Es gibt Mauern, Zäune, Gräben. Da sind Seeblockaden, Handelsblockaden, Denkblockaden. Wir können Menschen meiden, schneiden, hiden und z.B. auf Twitter blockieren. Wir sind uneins, streiten, fechten, schlachten. Wir haben Angst hinaus zu gehen, unter Menschen zu sein oder die Hände zu beschmutzen. Wissensvermeidung und Selbsttäuschung hilft, die eigenen Überzeugungen zu schützen. Die Abspaltung von Bedrohlichem kann sich aber gar sonderbar auswirken; in schützenden Massnahmen wie Zwangsstörungen oder dem Bau von Sperranlagen.

Israel ist eine gated nation verpackt in ein bis zu 10 Meter hohes, über 700 Kilometer langes Bollwerk. Diese Sperranlagen beschützen einerseits israelische Bürgerinnen und Bürger. Andererseits sind sie Ausdruck einer kollektiven Zwangsneurose. Kaum jemand verkörpert und schürt diese so sehr wie Benjamin Netanjahu. Israels alter und neuer Premier mag sogar den verbündeten US-Präsidenten brüskieren, indem er sein meist gehätscheltes Feindbild vor den Kongress-Mitgliedern ausmalt. Auf keinen Fall dürfe es ein Abkommen mit Iran geben. Die einzige Atommacht in der Region sei Israel.

.

BerlinMauerBerliner Mauer –  antifaschistischer Schutzwall hier, Gefängnismauer da

.

Wahrheit(en) schreiben

Wir denken nach, um zu überleben. Wir denken nicht nach, um die Realität zu begreifen. Wir können uns irren, aus Unkenntnis täuschen. Oder wir verfallen listiger Selbstüberschätzung. Dies besonders in schwierigen Situationen. Wo unvereinbare Einschätzungen aufeinandertreffen, eskalieren sie in Konflikten.

Der Nahostkonflikt ist exemplarisch für Selbsttäuschung und Irrtum mit katastrophalen Folgen. Zahlreiche Datensammlungen und Geschichtsschreibungen zeugen davon, wie gegensätzlich die Parteien die Situation wahrnehmen bis zur völligen Realitätsverzerrung. Zweitausend Jahre gewachsen, unversöhnlich bis heute…

„Ein Jude wird an die Tür eines Arabers klopfen. Der Jude und der Araber sind alte Freunde. Sie müssen sich sogar sehr mögen, um sich über den Tempel und die Moschee hinaus zu mögen. Der Araber öffnet dem Juden. – Ich verfluche deinen Vater, sagte der Jude zu ihm, ich verfluche ihn fünfmal. Ein unverzeihlicher Fluch in diesem Land. Der Araber ist wie versteinert. Er fragt: – Warum? Was habe ich getan? – Oh, mein Freund, antwortete der Jude, du wirst es gleich verstehen. Bis heute morgen war ich dein Sklave. Hätte ich solch eine Schmähung ausgestossen, dann hättest du die Polizei benachrichtigt, die Polizei hätte mich ins Gefängnis geworfen und wie einen Hund verprügelt. Gestern noch war ich ein Hund. Heute bin ich ein Mensch. Ich kann zu dir ohne jedes Risiko das sagen, was du mir bislang ohne das geringste Risko sagen konntest. Neunzehn Jahrhunderte Unterdrückung habe ich in diesem Aufschrei von mir gegeben. Ich konnte es nicht zurückhalten, Vergiss es, verzeih mir und lass dich umarmen….“ (1)

Fortgesetzte Geschichtsschreibung. …die neuen Juden kaufen Stück für Stück Palästina. Sie errichten Fabriken, sie bauen Mühlen, sie legen Weinberge an, pflanzen Weizen, Gerste, Mais, Tabak, Orangen, Bananen, Zitronen an, und durch kühne Bauwerke verlangen sie dem Jordan das Licht für die Nacht ab. Und die Krise ging vorüber. Dafür wuchs die Beunruhigung der Araber. Drohungen schüchterten die Juden nicht mehr ein, da brachten die Araber einen Juden um. Die Juden brachten zwei Araber um. Zwei Juden? Vier Araber! Und die Engländer, werden Sie sich fragen, wie verhielten sich die Engländer zwischen den beiden? Die Engländer? Sie hatten sich aus dem Staub gemacht.“ (1) So die Beobachtungen des Kriegsberichterstatters Albert Londres vor gut 85 Jahren.

.

IsraelSperrTerrorabwehrzaun Israel – Ungleichheit betoniert

.

1880 lebten rund 470’000 Araber und 24’000 Juden in Palästina. Mit 5 Prozent der Bevölkerung bilden sie eine Minderheit. Das Land war nur „dünn bevölkert und stagnierte wirtschaftlich“. (2) Bis zum ersten Weltkrieg siedelten rund 70’000 weitere Juden in Palästina an. Aufgrund des nationalsozialistischen Terrors in Europa wuchs der Anteil der jüdischen Bevölkerung bis 1945 schliesslich auf über 30 Prozent. Mit der Staatsgründung Israels 1948 wird die Lage zusehends unübersichtlich.

„In der Nacht vom 14. zum 15. Mai 1948 lief um 0.00 Uhr das offizielle britische Mandat aus. Bereits kurz danach erklärten Ägypten, Transjordanien, Syrien, Libanon und Irak dem israelischen Staat den Krieg. Im folgenden Unabhängigkeitskrieg behaupteten die jüdischen Einwanderer ihr Gebiet nicht nur, sondern erweiterten es gegenüber dem UN-Teilungsplan (…) Hätten die Araber die UN-Teilungsresolution von 1947 angenommen, hätte nicht ein einziger Palästinenser zum Flüchtling werden müssen, sondern es gäbe jetzt einen unabhängigen arabischen Staat neben Israel. Die Verantwortung für das Flüchtlingsproblem liegt also vor allem bei den Arabern.“ (2) Diese Schilderung entspricht der israelischen Geschichtsinterpretation. Eine neue Generation israelischer Historiker widerlegt solche Darstellungen.

So kritisiert Ilan Pappe die UN-Teilungsresolution von 1947: „Demnach sollte Palästina in drei Teile geteilt werden. Auf 42 Prozent der Fläche sollten 818’000 Palästinenser einen Staat bekommen, in dem 10’000 Juden lebten; der jüdische Staat sollte dagegen fast 56 Prozent der Fläche erhalten, die 499’000 Juden sich mit 438’000 Palästinensern teilen würden. Der dritte Teil bestand aus einer kleinen Enklave mit Jerusalem…“ (3)  Die zionistische Bewegung forderte ursprünglich sogar 80 Prozent des Landes als Staatsgebiet, was dem UN-Special Committee for Palestine dann doch zu viel war. „Die erwartete arabische und palästinensische Ablehnung des Teilungsplans erlaubte es David Ben Gurion [dem ersten Premierminister Israels] und der zionistischen Führung, den UN-Plan für nichtig zu erklären, sobald er angenommen war (…) Angesichts der palästinensischen und arabischen Ablehnung würde seine Grenzen [des jüdischen Staates] durch Gewalt entschieden, nicht durch die Teilungsresolution, erklärte Ben Gurion.“ (3)

Akribisch rapportiert Ilan Pappe die ethnischen Säuberungen palästinensischer Dörfer und die Einschüchterungen der Bevölkerung durch jüdische Truppen. David Ben Gurion notierte Anfang Januar 1948 – also vor der Staatsgründung – in sein Tagebuch: „Es ist jetzt notwendig, energisch und brutal zu reagieren. Wir müssen Zeitpunkt, Ort und die, die wir angreifen, sorgfältig auswählen. Wenn wir eine Familie beschuldigen, müssen wir erbarmungslos gegen sie vorgehen, Frauen und Kinder eingeschlossen. Sonst ist es keine effektive Reaktion. Während der Operation ist es nicht nötig, zwischen schuldig und unschuldig zu unterscheiden“. (3)

.

GazaStadtGaza-Stadt – gigantisches Gefängnis oder Singapur am Mittelmeer?

.

Auch die Ereignisse während Israels knapp ein Jahr lang dauerndem Unabhängigkeitskrieg werden völlig unterschiedlich beschrieben. Zum Beispiel so: „Die jüdischen Streitkräfte eroberten Tiberias am 19. April 1948; danach wurde die gesamte arabische Bevölkerung von insgesamt 6.000 Personen unter der Aufsicht des britischen Militärs evakuiert. Im Anschluss daran gab der jüdische Stadtrat folgende Erklärung ab: «Wir haben sie nicht enteignet; die Entscheidung zu gehen, lag allein bei ihnen, ihr Eigentum darf nicht angetastet werden.“ (2) Oder so: „In manchen Dörfern, die dicht an Städten lagen, verfolgten die jüdischen Truppen eine Politik der Massaker, um die Flucht der Bevölkerung aus den nahen Orten und Stadtgebieten zu beschleunigen. Das war der Fall in Nasr al-Din bei Tiberias, in Ayn al-Zaytun bei Safad und Tirat Haifa bei Haifa. In diesen drei Dörfern wurden Gruppen von «Männern im Alter zwischen 10 und 50«, wie es im Hagana-Jargon hiess, exekutiert, um die Bevölkerung des Dorfes und der nahen Städte einzuschüchtern und zu terrorisieren.“ (3) Und so weiter und so fort… bis heute. Es ist Krieg und das erste Opfer ist die Wahrheit. Immer und immer wieder.

.

Durchblick trüben

Das eigene Überzeugungssystem bloss nicht unnötig destabiliseren. Auch in Friedenszeiten. Sich nicht involvieren lassen! Die eigene Entschlossenheit nicht gefährden! Überleben! Nicht nur im Krieg keine Zweifel!

Larger Than Life sei Ariel Sharon gewesen, einst Ministerpräsident und als Offizier aktiv beteiligt an Kriegen und Vertreibungen: „Israel weiß, was es ihm zu verdanken hat; im Sechstagekrieg und vor allem im Yom-Kippur-Krieg ging er beherzt zu Werke und schlug diejenigen, die sich die Vernichtung Israels auf die Fahnen geschrieben hatten, vernichtend. Die verheerende Terror-Intifada würgte er ab, Arafat machte er zu einem armen Würstchen, das zuletzt wie ein Rumpelstilzchen in der Muqata herumtobte; und er leitete den Bau des Sicherheitszauns ein – ein entscheidender Schritt zur notwendigen Loslösung von den Palästinenser.“

Anders urteilt Jimmy Carter, ehemals US-Präsident und Architekt des Friedensvertrages von 1979 zwischen Israel und Ägypten: „Seine [Sharons] Ablehnung aller Friedensvereinbarungen, die den israelischen Rückzug von arabischem Land vorsah, seine Invasion des Libanon, sein provokativer Besuch auf dem Tempelberg, die Zerstörung von Dörfern und Wohnhäusern, die Verhaftung von Tausenden von Palästinensern und seine offene Missachtung von Präsident George W. Bushs Aufforderung, das Völkerrecht zu respektieren – all das hat er unternommen, um letztlich dieses Ziel zu erreichen: überall in den besetzten Gebieten israelische Siedlungen zu errichten und so den Palästinensern eine zusammenhängede politische Existenz zu verwehren.“ (4) Sharon, der massige Bulldozer. Ein Kriegsheld? Oder Kriegsverbrecher?

Wir können nur mitlesen, ahnen, spekulieren. Mittlerweile ist Netanjahu der neue Held, weit über Israel hinaus. Gut möglich aber auch, dass er, der friedliche Lösungen korrumpiert, so lange stur bleibt, bis sich der Krieg noch weiter über den Kontinent ausbreitet. Netanjahu trübt mit seinen Finten und Hakenschlägen den Durchblick wie kaum ein anderer Politiker.

Und unsere Politiker? Sie tun sich schwer mit Israels Geschichte. Die Meinungen sind dennoch gemacht. Entlang den Parteilinien. Die Rechten schwärmen von Netanjahu, die Linken tänzeln auf der Grenze zum Antisemitismus oder werden zumindest dessen bezichtigt. Ganz nach Parteifasson sind denn auch die Geschichtsbilder gezeichnet, die das Jubiläumsjahr 2015 hervorruft. Ich frage mich: wie könnt ihr felsenfest überzeugt die Schlachten von Morgarten und Marignano deuten, wenn selbst aktuelle Ereignisse verworren und nebulös bleiben? Alles Selbstüberschätzung und Täuschung! Es müssen diese Mauern im Kopf sein, dick wie Bunkerwände, beschrieben mit grossen, grellen Lettern. Unverrückbar.

.

(1) „Um den Preis des Blutes“ von Albert Londres (aus „Ein Reporter und nichts als das“)

(2) aus „Der Mythos Nakba“ von Jörg Rensmann:
http://www.dig-stuttgart.net/wp-content/uploads/2008/03/nakba_web_end.pdf

(3) aus „Die ethnische Säuberung Palästinas“ von Ilan Pappe

(4) Jimmy Carter, New York Times, 22.4.2002, zitiert aus „Der Nahost-Konflikt“ von Marcel Pott

.

EMPFEHLUNG

Thomas Maissen – Die Schweiz, ihre Jubiläen, ihre Geschichte

Advertisements