Sie sind uneins, haben das Heu nicht auf derselben Bühne und finden darum keinen gemeinsamen Nenner. Zankend klopfen sie wieder Sprüche und Widersprüche. Gedankenlos. Nicht zu knapp. Der Anwalt fällt ein Urteil. Der Schiedsrichter pfeift das Spiel ab. Schwächere geben nach, überlisten sich mit dem Gedanken, gescheiter zu sein.

Zerwürfnisse zwischen zwei Menschen. Beziehungen zerbrechen. Was aber, wenn die Bevölkerung sich entzweit? Wenn die Gesellschaft sich in Lager spaltet, in permanent geschürter Dissonanz verharrt? Bis, wer weiss, ein Media Trial gar einsetzt, die Hatz auf Minder- oder Mehrheiten…? Ok – wir sind uns nicht so nah, als dass wir alle uns täglich miteinander arrangieren oder einigen müssten. Doch sollten wir uns über normative Übereinkünfte verständigen können. Das fällt uns umso schwerer, je mehr uns die gemeinsamen medialen Erfahrungswelten abhandenkommen. Denn, „was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ (1) Die verlieren an Reichweite und damit an Bedeutung. Einige Akteure greifen nun auch noch die Service public Sender an. Sie möchten Radio- und Fernsehkanäle massiv einschrumpfen. Nur das Nötigste – das also, was nicht lukrativ genug ist – sollen sie noch produzieren dürfen.

Die Integrationsleistung der Massenmedien sinkt. Stattdessen wuchern Dissonanz und Verwirrung. Erst recht, wenn potente Interessengruppen die Öffentlichkeit mit Lügen beeindrucken. Erst recht, wenn via Internet Schwindel- und Verschwörungsgeschichten massenhaft und andauernd die Menschen absorbieren. „Auch Medien haben Komplexität zu reduzieren, aber nicht auf ein beliebiges subjektives Substrat, sondern auf jenen Kern an gemeinsamem Wissen, der erforderlich ist, um in Bezug auf das Gesellschaftsganze – das heisst politisch – angemessen handeln zu können.“ (2)  Dem versagen sich Medienschaffende immer öfter. Stattdessen ergehen sie sich in opportunistischem Meinungsjournalismus.

Mit den Qualitätskriterien der Wahrheit erodiert die Willensbildung. „Bullshit ist eine Technik, die Wahrheit zu verbergen. Es geht dabei gar nicht so sehr darum, ob jemand lügt oder nicht. Es geht vielmehr darum, dass jemandem, der im System des Bullshit denkt und lebt, irgendwann das Gefühl dafür abhanden kommt, dass er womöglich auch mal die Wahrheit sagen könnte. Insofern ist Bullshit schlimmer als die Lüge – weil dabei die Vorstellung von Wahrheit ganz verschwindet,“ schildert Harry G. Frankfurt das Geschwätz der Gegenwart. Das Gesellschaftsganze verdunstet in privaten Sphären, zerschellt an festgezurrten Wahrnehmungsbarrieren, verödet in intellektueller Genügsamkeit.

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Talk

Kommunikationsstörungen in Gefangenen-(Netz)werken

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Gepriesen seien die 350 Fernsehsender, die 400 Facebook-Freunde und 1000 Twitter-Follower und deren endlos indifferenter News-Strom im personalisierten Nirvana der Binärcodes. Geheiligt seien die Blockwalls, die Favoritenlisten und Google-Circles. Gelobt sei der Herr und dessen Engel in Datenwolken. Die Masseneinwanderung des Fremden auf allen Kanälen sei gestoppt! „Zur Integration gehört, dass fremde, mit den eigenen Vorverständnissen nicht übereinstimmende Medieninhalte auch tatsächlich aufgenommen werden, und zwar trotz der von der Mediennutzungsforschung festgestellten Neigung des Menschen zur psychischen Konsonanz und zu einer ihr dienenden Selektivität der Wahrnehmung.“ (2) Bildet Fraktionen, wehret euch des Hinterfragens und weist andere Meinungen von euch, bevor ihr euch über sie lustig macht, bevor ihr euer Gegenüber demütigt.

Ergeben wir uns Kakophonie, Kontroll- und Zeitverlust oder drücken wir doch gescheiter ein für allemal die Off-Taste? Sendeschluss? Endlich.

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(1) aus „Die Realität der Massenmedien“ von Niklas Luhmann

(2) aus „Die niederen Leidenschaften und das Gemeinschaftsleben der Nation“ von Horst Pöttker (in „Öffentlichkeit und Kommunikationskultur“ Wolfgang Wunden (Hrsg.)

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