Gestern unterhielt ich mich kurz mit dem (selbsternannten) Konterrevolutionär und Demokraten Sprudel74, nachdem ich diesen Text von Casper Selg (1) twitterte:

Pegida

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Der Konterrevolutionär hat zum Thema Lügenpresse gebloggt, differenziert und interessant. Ich kann einiges nachvollziehen, stimme ihm insgesamt aber nicht zu. Er schreibt: „Die etablierten Medien geraten durch ihr Verhalten immer mehr in den Verdacht, Informationen zurück zuhalten um sich eine eigene Realität zu erschaffen.“ Kurz darauf retweetet der Demokrat Sprudel74 den Link zu einem Artikel von Roland Tichy. Sind wir alle Lügenpresse fragt der rhetorisch und begeht gleich selbst den Fehler, der vermeintlichen Lügenpresse-Journalisten so gern und häufig unterstellt wird.

Tichy befasst sich mit der Sendung „nachtmagazin“ der ARD und verlinkt auf den Science Skeptical Blog. Offensichtlich übernimmt Tichy ungeprüft die dort aufgestellte Behauptung: „ARD-Nachtmagazin: Durch den Atomgau von Fukushima kamen mehr als 18.000 Menschen ums Leben.“ Immerhin lässt sich die Aussage anhand des eingebetteten Videos überprüfen (was möglicherweise die wenigsten tun) und siehe da: die Aussage des ScienceSkepticalBlog und damit von Roland Tichy ist falsch.

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ScienceBlog

Falsch zitiert – Mediengegner basteln eine Story

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Die Moderatorin erinnert an die Katastrophe von Fukushima: Zu Bildsequenzen im Hintergrund spricht sie vom Seebeben, der gigantischen Flutwelle, die über das Land geschwappt sei und Landstriche total verwüstet hätte und schliesslich vom Atom-Gau, den Explosionen in den Blöcken des AKW. Sie fährt fort: „…mehr als 18000 Menschen werden bei dem Unglück getötet.“ Sie sagt nicht, wie Roland Tichy behauptet: „Durch den Atom-GAU in Fukushima hätten „über 18.000 Menschen“ ihr Leben verloren“ (bitte die subtil gesetzten Anführungszeichen beachten). Stimmt schon, flüchtige Zuschauerinnen könnten von der knapp 40-sekündigen Moderation überfordert sein. Alles, was länger als 10 Sekunden in der Vergangenheit liegt, könnten sie schon wieder vergessen haben. Das ist aber nicht das Problem der ARD-Nachrichten-Redaktion.

Vergessliche oder Leichtgläubige kriechen den vermeintlichen Aufklärern auf den Leim. Diese verstehen es, Aussagen in eine schiefes Licht zu rücken. Sie pflücken sich dazu jeweils Texte und Radio-/TV-Berichte heraus, die vielleicht tatsächlich nicht 100 prozentig wasserdicht formuliert sind und damit Deutungsspielraum lassen. So lange in Medienerzeugnissen unerwähnt bleibt, was NICHT auch sonst noch gemeint sein könnte, bleibt der Journalismus angreifbar. Die Dekonstrukteure des Mediengefüges nutzen die Offenheit der Sprache gnadenlos aus. Dabei ist ihnen selten ein Lapsus so rasch nachzuweisen, wie in diesem Fall.

„Kurzfristig wird mit dieser Realität Stimmungen erzeugt und dadurch Politik gemacht“, schreibt das (selbsternannte) reaktionäre Arschloch Sprudel74 weiter. Die SVP erbringt gestern den Beweis. Sie „enthüllt“ auf ihrer Webseite svp.ch:Seit November des vergangenen Jahres publiziert das Staatsekretariat für Migration keine Zahlen mehr zur Nettozuwanderung in die Schweiz“ und verlangt: „Schluss mit der Geheimniskrämerei“. Wieder kriegen Medienschaffende von den Dekonstrukteuren und Destabilisierern aufs Dach:

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Zac

„Die Realität“ antwortet Medien-Qualitätskontrolleur RotscherVonWeck

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Applaus, Applaus – die Crowd frohlockt und blöckt im Chor. Nachfragen tut keiner und wenn doch, wird ignoriert. Weder herrscht im Bundesamt für Migration ein „Informatikchaos“, noch gibt es „politische Gründe diese Zahlen nicht offenzulegen.“ Zumindest liefert die SVP keinerlei Belege für diese mit Fragezeichen getarnten Unterstellungen.

Das Bundesamt für Migration wird zum Staatssekretariat. Zahlen zur Nettozuwanderung veröffentlichte das Amt bisher im Jahres-Rhythmus. Die investigative SVP-Schreibstube unterschlägt dies. Dafür stellt sie ultimativ eine Forderung an die politische Gegenspielerin und Lieblingszielscheibe: „Die SVP verlangt von Bundesrätin Sommaruga, in ihrem Departement endlich aufzuräumen…“

Aha, so also macht man heute Politik! Ein Thaibox-Journalismus ist das mit schnellen, regelmässigen Schlägen gegen die Deckung und wenn der Gegner erst zermürbt und entkräftet ist, wird niedergestreckt mit einem kräftigen Magenbox oder Hieb gegen den Kopf. Es geht nicht um irgendeine Lügenpresse. Es geht um KO-Schläge. Die Glaubwürdigkeit soll aus den Medien herausgeprügelt werden, bis die Menschen alles kritiklos annehmen, was ihnen die Destabilisierer auftischen. Den massenhaft abnickenden Kommentarschreibern zufolge, gelingt das schon ganz gut. Die Pressegeier kreisen schon in Scharen…

„Aus meiner Sicht ist die Verwendung des Wortes „Lügenpresse“ derzeit nicht anderes, als eine Zustandsbeschreibung“, schreibt Sprudel74. Aus meiner Sicht wäre hier aber der falschen Seite Zustand gemeint.

 

(1) aus „EDITO + KlarText Nr 02/2015“

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Empfehlung

Die verlorene Ehre der Massenmedien

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