Die Bürgerinnen dieses Landes sind stolz auf die direkte Demokratie. Wer aber behauptet, das Volk sei es, das entscheide, der schummelt. Nicht zu knapp. Unterschlagen wird, dass wenig mehr als ein Drittel der Berechtigten die Stimmzettel einwerfen. Letztlich sind es ein paar Prozent der Gesamtbevölkerung, die bestimmen wo’s langgeht.

Viel mehr Menschen als die paar Hundertausend sind aber Mal für Mal in den noch viel wichtigeren Prozess der Meinungsbildung involviert. Mögen sie auch nicht abstimmen – in Gesprächen, beim Mitlesen und -Denken nehmen sie am Prozess teil. Auch sie reiben sich aktuell wieder einmal die Augen. Denn vom platonischen Kanon ich täusche dich so wenig wie möglich, ist rein gar nichts mehr übrig. Im Abstimmungskampf zischt der verbale Zweihänder durch die Zeilen. Da werden Teufel an die Wand projiziert, dass der Wald vor lauter Vollpfosten nicht mehr zu sehen ist. Ressentiments und Emotionen werden geschürt, bis es selbst noch in abgeklemmten Extremitäten kribbelt. Die Basler Zeitung ergreift Partei und findet es legitim, ja es sei „das Selbstverständliche“ (!), wenn der Gewerbeverband streitbar, aggressiv und ehrverletzend die Wählerinnen und Wähler anstachelt und verängstigt.

Die Zeichen der Zeit? Gut möglich. „Lügen haben so lange Beine auch wieder nicht“ titelt die NZZaS einen Artikel. Und tatsächlich: „Den Bullshitter interessiert es nicht, ob seine Aussagen wahr oder falsch sind; der versucht nicht einmal, eine sorgfältige Beschreibung der Realität zu geben.“ Dem Bullshitter begegnen wir nicht nur in Abstimmungszeitungen, sondern penetrant auch in sozialen Netzwerken. Das Bemühen um Wahrheit gilt nichts. Authentizität ist alles. Und sei sie noch so konstruiert.

Es sind insbesondere unsere Rechtspopulisten, die mit ihren aufgetakelten Manifesten und brüllenden Simplifizierungen die Verführungskunst perfektionierten. Statt aufzuklären, versuchen sie zu überreden. Sie, die ständig die Mündigkeit der Menschen preisen, korrumpieren eben diese Mündigkeit mit gezielter Anti-Aufklärung und Emotionalisierung. Mit ihrer Methode von Zuckerbrot und Peitsche korrumpieren sie auch die direkte Demokratie. Von der bleibt nichts weiter als das technische Verfahren: tausendfaches Abnicken an der Wahl-Urne

.

Advertisements