Was kommt heute im Fernsehen? Wieder nichts Gescheites? Bildschirm einschalten. Die immer gleichen Sender rauf und runter zappen. Obwohl das Angebot grösser wird, nutze ich das, was ich kenne. Die Auswahl in freien Märkten ist riesig. Dutzende Restaurants rundum. Doch findet ihr mich immer in denselben vier oder fünf Beizen. Da, wo ich die Speisekarte und die Atmosphäre schätze. Heute Lust auf Pasta. Ein ander Mal auf Cordon-Bleu. Der Köder muss dem Fisch schmecken. Auch im Internet. In der Favoritenliste die Lieblings-Accounts.

Ich reduziere das Informationsangebot zwangsläufig, kann nicht alles sehen, lesen, hören. Ich will meine Tageszeitung, meine Zeitschrift, meinen Radiosender, mein TV-Programm. Selbst wenn ich woanders etwas ganz Tolles verpassen könnte. Man weiss ja nie.

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SP1Vielfalt wahrnehmen, einschränken, verarbeiten

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Demnächst stimmen wir über die Änderung des Bundesgesetzes für Radio und Fernsehen (RTVG) ab. Neu sollen alle Haushalte für den Empfang (oder die Empfangsmöglichkeit) zahlen. Nicht nur diejenigen, die Radio- oder Fernsehgeräte rumstehen haben. Irgendwie logisch: immer mehr Menschen schauen und hören die Programme am Computer oder unterwegs auf ihren Mobiles. Trotz immenser Auswahl nutzen 96 Prozent der Menschen jede Woche die SRG-Angebote. Da weiss man, was man hat. So wie ich mit meinen Restaurants.

Die Gegner der Gesetzes-Änderung schaffen es trotzdem in kürzester Zeit, einen emotional geführten Abstimmungskampf zu initiieren. Zuerst stellen sie sich als sichere Verlierer dar – wer würde schon gegen den Medien-Goliath SRG einen Stich haben… Ein kleverer Schachzug! Umso unverfrorener machen nun Wirtschaftslobbyisten und rechte Politiker gegen die Revision Stimmung. Jedes Mittel ist recht: Spekulationen, falsche Zahlen bis hin zu bösen Unterstellungen. Plötzlich lautet die Frage nicht mehr wie, sondern wofür wir zahlen sollen. In einer Grundsatzdebatte sei zuerst zu klären, was denn dieser Service public beinhalte. Dann erst wäre es möglich, die Höhe der Steuer festzulegen. Wenn’s die Sender dann überhaupt noch bräuchte.

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PlaCebo Service public Diskussion

Doch diese Grundsatzdebatte ist eine Scheindebatte. Es geht nicht um Grundsätzliches. Aber um Geschäftliches. Den RTVG-Gegnern genügen schlichte Fragestellungen: Wie viel Geld soll die SRG kosten – und wofür? Warum soll die SRG produzieren, was Private genauso herstellen können? Gehören Sport-Übertragungen, Promi-Magazin oder Casting-Sendungen zum Service public? Die eigentliche Frage, um dich sich alles dreht: wer soll was unter welchen Bedingungen produzieren? Ein Verteilkampf um Reichweiten und Werbekunden ist im Gang. Gedanken darüber, wie sich dieser Verteilkampf auf die Radio- und Fernsehprogramme auswirken könnte, werden dabei konsequent verdrängt.

„Jeder wirtschaftliche, technische und administrative Aspekt wird eingehend analysiert und erbittert umkämpft. Nur ein Faktor spielt im Sinnen und Trachten der Industrie keine Rolle: das Programm. Zur Debatte steht, wer zahlt und wer kassiert, wann, wo, wie, von wem, aber nie und nimmer, was gesendet wird.“ Hans Magnus Enzensberger stellte schon vor knapp 30 Jahren die vollkommene Leere des Mediums Fernsehen fest. Das Nullmedium. Perfekte Konsumware: hoher Wert, kaum Nutzen. Nur die Staatssender sind da noch im Weg, mit ihren Restbeständen an gerade noch lesbaren Inhalten.

Wir müssten also das Dealen um Reichweiten und das Ellböglen am Werbekuchen-Buffet um eine Qualitätsdebatte erweitern. Wir müssten die Frage stellen nach Sinn und Zweck der Angebote und zwar nicht für die Sender (wie jetzt), sondern für das Publikum (das offenbar völlig irrelevant ist). So wäre beispielsweise zu klären, ob wir uns mit Scripted Reality Trash und Aargauer Agglo-Teenies unterhalten wollen, mit fluchenden Bauern auf Brautschau, der x-ten Wiederholung irgendeiner CSI-Reihe oder vielleicht doch mit dem Sonntag-Abendkrimi, einer Reisedokumentation oder dem Wettbewerb um das grösste Gesangstalent. Was bewirken die verschiedenen Formate? „Es ist nichts Anrüchiges daran, nachdrücklich darauf zu bestehen, dass die freien und gleichen Bürger in einer Demokratie Anspruch haben auf eine öffentliche Kultur, die ihrer Freiheit und Gleichheit förderlich ist.“ (1) Service public Sender erfüllen diesen Anspruch, während Private sich bemühen, ihre Werke von jeder Bedeutung zu reinigen (Enzensberger).

Wäre höchste Zeit, die Nullmedium-Debatte zu führen. Wir müssen über Inhalte reden, statt über Lizenzen, Frequenzen, Kadenzen und über Gebühr über die Gebühr. Nur wird es so weit nicht kommen. Die von Schnäppchenjägern, Meinungsmachern und markthörigen Ideologen lancierte Scheindebatte dominiert. Und bei denen, die es wirklich angeht, dem Publikum, wiegt die Leere schon zu schwer.

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(1) aus „Das Fernsehen und die Öffentlichkeit“ von Cass R. Sunstein (in „Die Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öffentlichkeit“

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