„Sami niggi näggi, hinder em Ofe stäggi…“ Etwas angst macht der Samichlaus ja schon. Warum sonst hätten sich Kinder hinter Öfen verstecken sollen?! Furchterregend war der bärtige Mann: er klopfte dumpf mit seinem Stock, die Schellen klirrten, die Bass-Stimme donnerte. Seit den Einschüchterungsversuchen verschiedener Chlaus-Protagonisten habe ich mich nicht mehr vor Behaarten gefürchtet. Erst seit Kurzem wieder. Da wittere ich Gefahr. Diese Männer – Islamisten – in weiten Kleidern, mit ihren ungeschnittenen, schütteren Bärten. Meist lehnt ein Gewehr im Arm oder ein abgetrennter Kopf baumelt an der Faust.

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SamichlausChristen-Haupt mit blütenweissem Bart – streng aber gütig

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Der Christ dagegen; heiter, freundlich. Für ihn hat der Bart kaum Signalwirkung. Verheiratete Amische tragen zwar eine Krause unterm Kinn. Doch letztlich gibt sich der Christenmann der Mode und seinen Launen hin. Orthodoxe Juden wiederum leben ohne zu hinterfragen nach hunderten Geboten und Verboten, tragen Bart und Schläfenlocken. Die streng gläubigen Muslime lassen den Bart wachsen, um sich von Ungläubigen abzugrenzen. Zudem signalisieren sie ihre Männlichkeit, denn nur verweiblichte Männer rasieren den Bart. Eine handbreit unter dem Mund soll das Gesichtshaar endlos spriessen.

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MohammedMuslimen-Haupt mit wildwüchsigem Bart – dröger Blick (oder: Waffe, Skalp etc.)

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„Wer noch nicht Islamophob ist, dem ist nicht mehr zu helfen! Islam = Unmenschlichkeit!“ twittert da jemand. Einige Zeitungen berichten soeben,  Schergen des Islamischen Staates hätten 30 Menschen bei lebendigem Leib verbrannt. Die häufige Präsenz der Islamisten und ihrer Verbrechen in westlichen Medien wirkt. Auch auf Muslime. Sie stehen mittlerweile in ganz düsterem Licht.

Nicht genug, dass wir sie als Betende meist nur kniend, das Gesicht am Boden, von hinten zu sehen bekommen. So als würden sie uns den Hintern entgegen strecken, parat für einen kräftigen Tritt. Der muslimische Mann ist fast ausschliesslich hassverzerrt, blutverschmiert und schreiend dargestellt. Die Frau verschleiert, gefangen, gedemütigt. Diese Bilder ultrakonservativer Gläubiger dominieren die Wahrnehmung. Sie lassen uns glauben, alle Muslime seien rückständig, gewaltbereit oder besessen von Hegemonialgelüsten.

Ein Vergleich der Ergebnisse von Google-Sucheingaben belegt die stereotype Repräsentation – hier von Christen und Muslimen:

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VerglErgebnisse nach Sucheingabe „Christians“ (oben) und „Muslim“ (unten)

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Die Christen in goldigem Licht, andächtig, demütig. Muslime dagegen protestierend, aggressiv, (ihrem Glauben, dem Koran) unterwürfig. Angesichts solch zugespitzter Darstellung und der Dauerpräsenz islamistisch etikettierter Kriegsgräuel verdichten sich die Klischees. So twittert denn auch einer: „…vorsicht vor der Relativierung des ISlams. Im Vergleich dazu waren die Nazis Schuljungen….“

Wirklich? Anyway! Der Krieg ist erklärt. Da haben wir’s. 70 Jahre nach der Verfolgung und Vernichtung von Juden schüren Menschen erneut den Hass auf eine Religionsgemeinschaft. Mitten in Europa.

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AdolfHDiktatoren-Haupt mit Schnauzer – absurd bis hin zum Gesichtshaar

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Der ultimativ Böse ist zurecht gestutzt. Item: stellen Männer ihre Gesichtsbehaarung zur Schau, weil sie ausgeprägt männliche Männer sind? Sind diejenigen am schlimmsten, die ihre Behaarung besonders ulkig tragen? Führen akurat Rasierte ihre Mensch-Vernichtungsmaschine akribischer als andere? Fehlanzeige. Adolf Hitler war eitel. Sein Schnurrbart kaschierte bloss grosse Nasenlöcher an einer knorpeligen Pyramidennase.

Die Nazis setzten die Nation, das Deutsche anstelle von Gott. Geradezu zwanghaft: „Wenn wir Deutsche es vermögen, jedes Amt des Staates, jede Stimme unseres Blutes, jeden Befehl, den wir geben, und jeden Befehl, den wir erfüllen, jedes Opfer, das wir fordern, und jedes Opfer, das wir bringen, als gottgewollt und gottgegeben, weil nationalgewollt und nationgegeben, zu erkennen, nur dann dürfen wir die grosse Einheit aller Deutschen mit Namen nennen: Die Nation! Oder besser: das Reich!“ (1)

Um Juden auch in Nahost verfolgen zu können, paktierte Hitler mit den Muslimbrüdern. Die heutigen Nazi-Jünger schaffen dagegen die 180-Gradwende mühelos. Sie richten ihren Rassismus neu  – weil mittlerweile mehrheitsfähig – vor allem gegen die Muslime im Land. Any Fremdenfeindlichkeit rules…

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hipsterHipster-Haupt mit Pflegebart – kaschierte Überanpassung

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Im Habitus des Hipsters implodieren die von der Mode-, Design- und Sinnindustrie verhökerten Werte. Der Wunsch sich um Regeln zu foutieren, totale Freiheit zu erlangen, dieser Hyperindividualismus (oder die Inszenierung all dessen) mündet in kompletter Uniformierung. „Wenn jeder anders aussehen will als die anderen, sehen irgendwann alle gleich aus.“  Bis zur völligen Absenz jeglichen Eigensinns. Hipster sind die Taliban der Shopping-Malls, die Latte Macchiato-Dschihadisten auf Nostalgie-Biketour. Unterwürfig, angepasst. Statt Geboten folgen Hipster den Warenzyklen. Gadgets ersetzen Gebete.

Da auch Nazis ihre Dresscodes neu definieren – zum Beispiel angereichert mit schicker Sonnenbrille oder, schon wieder, flauschigem Vollbart – stürcheln jetzt modebewusste Nipster durch die Strassen, rufen stylish nach heilem Vaterland.

Der Mensch, dieses heimatlose, gespaltene Wesen… wer fügt es zusammen? Der liebe Gott? Der grosse Allah? Das einig Vaterland? Die gedeckte Kreditkarte? Nun reisst euch mal zusammen…

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CocteauWerwolf-Haupt im Vollpelz – das Böse umschliesst das Gute

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Wenn schon böse, dann richtig. Ganzkörperbehaart ist der Werwolf – Allegorie der dissoziativen Identitätsstörung. Im Körper des unersättlich Blutsaugenden steckt ein verletztes, sehnsüchtiges Ich. Nachts und in der Umnachtung wird es von seinen Zwängen überwältigt. In einem Film von Jean Cocteau erlöst die Liebe einer Frau den Werwolf (die Bestie) von seinem Schicksal. Die Frau akzeptiert den Bedauernswerten so wie er ist. Der pelzige Kerl überwindet dadurch seine Spaltung. Künftig muss er nicht mehr andere spalten. Hoffentlich…

„…das ist’s auch, was Faust wissen wollte, was die Welt im innersten zusammenhält – eine Frage, die auf den Problemkreis Symbiose verweist. Angst vor Trennung, Zerfall – Zusammenfügen als zentrale Geste.“ (2)  Was SIE – nicht die Welt – im Innersten zusammenhält; bestialisch mordende Islamisten halten ihre inneren Spannungen notdürftig zusammen. Im göttlichen Auftrag werden ihre Anteile zu einem Ganzen, das wiederum in der marodierenden Truppe aufgeht. Ein Segen für die am Gemüt Verletzten. Allein: ihre Verbrechen an der Menschlichkeit sind verwerflich und abscheulich. Wie alle Kriegsverbrechen.

Seit den Flugzeug-Entführungen der 1970-er Jahre oder den Geiselvideos der RAF nutzen Terroristen Mediensysteme, um ihren Kampf für’s Sofa-Publikum zu inszenieren. Die mediale Verwertung des (meist) von Männermonstern sichtbar gemachten Terrors ist also nicht neu. Soziale Medien ermöglichen neuerdings aber die quasi-live Übertragung und Feinverteilung in alle Haushalte. Das Grauen on demand – mit oder ohne Bart.

Wir sollten uns davon nicht zu Rassenhass und Islamophobie hinreissen lassen. Wir sollten auch denjenigen widersprechen, die in sozialen Medien und anderswo die Gunst der Stunde nutzen und ihre Fremdenfeindlichkeit zu veredeln versuchen, in dem sie diese antimuslimisch fundieren. Das löst keine Probleme! Schafft und verschärft dafür aber ganz viele Konflikte. Als ob es nicht genug zu tun gäbe… Da könnt ihr noch so sehr glauben, ihr wüsstet, wo der Barthel den Most holt!

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(1) aus „Sprengstoff“ von Friedrich Wilhelm Heinz (zitiert nach Klaus Theweleit, „Männerphantasien“ Band 2)

(2) aus „Männerphantasien 2 männerkörper“  von Klaus Theweleit

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EMPFEHLUNG

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Antimuslimischer Rassismus – im Gespräch mit Yasemin Shooman
http://www.srf.ch/sendungen/kontext/sie-gehoeren-nicht-hierher-antimuslimischer-rassismus

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