Lieber wäre er Schlagzeuger geworden. Doch dazu fehlte ihm das Talent. Vielleicht war es auch ein Mangel an Lebenslust, Ungestümem, kindlicher Freiheit…. Was wäre aus ihm geworden, hätte er – nach dem frühen Tod der Eltern – mit ein paar Kumpels kräftig auf die Pauke gehauen, statt sich ans Schreibpult zurückzuziehen? Der Roger wird bestimmt mal Reporter, habe eine Lehrerin damals prophezeit. So ist es. Mehr noch. Aus Roger wurde die Köppelmaschine: eine endlos ratternde Meinungs-, Show- und Schreibmaschine zusammengebaut aus Verleger-, Chefredaktoren-, Provokateur-, (Um-) Gestalter-, Politiker-Teilen und mehr.

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Als Jüngling wird Köppel zum Vollwaisen. Nachdem sich die Mutter vom Vater trennt und bald darauf beide sterben, bleibt der 13-Jährige in der Wohnung der verstorbenen Mutter und lebt künftig betreut vom 10 Jahre älteren Bruder und dessen Freundin. Roger Köppel spricht gern vom Hockeytraining damals, vom Schlagzeug-Spielen. Die schwierigen Situationen seiner frühen Lebensphase bleiben dunkle Flecken.

Zwei Tote liegen auf dem Feld. „Die Genugtuung des Überlebens, die eine Art von Lust ist, kann zu einer gefährlichen und unersättlichen Leidenschaft werden. Sie wächst an ihren Gelegenheiten.“ (1) Die Erfahrung des Kindes von Verlust und Existenzangst, die im Überlebenszwang mündet, schlägt schliesslich um in den Wunsch, einzig-artig zu sein.Überleben heisst das, ersetzt die Liebe. Im Zurücklassen anderer bestünde die ganze Lust“ (2)

Fortan schreibt Köppel unter Einsatz seines Lebens. Ihm bleibt nichts, so scheint es, ausser Schreiben und kometenhaftem Aufstieg. Geschichtsbücher vielleicht. Die Zuneigung gilt grossen Männern: Churchill, Putin, Darth Vader. Sie schliessen die vom verlorenen Vater hinterlassenen Lücken. Von Christoph Blocher ist Köppel so beeindruckt, dass er ihn mit einer Kernfusion vergleicht. Köppel ist verstrahlt, flüchtig. Nirgends bleibt er lang. Er heiratet eine Frau, obschon er – wie er ihr auf den Weg mitgibt – bereits verheiratet sei. Verheiratet mit seinem Beruf. Ein Entwurzelter, ein ewig Unfertiger. „Keineswegs also hat der Schreiber Tinte in den Adern; eher ist seine Tinte gemischt mit Blut, dem Blut der Vorausgeschickten [den verstorbenen Eltern]Er selber steht im vollen Überleben.“ (1)

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KoeppelmaschineKöppelmaschine – Bauplan eines Polit-Journalisten (Schnitt)

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Die Maschine läuft. Und läuft. So lange sie niemand neu programmiert oder umbaut, produziert sie dieselben Produkte. Natürlich ist Roger Köppel keine Maschine. Er ist ein Mensch. Aber er scheint immer mehr nach einem Programm zu funktioneren. Was nicht dazu gehört, was seinen Bewegungs- und Denkabläufen zuwiderläuft, hat keinen Platz. Im Zurücklassen anderer besteht die ganze Lust. Ganz dem Blocher-Vaterprinzip folgend, müssen sich ihm Mitarbeiter „unterordnen, dürfen nichts verlangen. Sie dürfen ihren Chef nichts fragen, weil das Beantworten von Fragen Energie raubt.“ (3)

Oft lassen Weltwoche-Redaktoren (z.B. auf Twitter) verlauten, kein anderer Chef lasse soviel Schreib-Freiheit zu. Kein Wunder, sind doch alle Texte – zumindest diejenigen, die ich gelesen habe – hundertprozentig kompatibel mit dem Programm der Köppelmaschine. Diese Maschine sei in Diskussionen ausdauernd wie der Duracell-Hase. Der trommelt selbst dann noch, wenn um ihn herum alles still geworden ist. Und das kann scheppern.

Kein Widerspruch ohne versteckte Erniedrigung oder Beleidigung. Seine Rede ist gespickt mit Anspielungen. Das Gegenüber fixiert er mit zusammengekniffenen Augen. Vor dem Gesicht schwenkt er die Hand, als wäre ein kleiner Pfeil zwischen Zeigefinger und Daumen eingeklemmt.

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AbwehrmaschKöppelmaschine – Bauplan eines Journi-Politikers (Aufsicht)

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Unentwegt spinnt die Köppelmaschine denselben Faden. Heute weiss, morgen gelb, nächste Woche schwarz. Zart schimmern die Spitzen. Die feinen Muster machen ganz schwindlig. So kommt ein Deckchen zum anderen. Sie sind kaum mehr voneinander zu unterscheiden. Ich habe wahllos ein Dutzend ältere Ausgaben der Weltwoche angeklickt und mich durch von Roger Köppel verfasste Editorials gewunden. Setzen wir einzelne Passagen daraus zusammen:

„Die Schweiz war über Jahrzehnte, vielleicht über Jahrhunderte, die Alpenfestung der Rechtssicherheit.“ 09/2015 Wann immer die Schweiz den Mut und die Kraft zur Eigenständigkeit und im Konfliktfall zum Widerstand aufbrachte, wurde sie respektiert.“ 08/2015 Die Schweiz steht sowohl Russland wie auch Europa mit gleicher Distanz freundlich gegenüber.“ 07/2015 „Die Schweiz will sich nicht mit der EU vereinigen. Wie vernünftig handelten doch früher die Bundesräte, als sie auf offizielle Ausflüge ins Ausland verzichteten.“ 06/2015 „Anything goes, alles ist möglich. Das war in der Schweiz nicht immer so.“ 49/2014 „Wieder einmal ­haben wir uns unter ausländischem Druck mit einknickenden Politikern und einer moralisierenden Publizistik zu einer Vorverurteilungs- und Selbstzerfleischungsorgie hinreissen lassen.“ 46/2014 Warum geht es der Schweiz besser? Weil sie nicht Mitglied der Europäischen Union ist.“ 37/2014 „Auch die EU ist zu einem übergrossen Gebilde geworden, das seiner Probleme nicht Herr zu werden scheint.“ 29/2014 Sicher wäre es hilfreich, vor allem in Deutschland, die europapolitischen Vorstellungen Erhards aus den Archiven zu holen.“ 47/2013 „Die Unabhängigkeit der Schweiz als direktdemokratischer Rechtsstaat gehört zu den Grundwerten des Landes, sie macht einen wesentlichen Teil der Identität aus.“ 32/2013 „Das war der geistige Überbau, den Blocher einschweizerte. Präziser: aus den schweizerischen Traditionen heraus kraftvoll wiederbelebte.“ 40/2010 „Es braucht ein Minimalmass an historischer Bildung, um die Risiken abzusehen, die sich die Schweiz hätte einhandeln können.“ 25/2010

Ist das nicht erstaunlich? Egal ob Gurlitt-Sammlung, UBS oder Cäsars Rom – nach wenigen Zeilen schafft Köppel den Dreh und ist bei seinem Thema. Ich schwör’s; ein Editorial nach dem anderen… Wenn in 12 von 12 Editorials vom Verhältnis der Schweiz zur EU, der Einzigartigkeit der Schweiz, den Vorteilen des Schweizer Systems, dem Schweizerischen und dem Eingeschweizerten die Rede ist, was verhandelt Köppel in hunderten weiteren Editorials? Wir ahnen es. Rotierendes SchwSchwSchwSchwSchw…

Dank seiner Belesenheit schafft es Köppel, das Stereotype zu kaschieren, dieses maschinenhafte Wiederholen infantiler Muster: „Stereotypie verfehlt insoweit die Wirklichkeit, als sie dem Konkreten aus dem Wege geht und sich mit vorgefasstem, starren und extrem generalisierten Vorstellungen begnügt, denen das Individuum so etwas wie magische Omnipräsenz zuschreibt.“ (4) Ein Rechercheur ist Köppel nicht. Ihm wird zugetragen. Ans Pult. Den Rest klärt die gefestigte Haltung. Schluss jetzt.

Christoph Blocher gilt als Jahrhundert-Politiker. Er ist bekannt wie ein bunter Hund. Lassen wir’s gelten. Dann ist Chris von Rohr halt auch Jahrhundert-Musiker. Aber nicht wegen der Musik. In dieselbe Hit-Liste passt Roger Köppel. Eine Ausnahmeerscheinung. Allein, an seinen Texten kann’s nicht liegen. Irgendwas anderes müssen wir von ihm in unserem Bewusstsein gespeichert haben. Irgendwas. Und sei es das SchwSchwSchwSchwSchw der Köppelmaschine, das uns ständig im Ohr wurmt

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(1) aus „Masse und Macht“ von Elias Canetti

(2) aus „Buch der Könige“ von Klaus Theweleit

(3) aus Spiegel 11/2010

(4) aus „Studien zum autoritären Charakter“ von Theodor W. Adorno

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EMPFEHLUNG

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Lausebengel in Schreibstuben

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