Der Soldat hält die Waffe an Samuels Kopf. Entweder sie stirbt. Oder ihr beide…! Seine kleine Schwester schaut Samuel an. Sie weint. Sie ist ihm nicht böse. Ihr Blick würde das verraten. Samuel erschiesst sie. Sein erster Mord. Er ist selbst noch ein Kind.

Hundertfach mordet er fortan in Kriegen im Südsudan, in Uganda. Die Kindersoldaten in ethnisch und religiös begründete Konflikten, das Gemetzel um Ressourcen… in zahlreichen afrikanischen Ländern sind Menschen ihres Lebens nicht sicher. Auswärtige Ämter warnen vor Reisen oder fordern auf zur Ausreise. Doch einige Politikerinnen kümmert das nicht. Sie sagen, Flüchtlinge aus Eritrea oder dem Irak seien reine Wirtschaftsflüchtlinge. Diese hätten kein Recht auf Asyl.

Noch vor 100 Jahren galt in Belgisch-Kongo eine Gewehrkugel mehr als die Unversehrtheit einheimischer Frauen, Männer und Kinder. Abgetrennte Hände dienten als Beweis für effizient platzierte Gewehrkugeln. Da Kugeln oft verschossen wurden, trennten Soldaten halt auch Gliedmassen Unbeteiligter ab. Schwarzer Kontinent? Nein! Vasallen europäischer Kolonialmächte auf Beutezug in die Finsternis. Der Kontinent leidet noch heute unter imperialem Terror, willkürlich gezogenen Staatsgrenzen, dysfunktionalen Gesellschaftssystemen basierend auf zerstörten Clan- und Wirtschaftsstrukturen, Anarchie und Kleptokratie. Und die Menschen erdulden die kriegerischen Interventionen hegemonialer Mächte im Irak, Syrien, Jemen, den Terror in Kenya, Nigeria, Kongo, Tunesien, Ägypten, Libyen, Somalia, Sudan, Angola… oder sie fliehen. Wenn sie können.

Immer mehr müssen können. Aktuell seien weltweit rund 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Es sind nicht die Allerärmsten, nicht die Bedürftigsten. Denn die haben gar keine Chance. Es sind diejenigen, die das Geld für ihre Emigration zusammenbringen – irgendwie. Die Stärksten verlassen das Land in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

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KongoZentralImperiales Führen – Wunden, unüberwindbar

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Das Elend rückt näher

Die globale Gesellschaft zerfällt in soziale Zentren und Peripherien. In den Zentren; die produktiven Utilitaristen. An den Peripherien; die Unnützen, die Überschüssigen. Diejenigen, die weniger leisten, wie kürzlich Verleger und Politiker Roger Köppel in seinem Editorial schreibt.

Ein sich über ganz Nordafrika erstreckender Ländergürtel schirmte bis vor wenigen Jahren das Wohlstandszentrum Europa von den peripheren Elendsregionen südlich der Sahara ab. Doch seit sich der arabische Frühling in einen kriegerisch-wütenden Tornado verwandelte, ist diese Pufferzone destabilisiert. Schlepperorganisationen transportieren zehntausende Flüchtlinge durch gesetzloses Niemandsland zur libyschen Küste. Von hier sezten sie über nach Europa.

Die Bilder überfüllter Boote sind fast täglich präsent. Ebenso die Tageszahlen der Ertrunkenen, sofern sie denn einen mindestens dreistelligen Wert erreichen. Wieder ist von Asylchaos die Rede. Einige fordern sogar Militärkontrollen an der Grenze. Ein kriegsähnlicher Zustand wird heraufbeschworen. Die Invasion von Aliens mit funkelnden Augen in dunklen Gesichtern scheint bereits in vollem Gang.

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fluechtenMenschen fürchten – flüchten

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Im Internet ist rasch recherchiert, was diese Flüchtlings-Ströme bedeuten – die Positionen der Rassisten und Psychopathen sind inspiriert von den Köppels, Petrys und anderen Pennälern. Dass vor knapp 20 Jahren während des Balkankrieges fast doppelt so viele Flüchtlinge in die Schweiz kamen, ist längst vergessen. „Was sich hier abspielt, ist ein grossräumig angelegter Missbrauch unseres Asylrechts durch illegale Wirtschaftsflüchtlinge,“ behauptet Roger Köppel. Er und seine Mitstreiter nutzen das menschliche Elend, um die Gesellschaft zu spalten. Wer die Grenzen schliessen und das Asylrecht faktisch aussetzen will, wendet sich ausserdem ab von den Nachbarn.

Die Gedankenspiele um geschlossene Grenzen geben den Nationalisten Auftrieb. Und den Neoliberalen. Denn die wollen transnationale wirtschaftliche Verflechtungen und Verpflichtungen anstelle von international organisierter Solidarität. Statt der persönlichen Würde von Menschen soll nur der Tauschwert (mehr oder minder) nützlicher Subjekte gelten. Da sind sie wieder; die Invasoren, die allein wirtschaftlichen Interessen folgend Völker (ver)fügbar machen oder auslöschen – wie einst in Nordamerika, Zentralafrika oder Asien.

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Das Elend verwalten

Den Nutzenoptimierern sind jegliche Hilfsbedürftigen ein Greuel. Erst recht, wenn sie dysfunktionalen Systemen entflohen sind und im Aufnahmeland hohe Integrationsleistungen empfangen. Geduldet sind einzig Gastarbeiter, also Menschen mit kündbaren Kontrakten aber ohne rechtlichen Status.

Etwas naiv setzt auf der anderen Seite die politische Linke auf humanitäre Tradition. „Die Prediger ungehemmter Zuwanderung sitzen derweil in ihren gestylten Wohnungen und ­schicken ihre Kinder auf sorgsam ausgesuchte Schulen, soll doch der Erfolg des Nachwuchses auf keinen Fall durch eine ausländerdominierte Klasse behindert werden“, schreibt Frank A. Meyer. Soziale Integration ist externalisiert, von unserer Solidarität entkoppelt und als Sozial-Industrie angreifbar geworden. Wir lassen das Elend verwalten.

Irgendwo zwischen dem laissez-faire der Linken und dem reduit der Rechten müssten wir Lösungsansätze diskutieren. Zu hoffen ist, dass wir nicht schon an der unsäglichen Differenzierung zwischen nützlichen und unnützen (produktiven und unproduktiven etc.)  displaced persons scheitern. So lange jedoch die Interessen der Ausbeutenden geschützt und jene der Ausgebeuteten ignoriert werden, vertieft sich die Einkommens-Kluft zwischen der obersten und der untersten Milliarde. Die kulturellen Differenzen wachsen, ökonomische und religiöse Konflikte werden zur Regel.

„Kriegs- und Raubkapitalismus nötigen die wenigen, aber grossen Gewinner und die vielen Verlierer, weil ihnen sonst nichts zum Überleben bleibt, zur Permanenz des bewaffneten Kampfes. Da kommt der Fundamentalismus wie gerufen, verleiht er der ökonomischen Lebensform des Bürgerkriegs doch erst die nötige Kompromissunfähigkeit, um sie auf Dauer zu stabilisieren und alle Alternativen abzuweisen.“ (1) Im Zuge des weltumspannenden Neoliberalismus ist nun auch die der kapitalistischen Akkumulation folgende Pauperisierung und Verelendung ganzer Bevölkerungsschichten globalisiert.

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flutenBefrieden und bewältigen – Kriegs- und Naturfluten

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„Personen, Gruppen, Erwerbsklassen, Regionen, Völker, Staaten, die geschichtlich Pech gehabt haben und heute weniger reich mit wirtschaftlichem, kulturellem und sozialem Kapital gesegnet sind als Westeuropa und Nordamerika, fallen durch die immer grösser werdenden Löcher aus dem globalen Kommunikations-, Handels- und Produktionsnetz heraus. Je stärker die funktionale, systemische Integration der Weltgesellschaft, desto schwächer wird die soziale Integration ihrer Regionen. Und wiederum trifft dieses Gesetz vom tendenziellen Fall der sozialen Integrationsrate die Schwächsten zuerst. Für sie gilt, was man in den Elendsghettos Afrikas, Asiens und Lateinamerikas beobachten kann, dass oft die faktische Ausschliessung aus einem Funktionssystem genügt, um alle Funktionssyteme unerreichbar zu machen: Keine Arbeit, kein Geldeinkommen, kein Ausweis, keine stabilen Intimbeziehungen, kein Zugang zu Verträgen…“ (1)

Menschen verlassen die geschundenen Elendsgebiete und migrieren in die Zonen des Friedens. So, wie vor gut einhundert Jahren schon prekarisierte Bevölkerungsschichten in die neue Welt oder seit Jahrzehnten die Verfolgten aus Vernichtungslagern und verstreuten Diasporas ins gelobte Land übersiedelten. Bevor weite Weltregionen nicht sozialstaatlich oder anderweitig demokratisch integriert sind, werden Völker ihr Glück woanders suchen. Unausweichlich – auch für uns Elfenbeinturmbewohner.

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(1) aus „Solidarität“ von Hauke Brunkhorst (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)

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Empfehlung

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