Leserbriefe sind oft Manifeste Unwissender. Jede noch so frei erfundene Behauptung ist unter dem Deckmantel der freien Meinungsäusserung legitim. Mühelos. Manchmal würde ich mich ja auch gern unbeschwert-unwissend aus dem Fenster lehnen und meiner Wut freien Lauf lassen. Voll skrupellos. Der Kanäle gibt es ja genug, um Inkompetenz und Irritation zu streuen. Masslos. Statt Unwissen zu beheben, mögen manche lieber enthemmt hobeln. Ungenierte Urnengänger. Hier ein besonders hart gedrechseltes Exemplar:

.

Staatsfernsehen

Leserbrief im Zürcher Oberländer vom 22.4.2015

.

Der Leserbrief-Schreiber wird in knapp zwei Monaten mit seinen Stimmzetteln zur Zukunft dieses Landes beitragen. Ein ganz klein wenig – immerhin. Sein Leserbrief vom 22.4.2015 manifestiert allerdings einen alarmierenden Unwissensstand. Dennoch richtet sich der Verfasser mit zahlreichen falschen Behauptungen an ein Publikum:

1.  Das neue Bundesgesetz über Radio und Fernsehen (RTVG) ist kein „Trickbetrug sondergleichen“. Unternehmen, die Radio- und TV-Programme empfangen, wären schon heute verpflichtet, Empfangsgebühren zu entrichten. Neu ist aber, dass mit dem revidierten Gesetz die meisten Unternehmen offiziell von der Gebührenpflicht befreit würden.

2.  Die Billag verbraucht nicht „einen grossen Teil der Gebühren zur eigenen Finanzierung.“ Es sind lediglich 55 Millionen Franken, nämlich 4 Prozent der Gebühreneinnahmen.

3.  Roger de Weck ist nicht der „König von Leutschenbach“. Diese Bezeichnung suggeriert, dass der Generaldirektor der SRG in den Deutschschweizer Fernsehstudios residiert, um seine Stimme über das Land zu erheben. Roger de Weck hat sein Büro meines Wissens in Bern. Er waltet dort als Chef von über 6000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in allen vier Landesteilen Radio- und Fernsehprogramme produzieren. Das Jahresgehalt von gut 500’000 Franken pro Jahr scheint mir adäquat. Es ist die Hälfte dessen, was beispielsweise SBB-Boss Andreas Meyer verdient. Pietro Supino von Tamedia soll sich auch schon mal 2.5 Millionen gutschreiben lassen.

4.  Roger Schawinskis Dienste sind der SRG 120’000 Franken pro Jahr wert. Dafür arbeitet er aber nicht bloss während „seiner halbstündigen wöchentlichen Sendung“. Denn vor der Sendung muss auch einer wie Schawinski recherchieren, Themen zusammenstellen und für das Gespräch aufbereiten. Ich gehe von einem mindestens 20-prozentigen Pensum aus.

5.  Die Programme gefallen nicht allen. Bestimmt. Immerhin aber schauen zwischen 30 und 40 Prozent des Publikums die drei TV-Programme von SRF. Das ist garantiert nicht immer dasselbe Drittel der Deutschweizerinnen, sondern mal der, mal die. Der Marktanteil der Radio-Programme liegt sogar bei knapp 60 Prozent. Wer Casting-Shows nicht mag, schaut vielleicht den Literatur-Club, ein Gesundheitsmagazin, Fussballspiele oder hört gar regelmässig das Echo der Zeit oder Espresso am Vormittag. Deshalb ist ja das Programm so vielseitig. Es gäbe für jede/n etwas.

6.  Die Welt hätte sich „seit der Gründerzeit des Fernsehens verändert“. Das stimmt. In der ganzen Schweiz sind grosse europäische Sender zu empfangen. Im Vergleich zur SRG verfügen die über ein Mehrfaches an Budget. Angesichts dessen wird selbst der bekannstete Kanal SRF1 zum Regional-TV. Im gegenwärtigen Marktumfeld sind qualitativ ansprechende Informations- und Unterhaltungsprogramme für ein relativ kleines Publikum gar nicht finanzierbar. Ausser man hat einflussreiche Partner und lässt mehr oder weniger ganztags alte Serien über den Sender.

.

Die Initiativenflut ist selbst für gut Informierte eine Herausforderung. Wer – wie dieser Leserbriefschreiber – so offensichtlich falsch informiert ist, kann nicht differenziert urteilen. EmpörungsbürgerInnen  legen ihre Stimme in die Wahlurne. Das ist gut so. Bloss sollten sie sich die Mühe nehmen und sich rechtzeitig informieren. Denn auch wütende Stimmbürger tragen Verantwortung. Die empörenden politischen Parteien erst recht…

.

Empfehlung

Kurt Imhof zur Empörungsbewirtschaftung. Andreas Blum meint: overnewsed – underinformed

Advertisements