicher Rüpel, sagt Lutz Bachmann knapp zwei Monate später nein, wir sind nicht ausländerfeindlich. Dass die so genannte Lügenpresse gnadenlos über Bachmann herzieht, bloss weil ein Foto von ihm mit Hitler-Schnäuzchen an die Öffentlichkeit gerät, ist ja klar, sagt die Lügenpresse-Lügenpresse. Dabei war das Foto doch bloss ein Scherz. Oder etwa nicht?!

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Riesige Angst

Die Volksseele kocht. Der Abendspaziergang mit zigtausend Pegidas vom 19. Januar wurde wegen einer Morddrohung abgesagt. Wer für Meinungsfreiheit und gegen „religiösen Fanatismus jeglicher Art“ sei, soll doch stattdessen die Landesflagge und eine Kerze ins Fenster stellen. „Nun haben sie es also geschafft, diese Heuchler. Was die Nazikeule nicht vermocht hat soll nun die Terrorkeule richten,“ kommentiert da Henning B. im einschlägigen Portal. Die Angst geht um. Ganz konkret. Ein paar Tage nach den islamistischen Anschlägen von Paris ist die Luft zum schneiden.

Davor war da bloss die Sehnsucht nach klaren Lebensverhältnissen und nach ungestörtem Leben. Da war die Sorge, dass es in Zukunft schlechter gehen könnte oder das Ausschlussempfinden der grundsätzlich Beleidigten. Es war ein Verteilungskonflikt um  Staatseinnahmen, von denen einzelne über Gebühr profitieren. Aus medial aufbereiteten Begriffen wie Sozial-Irrsinn, Sozial-Schmarotzer oder Kriminal-Tourismus speist sich die Furcht. Etwas angereichert mit eigener Erfahrung:

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Angst

Was macht Kriminaloberkommissar a.D. Martin B. Angst?

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Aus der mehr oder weniger vorhandenen Verunsicherung wird dank skandalöser Medieninformation (neurotische) Angst. Ihr können wir uns kaum entziehen. „Form und Inhalt der neurotischen Leitlinie stammen aus den Eindrücken des Kindes, das sich zurückgesetzt fühlt. Diese Eindrücke, die sich aus einem ursprünglichen Gefühl der Minderwertigkeit mit Notwendikgeit herausheben, rufen eine Aggressionsstellung ins Leben, deren Zweck die Überwindung einer grossen Unsicherheit ist.“(1) Was der Individualpsychologe vor 100 Jahren beschreibt, gilt noch heute.

Die weniger persönliche Optik fokussiert auf soziale Zusammenhänge: „In einer gesunden Gesellschaft, in der soziale Geborgenheit, Existenzsicherheit und Frieden herrschen, hat die diffuse Angst geringeren Nährboden als in armen Regionen unserer Welt. Flüchtlinge werden ein hohes Maß an Ängsten haben – bis zur Panik. Besonders anfällig für begründete oder auch unbegründete Angst sind solche, die inmitten ungelöster Konflikte stehen.“ Lapidar formuliert: wem’s gut geht – wirtschaftlich oder psychisch – der oder die ist toleranter.

Die patriotischen Spaziergänger würden am ehesten dem einstigen deutschen Innenminister Otto Schily zustimmen: „Wenn sich in manchen deutschen Stadtteilen Parallelgesellschaften bilden, wenn manche Jungs aus türkischen Familien eine zum Teil frauenfeindliche Machokultur pflegen – dann müssen solche Probleme angesprochen werden.“ Das alles hat also seine Richtigkeit. Die Angst ist nicht diffus, sie ist greifbar, erlebbar. Das gilt. Auch Phobiker nehmen wir ernst. Scheinen die Ursachen für deren Störungen noch so irrational, noch so eingebildet; das Leiden ist echt. Das Eingebildete jedoch manifestiert sich gelegentlich in Trugbildern.

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KlareAnalyse

Autor NoHerrman sagt auch GRÜNROTmachtTOT

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Welchen Rest übernehmen? Wer heilt Helvetia?

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Wirrköpfe, Witzbolde, Wutbürger? Zweifellos. Sarrazynismus inmitten der Gesellschaft. Die Deutschen trauen sich wieder Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu. Ohne falsche Scham. Lange haben Menschen nur gegen Dinge wie AKW, Banken oder Raketen demonstriert. Nun demonstrieren Menschen wieder gegen Menschen. Bessere gegen schlechtere Menschen…

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Dissensgesellschaft

Sie geben sich nicht mehr zufrieden mit Ex-Kanzler Schröders Alternativlosigkeit. Sie wollen sich von Mutti Merkel weder Kälte noch Vorurteile oder gar Hass in ihren Herzen vorwerfen lassen. Jahre nach Wiedervereinigung und grosser Koalition ist nun Schluss mit der Konsensgesellschaft!  Ein tiefer Graben gehe durch das Volk, sagen die Leute von Pegida. Gleichzeitig rufen sie immer wieder im Chor „wir sind das Volk.“ Auf der anderen Seite des Grabens lauern die, die nicht zum Volk gehören: Gutmenschen, Eingewanderte, System-Politikerinnen und Lügenjournaille. So lange wurden uns diese Zuschreibungen eingehämmert, nun entfaltet die unentwegt geschürte, rechtspopulistische Konfliktinszenierung ihre Wirkung. Fronten verhärten.

Politikerinnen und Autoren, die in Zeiten zunehmender Ressourcenknappheit, irritierenden Modernisierungsschüben und schwindenden Wohlstandes keine Verantwortung übernehmen wollen oder können, kreieren Sündenböcke, auf die sich die Aufmerksamkeit der Verunsicherten und Verlierer richten soll – beispielsweise eine weitgehend funktions- und arbeitslose Unterklasse. „Die sogenannten visible minorities werden sowohl für die reduzierte Leistungsfähigkeit des Wohlfahrtsstaates als auch für die erhöhte Unsicherheit verantwortlich gemacht: Ein und dieselbe Gruppe kann somit als Ursache der beiden Hauptprobleme des nationalstaatlichen Regierens ausgemacht werden.“ (2)  Wirtschaftliche und soziale Konflikte werden zumindest teilweise ethnisiert. So öffnet sich der Graben weniger zwischen Muslimen und Abendländlern, sondern viel mehr zwischen Mittelstand und Niedriglöhnern – zu denen viele Muslime und Eingewanderte gehören.

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Aufgehoben sein? Nicht an dieser Strasse! Nicht hier!

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Wenn Wohlstand mehr und mehr den privilegierten Leistungsträgern vorbehalten bleibt, muss ein Alternativangebot her: Freiheit. Negative Freiheit: wir können tun und lassen, was wir wollen, solange wir uns auf die Türen beschränken, die uns offen stehen. Statt Wohlstand bleibt uns die Mitgliedschaft in einem freien Volk inklusive ein paar leere Stimmzettel pro Quartal zum ausfüllen. Hierzu passt, dass kurz nach Lutz Bachmanns Abgang nun auch Kathrin Oertel Pegida den Rücken kehrt und eine neue Gruppierung namens Direkte Demokratie für Europa gründet. Ein einig Volk soll bestimmen. Unter Ausschluss ganzer Volksgruppen. Die Desintegration ist gewollt. Dissens auch.

„Es weht ein Wind des Aufruhrs durch Europa! Die freiheitsliebenden Bürger wollen wieder ernst genommen werde und ihr Schicksal selber in die Hand nehmen. Sie wollen keine Symbole fremder Herrschaftsgelüste in ihren Städten sehen. Sie wehren sich gegen die lautstarke Verkündung eines einzig seligmachenden Dogmas. Sie wollen keine Bajonette aufpflanzen lassen, in deren Schatten Hassprediger ihr Unwesen treiben und Frauen versklavt werden. Ein kleines, unabhängiges Volk zeigte den Weg. Das weisse Kreuz auf rotem Grund sei euer Wegweiser. Es lebe die Freiheit!“ (3)  Politik wird zur Show – scharf gezeichnete Bilder, tränenrührige Gefühlsduselei, Schockeffekte… tief getroffen, ja verängstigt blase ich die Kerze aus und verkrieche mich unter meiner Decke.

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(1) aus „Über den nervösen Charakter“ von Alfred Adler

(2) aus „Europäischer Rechtspopulismus“ von Sven Schönfelder (in „Die neuen Rechten in Europa“ – Peter Bathke/Ankte Hoffstadt (Hg.)

(3)  aus der Grussbotschaft von Oskar Freysinger zur Antiminarettkonferenz von PRO NRW am 27.03.2010,  gefunden bei Alexander Häusler (in „Die neuen Rechten in Europa“ – Peter Bathke/Ankte Hoffstadt (Hg.)

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Von Hayek zu Sarrazin: Neoliberale Einfallstore für ausgrenzendes Denken

Warum geht ihr zu Pegida-Demonstrationen: http://tu-dresden.de/aktuelles/news/Downloads/praespeg

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