Die Aufmerksamkeit und Anerkennung haben sich die Menschen verdient. Ja, Leistung lohnt sich wieder. Da lässt sich auch was herzeigen. Erscheinung gibt dem erarbeiteten Status die adäquate Bedeutung. Immer bereitwilliger zahlen wir für standesgemässe Insignien. Auch auf Pump. Zwanghaft.

Lieblingsobjekt der BeGIERde ist das Auto. Es ist zugleich bewegter Körper und schützende Hülle. Noch so gern tragen wir diese zu Markte. Immerfort. „Count on me I’m gonna win the race – Not any track is turning but the race is in my head.“ (Boris Blank/Dieter Meier) Die Form der Fahrzeuge ergäbe sich aus der Funktion: auto-mobil. Vier Räder, Antrieb, Steuerung. Voilà. Nebst der mehr oder minder komfortablen Fortbewegung bestünde kein Bedürfnis. Doch die Werbung weckt Wünsche. Sie erzählt Geschichten, die helfen, uns mit dem Objekt zu identifizieren: „Das faszinierende Lichtspiel der Kristalle in Fahrtrichtungsanzeiger und Tagfahrlicht setzt markante optische Highlights und akzentuiert die Einzigartigkeit des Fahrzeugs. Die vielen Zierelemente und Nähte in Manufakturqualität verstärkten den exklusiven, edlen Loungecharakter des neuen S-Klasse Coupés zusätzlich. Das Gaspedal sanft gedrückt, baut sich ein kraftvoll-sonorer Klangteppich auf – ein emotionaler Soundschub, der direkt unter die Haut geht:“ (1) Wahrlich, das geht unter die Haut – schaudernd.

Roland Barthes sah im Auto das Äquivalent zur grossen gotischen Kathedrale: „eine grosse Schöpfung der Epoche, die mit Leidenschaft von unbekannten Künstlern erdacht wurde…“ (2) Das war vor 60 Jahren. Aus heutiger Sicht liest sich seine Beschreibung der Déesse wie ein Werbetext: „Die Scheiben sind hier keine Fenster mehr, keine Öffnungen, die in die dunkle Karosserie gebrochen sind, sie sind grossen Flächen der Luft und der Leere und haben die gleissende Wölbung von Seifenbalsen, die harte Dünnheit einer Substanz, die eher insektenhaft als mineralisch ist.“ (2)

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DSCitroën DS – Wendepunkt in der Mythologie des Automobils

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Autos sind mit Ideen aufgeladene Warenfetische, gesättigt von den Erwartungen ihrer Zeit. Anfangs noch schlicht motorisierte Droschken, sind später die grossen, technischen und politischen Projekte in die Karosserien eingeschrieben: Imperialismus, Raumfahrt, Ressourcenmangel, Digitalisierung, Energiewende… Seit dem globalen, neoliberalen Siegeszug dominieren neue Marktgesetze. Produktzyklen sind kürzer, Unternehmen wachsen zu Grossgebilden zusammen, Autos sehen in Shenzhen genauso aus wie in Sao Paulo oder Solothurn. Was sie heute auszeichnet, findet sich eher im Inneren, als an der Hülle. Design wurde austauschbar, langweilig.

Die eigentliche Leistung ist – wie bei elektronischen Geräten – von blossem Auge nicht mehr zu erkennen. Paradoxerweise wächst die Leistung unaufhörlich. Und zwar im selben Masse, wie der Verkehr dichter wird. Verkauft wird hohe Leistung ohne Nutzen.

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AMGMercedes SLS AMG – Auto gewordener Hochfrequenzhandel

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Schliesslich unterscheiden sich die Produkte kaum noch. Umso mehr muss sich die Werbung um passende Images bemühen. Sie inszeniert die Fahrzeuge in technoid-expressiven Sets oder verpasst ihnen gar einen eigenen Charakter, welche Kinofilme (Cars oder Transformers) lustvoll weiterspinnen. Nach wie vor scheint bedeutender, in welchem Auto wir sitzen, als wohin wir fahren. Sehen ist nur Vorwand. Gesehen werden zählt.

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Industriegeschichten im Grünen

Die Liebe zum Objekt zeigt sich unverblümt beim Oldtimer-Treffen. Fahrerinnen und Fahrer sinken hier nicht nur in die Sessel ihrer Preziosen. Sie fallen in eine andere Zeit. Das Blech umschliesst die längst vergangene Ära. So innig ist die Identifikation mit dem geschätzten (automobilen) Objekt.

FraueinparkenUnser Auto – eine geplante Fehlkonstruktion (Jörg Linser)

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Form follows money. An den Armaturen erkennbar sind nicht nur Geschwindigkeit, Drehzahl oder Öldruck, sondern auch die Umhegung, die einem das Objekt vermeintlich zugesteht; je kostspieliger das Auto, desto mehr Anzeigen, Hebel, Schalter. Wer mehr zahlt, geniesst das Gefühl, noch mehr Kontrolle über sein Auto (und über sich) zu haben. Selbst wenn die Anzeigen das nur suggerieren. So ist das eben im Markt: mehr ist mehr, vor allem gefühlt…

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ArmagruenFordGTIsoRivolta20mInterotCapriCorvetteCinquecentoFreie Fahrt für freie Bürger – eine ebenso täuschende wie primitive Parole (Otl Aicher)

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Wo bleiben die grössen Design-Würfe? Auto-Ikonen wie der Ur-Golf, Fiat Uno, NSU RO80 oder Renault Espace? Wann endlich fegt ein neuer Musikstil aus den Boxen, ein neuer Techno, Rock’n’Roll oder Punk? Wer ruft eine kulturelle oder gesellschaftliche Revolution aus jenseits von Bürgerkrieg oder islamistischem Furor? Seit 25 Jahren brüllende Stagnation! Beschleunigung bis zum absoluten Stillstand. Links, rechts, oben und unten lösen sich auf im Multitasking. Das Netz aller Netze senkt sich über uns. Jede Regung sofort absorbiert. Die zehn Finger zappeln, steuern unentwegt Tasten und Befehle, beschreiben und lesen in eklektischer Zerstreuung die Festplatten.

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EldoradoImpalaRollsRoyceChryslHondaRo80ThunderbDas Fahrzeug (…) ein Sofa mit vier oder fünf Plätzen (Paul Virilio)

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Freie Fahrt für freie Bürger? Einer der verlogensten und dümmsten Slogans, die es je gab. Der Strassenverkehr ist so durchreguliert wie Arbeitsverhältnisse, Kaufverträge oder der Alltag in einer Vollzugsanstalt. Die (Bewegungs-) Freiheit des Individualverkehrs tauschen wir ein gegen Umweltbelastung, tausende Verkehrstote und Schwerverletzte, Ressourcenverschwendung, Versiegelung von Landschaft, verschärfte Zeitregimes durch gesteigerte Mobilität etc. Die Freiheit einzelner wird zur Bezwingung aller.

Kein Wunder ist das Auto-Radio mit Abstand wichtigstes Zubehör: „Nichts klebte so sehr an diesem Begriff der Freiheit wie Rock’n’Roll. Seine Stärke wie seine Schwäche war immer, dass er die westlichen Ideologien und ihre Progpaganda beim Wort nahm, in seinen besten Momenten ihre kollektiven Phantasien realisiert wissen wollte. Baute man in Amerika Highways, um architektonisch und landschaftlich zu verwirklichen, was man dem Individuum wider die eigene Propaganda meist vorenthielt, Beweglichkeit, Chancen, Überraschung, Abenteuer, stand Rock’n’Roll für das widerrechtliche und zu schnelle Befahren dieser Highways (…) Mit dem Ende des Freiheitsversprechens und seiner Demaskierung als Desintegration fallen auch die antiintegrationistischen und antisozialen Foderungen des Rock’n’Roll aus. Seine antisozialen Szenarien können nicht mehr Vorschein eines besseren Sozialen sein, sondern nur noch asoziale Realität.“ (3)

Der Rock’n’Roll ist schon tot. Das Bedürfnisse nach automobiler Nostalgie verkündet: bald folgen die Autos.

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(1) aus „Das neue S-Klasse Coupé – Führungsstark“, ganzseitige Werbung in der NZZ, Juni 2014

(2) aus „Mythen des Alltags“ von Roland Barthes

(3) aus „Freiheit macht arm“ von Diedrich Diederichsen

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