Kolossal schmettert er die Songs und rührt Missen und Deejays zu Tränen. Ein 11-Jähriger ist das Schweizer Talent 2015. Nun ist die Show zu Ende. Das kreischende Publikum gibt für ein Jahr Ruhe, von der nicht minder aufgekratzten Moderatorin bleibe ich verschont. Ebenso wenig ertrage ich die Klichspergers, Salzgebers und anderen Epineyptiker. Wenn auch bis zur Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer zusieht, meine Programme sind das nicht.

Ich nutze etwa 0.2 Prozent des SRG-Angebots, schätze Nachrichten, Diskussionen, gelegentlich Fussball-Spiele, auch Reportagen und Dokumentarfilme als günstiges, unabhängiges Basis-Angebot. Wer will, findet so wie ich den passenden Service public. Einige wollen aber nicht. Mit seltsamer Begründung.

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Vormittag

Über den Tag verteilt – Programm von Service public und kommerziellen Sendern

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Im Internet stellen wir News selber zusammen

Ja, aber irgendwer muss zuerst die gefischten News bewerten, aufbereiten, veröffentlichen und dafür bezahlt werden. Obschon auch ich mich immer weniger an Veröffentlichungstermine, an Sendezeiten oder einen Redaktionsschluss halte – die Produzentinnen und Produzenten werden das weiterhin tun müssen. Sonst gibt’s nichts mehr zum Mitlesen, Zuhören und Ansehen.

Im Internet zählt jeder Klick! In der Selbstpreisgabe hinterlasse ich Spuren und die sind ihr Geld wert. Das Internet erfährt von mir mehr, als ich von ihm. Bis vor wenigen Jahren bestimmten die Radio- und Fernsehprogramme, wie und wo wir unsere Freizeit verbringen: die 20Uhr-Nachrichten, die Shows und Filme am Abend, das Info-Magazin kurz vor dem zu Bett gehen. Mittlerweile sind wir ständig online und unsere Verfügbarkeit hat sich über den ganzen Tag ausgedehnt. Echtzeit-Medien erlauben zeitversetzten Medienkonsum – erst recht fallen wir jetzt aus der Zeit. „Das Mörderische ist die Kombination von Informationsstress und Konkurrenz. Wir müssen die Ersten sein, und wir müssen gewinnen. Die wirklich pathogene Wirkung liegt im neoliberalen Druck, der die Netzbedingungen so lebensfeindlich macht – nicht im Informationsüberfluss selbst.“ (1) 

Um uns der Verfügbarkeitsökonomie zu entziehen, brauchen wir dringend Zeitlöcher ausserhalb des Internet-Triggers. Slow-Media. Und wir brauchen professionelle Produzentinnen. Noch so viele Communities schaffen nicht den Content, den Verlage oder Sendeanstalten schaffen. Ohne sie wäre das Netz rasch ein leeres Geflecht aus reinen Socialising-, Agitations- und Verschwörungs-Tools… nackte, brüllende Echoräume.

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16h03 Sport und Wissen versus Shopping und Trödel

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Der Markt werde es richten

Unterhaltung, Sport oder amerikanische Serien würden nicht zum Service public gehören. Was Private anbieten können, soll auch ihnen überlassen werden. Der Markt produziere günstiger und besser als ein staatlicher Monopolist. Das Spiel von Angebot und Nachfrage sei gestört. Die SRG verzerre die Marktverhältnisse, heisst es.

Tatsächlich ist die Programmauswahl schon lange gigantisch. Auch in der Schweiz und Trotz SRG. Dutzende Sender, hunderte Sendungen suchen sang- und klangvoll ihr Publikum. Petabytes zerstieben in Datenwolken. Zum Zappen mit der Fernbedienung ist das Scannen von Streams, Threads und Feeds dazugekommen. Ich administriere statt zu analysieren, scanne statt zu lesen. Es lohnt auch kaum; endlos Wiederholungen im Fernsehen, im Radio überall dieselben Songs, identische Artikel in der Berner, Basler und Zürcher Zeitung. Millionen Blogs mit ein paar Klicks pro Tag verbinden sich zu einem losen, ausufernden Long Tail Geflecht.

Die Medienlandschaft ist ein Flickenteppich voller industrialisierter Agrarflächen: ein paar Gänseblümchen da, dort etwas Unkraut, Gebüsch an den Rändern… doch der Blick verliert sich in monotonem Ödland. Ein Sinnbild für Marktversagen. Damit sich der Overkill überhaupt lohnt, werden die Produktionskosten tief gehalten und die Verwertung so breit wie möglich gewalzt. Das heisst: viel Schund auf noch mehr Kanälen. Die Überproduktion der Medienmärkte beunruhigt uns deshalb nicht, weil der ganze Sender-Sondermüll weder schlecht riecht, noch die Sonne verdunkelt. So wie sich Junkfood durch die Gedärme wälzt, schwirren die Trashprogramme durch die Kabelnetze, um letzlich in die Aborte der Archive zu plumpsen.

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19h12Nachrichten und Sport – Glamour und Tiere

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Die SRG-Gegner behaupten, die Sender könnten sich problemlos den Gesetzen von Angebot und Nachfrage stellen, würde die Programmqualität erst stimmen. Stimmt nicht! Wer das sagt, unterschlägt, dass der Markt die dem Angebot angepasste Nachfrage stimuliert oder gar erst erzeugt. Die Anbieter vernachlässigen dabei erst noch die für die Werbeindustrie weniger interessanten Zielgruppen, womit sie faktisch ganze Bevölkerungssegmente ausschliessen. Marktorientierte Akteure sprechen denn auch das Publikum als Konsumierende an und nicht als politisch denkende Bürgerinnen und Bürger. Es sind unterschiedliche Haltungen, die sich auch in den Unterhaltungsprogrammen manifestieren.

Unseren Kindern ermöglichen wir eine gute Ausbildung. Sie sollen sich gesund ernähren. Wir wollen sie fördern und fordern, damit sie sich optimal entwickeln. Auch Erwachsene sollen sich den Herausforderungen stellen und gefälligst nicht der Gesellschaft zur Last fallen. Wenn es allerdings um die Herausforderungen der Willensbildung geht, gilt dieser Anspruch plötzlich nicht mehr. Ist das nicht erstaunlich? Ein gut funktionierendes System der freien Meinungsäusserung hängt eben nicht einfach von privaten Wahlhandlungen ab, sonden von den nicht absehbaren, ungewählten Begegnungen, was sowohl Themen als auch Standpunkte betrifft.“ (2)

Was den Couch-Potatoes hin und wieder auf’s Auge gedrückt wurde, filtern die Click-Potatoes komfortabel aus ihren Community-Bubbles. Abgeschirmt von personalisierten SEO-Treffern. Trostlos und uniform breitet sich die Ödnis der Monokulturen aus…

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PrimeTimeTagesschau wird zur News-Sendung

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Ich zahle nicht für etwas, das ich nicht nutze

Und dennoch hat es seinen Nutzen. So wie die Autobahnen, die ich als Zugpassagier nicht befahre, über die aber der Wein aus Italien in meinen Dorfladen findet. So wie ich als Autofahrer den öffentlichen Verkehr unterstütze, weil sonst während den Hauptverkehrszeiten eine Million Autos zusätzlich die Strassen verstopfen. So wie ich als Kerngesunder gerne Krankenkassen-Prämien überweise, weil die Krebsbehandlung meiner Liebsten unbezahlbar gewesen wäre.

Und sollte ich mich tatsächlich nur anhand von Pendlerzeitungen, Youtube oder Facebook informieren, so lebe ich doch in Gesellschaft mit Menschen, die sich am Fernsehen politische Diskussionen, Kultur- oder Wirtschaftssendungen ansehen, die sich mit einem Thema beschäftigt haben, weil sie sich die Zeit nehmen, um eine Schwerpunkt-Sendung zu hören. Verfügt eine Person über mehr Wissen, vermehrt sie auch das Wissen der Menschen, mit denen sie interagiert. Meine Kinder gehen zu ihnen zur Schule. Diese Personen schreiben Texte in Zeitungen, versorgen mich in Arztpraxen, schneiden mir die Haare, begleiten mich zum Essen oder sitzen neben mir auf dem Sessellift. Ich begegne ihnen überall, Tag für Tag. So vermehrt sich das Wissen und so atmet die demokratische Gesellschaft.

Die von den SRG-Gegnern vorgeschlagenen Finanzierungsmodelle – pay per view, Abonnemente, Werbefinanzierung – sind für die kleinräumige Schweiz untauglich. Im internationalen Vergleich ist die SRG ein Lokalsender. Nur in grossen Ballungsräume erreichen diese ein Millionenpublikum. Ob sich Vollprogramme mit einem Publikum von maximal 5 Millionen Menschen finanzieren lassen, bezweifle ich. Denn die Herstellung audiovisueller Produkte ist noch immer personalintensiv und daher kostspielig. Obschon technische Infrastruktur mittlerweile sogar für Amateure erschwinglich ist und dadurch schlankere Arbeitsprozesse mit kleineren Teams möglich sind. Die Personalkosten steigen teils dennoch, da semiprofessionelles Equipment (VJ-Kameras) mehr Aufwand in der Nachbearbeitung erfordert oder die zunehmende Vernetzung den Aktualitätszwang steigert.

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latenightSinkender Info-Anteil auch im Service public

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Der Gewerbeverband behauptet, die Empfangsgebühren könnten in den nächsten Jahren auf 1000 Franken pro Jahr steigen. Um die Prognose zu stützen, rechnet der Verband gar hemdsärmelig den Anstieg der Gebühren seit 1990 hoch. Tatsächlich verdoppelte sich der Jahresbeitrag seit 1990 beinah. Der Gewerbeverband verschweigt aber, dass der Gebührenanstieg fast ausschliesslich auf neuen Rahmenbedingungen beruht. 1993 ermöglichte ein neues Fernsehgesetz auch Privat-Fernsehen sowie Programmfenster ausländischer Stationen. Als Reaktion darauf beauftragte die Politik die SRG, das Angebot auszubauen.

SVP-Verkehrs- und Medienminister Adolf Ogi setzte sich für eine publizistische Alternative zum „Geist von Leutschenbach“ ein und wünschte sich einen zweiten Fernseh-Kanal mit autonomer Direktion. Letztlich war die Strategie politisch und wirtschaftlich tatsächlich ein Rohrkrepierer. Immerhin etablierten sich in der Folge im Tessin, der Romandie und der Deutschschweiz jeweils zwei Vollprogramme, was beinah einer Verdoppelung des Programmangebots entspricht. Seit dieser Übung steigen im Land die Gebühren weniger stark als die Teuerung.

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Wer steckt dahinter?

Einige besonders ausgeprägt Recht(s)schaffene möchten mein Programm stutzen. Denn es stört ihr eigenes Programm. Ihre Durchsagen. Zum Beispiel diese: die Regierung der Schweiz drängt das Land in die EU und linke Journalisten ziehen tüchtig mit. Oder: die Medien berichten zu kritisch, grenzen uns aus, also bauen wir unsere eigene Welt. Oder: den Klimawandel gibt es nicht – alles Lüge. Medien lügen überhaupt. Vor allem Staatsmedien.

Die Liste der SRG-Gegner ist lang: darauf stehen bürgerliche, nationalkonservative Politikerinnen und die Verleger/Chefredaktoren der ihnen zugeneigten Presse. Was sie erreichen wollen, lässt dieser Kommentar erahnen: „Eine breite Phalanx von Gegnern hat sich in die politischen Schützengräben geworfen,“ schreibt Alex Baur. Die Ideen der SVP würden zerzaust, bevor sie richtig ausgegoren seien. Nun ist Widerspruch gutes Recht aller Akteure in der demokratischen Gesellschaft. Doch diese Rechte sollen gestutzt werden. Der Kampf gegen unabhängige Medien (die sich jeder leisten kann) hat für die Gegner der freien Meinungsbildung oberste Priorität.

Handfeste Eigeninteressen verbergen sich hinter dem Vorwand, den Mittelstand oder die KMU von den SRG-Empfangsgebühren befreien zu wollen. Alle handeln im eigenen Interesse. Klar. Bloss sollte niemand gezinkte Karten ins Spiel bringen und die Wählerinnen und Wähler über die eigenen Absichten täuschen. Die Freiheit, 400 Franken pro Jahr weniger an Gebühren zu zahlen, könnte sich rasch als die Unfreiheit entpuppen, unabhängig informiert und aufgeklärt Entscheidungen zu treffen.

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(1) Franco Berardi interviewt von Geert Lovink aus „Das Halbwegs Soziale“ von Geert Lovink

(2) aus „Das Fernsehen und die Öffentlichkeit“ von Cass R. Sunstein (in „Die Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öffentlichkeit“ Hrsg. Lutz Wingert, Klaus Günther)

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Empfehlung

Öffentlicher Rundfunk in Europa: http://www.medienheft.ch/uploads/media/09_ZOOM_KM_05_Werner_A_Meier_Oeffentlicher-Rundfunk_in_Europa.pdf

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