Medientitel treiben in rauen Gewässern. Von wirtschaftsliberaler Trägerschaft und treuem Publikum gestützt, schien die Neue Zürcher Zeitung dagegen auf ruhiger See dahinzusegeln. Doch irgendwer greift seit einigen Monaten stoisch ins Ruder und bringt das Flaggschiff der NZZ-Mediengruppe auf Kurs. Richtung Stromschnellen.

Gut möglich, dass Freunde (der NZZ) im Hintergrund die Koordinaten eingeben. Es ist ein kurioses Treiben, das an die Übernahme von Weltwoche oder Basler Zeitung gemahnt. Schillernde Köpfe werden gehandelt, verschwinden, tauchen wieder auf… derlei klandestine Händel beschädigen das Vertrauen. 

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NZZWerbung

Einst farbig und klar, heute schwarz/weiss mit hartem Kontrast – NZZ Werbung

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Der Bleistift stand einst für Inhalte. Nun ist er aus der NZZ-Werbung verschwunden. Neu sind Charakterköpfe gefragt. Personalisierung schafft Orientierung, sie gibt Halt in unsicheren Zeiten. Hart gezeichnete Porträts prägen die aktuelle Werbekampagne. Sie verkörpern das Produkt Neue Zürcher Zeitung. Direkt schauen uns die Journalistinnen und Journalisten in die Augen. Sie appellieren an ein imaginäres WIR:wir bleiben innovativ – wir wissen – wir denken – wir können es“. Dieses Wir vereint sich mit dem Publikum: „Freie Meinungsbildung ist ein Grundrecht. Nutzen Sie es – Wir wissen, was Sie wissen müssen“. Eine verschworene Gemeinschaft hält zusammen. Weder rechts noch links, Hauptsache liberal… auf dem taumelnden Schiff.

Nach dem verpatzten Coup um den neuen Käpt’n Markus Somm, schippert der Luxus-Dampfer durch eine weitere heikle Passage. Der libertär gesinnte, politische Autor René Scheu wird ab 2016 das Feuilleton verantworten. Ein denkwürdiger Entscheid. Einerseits (vielleicht ist es der Redaktion gar nicht bewusst), weil nicht mehr die Wirtschaft die Kunst fördert, sondern umgekehrt die Kunst die Wirtschaft. Einer, der selbst im bürgerlichen Establishment Semi-Sozialismus wittert, handelt da mit wirksamer Rezeptur. Andererseits und ganz sicher erntet Scheu mit seinen Beiträgen in der NZZaS regelmässig empörte Leserbriefe. Wären diese Reaktionen dem Management ein Massstab, so wäre von einem bewussten Entscheid gegen die Leserschaft auszugehen. Offenbar will das Blatt sein liberales Profil schärfen und erhält damit – wiederum analog zu Weltwoche und Basler Zeitung – bedrohliche Schlagseite nach rechts. Egal, ob das dem Publikum passt.

Das Feuilleton soll Denkräume öffnen. Mit seinen meinungsschwangeren Beiträgen verschliesst René Scheu Denkräume. Das Feuilleton ermöglicht erhellende Auseinandersetzungen mit unbekannten Themen. René Scheus ideologisch getränkten Texte verdunkeln hinlänglich bekannte Themen. Die antidemokratische Neuausrichtung der Schweizer Monatshefte (Schweizer Monat) ist Scheus Leistungsausweis. Seine Gratulanten sehen ihn offenbar auch durch die enge Freundschaft zu Peter Sloterdijk prädestiniert. Deutlicher liesse sich die Achse Scheu-Sloterdijk-Sarrazin nicht zeichnen. Mühelos könnten wir sie durch den Strang Somm, Köppel, Blocher erweitern.

Einst las ich den Tages Anzeiger. Dann ertrug ich weder dessen Qualitätsmängel und noch viel weniger den Konzernjournalismus. Ich las die Weltwoche. Dann kam Köppel und formte daraus ein selbstreferenzielles Parolenblatt. Jahrzehntelang schätzte ich die NZZ. Doch nun übernimmt René Scheu eine Führungsposition. Er sagtIdeen in Beiträgen seien „wie kleine Viren, die sich in den Köpfen festsetzen, vermehren und dann irgendwann was auslösen…“ Ich will aber nicht infiziert werden. Wehmütig winke ich der NZZ nach. Die Strömung nimmt zu. Immer rascher entzieht sich das Schiff meinem Blick.

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