Dammbruch beim Online-Rassismus. Die Schweizerinnen und Schweizer drehen durch. Einige zumindest. Und die sind besonders aktiv. Ob Kommentarspalten oder soziale Medien; scham- und hemmungslos hauen einige ihre angstmachenden und stigmatisierenden Zeilen in die Keyboards. Das Terrain dazu ebnen die Politwalzen der wählerstärksten Schweizerischen Volkspartei SVP. Die poltert so, wie sie schon gegen Minarette, Kosovaren oder Sozialhilfeempfänger polterte. Immer und immer wieder. Oder noch ein wenig mehr.

Per Ende Juni 2015 befinden sich rund 92’000 Personen im Asylbereich. Das sind tatsächlich knapp 10’000 mehr als vor einem Jahr. Für die SVP ist das Grund genug, um sich in Alarmstimmung zu versetzen und zu verlautbaren: Das Asylchaos explodiert. Es macht Pflopp!

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Achaos

Mit griffigem Slogan die Flüchtlingsarbeit verballhornen

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Den Spezialisten des Politmarketings helfen die seit Monaten kursierenden Bilder überfüllter Schlepper-Boote. Sämtliche News von blockierten Flüchtlingen – egal ob an den Grenzen Ungarns, Frankreichs oder am Eingangsportal des Eurotunnels – werden geschickt ins Storytelling vom aus den Fugen geratenen Asylwesen eingebaut. Die täglich medial rapportierten Flüchtlingsdramen angereichert mit Politiker-Voten vermengen sich so zu einem leicht entflammbaren Mix.

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mongo

Schuldzuweisungen vom Sprengmeister und Nationalrat

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Obschon nur ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung Kontakt zu Flüchtlingen hat, scheint mittlerweile die halbe Schweiz haargenau zu wissen, was sich an Grenzposten, in Asylzentren oder Flüchtlings-Wohnheimen abspielt. Boulevard- und Meinungsmachermedien registrieren jede Rauferei oder Sachbeschädigung und publizieren sie süffig zugespitzt. Mit den Stories von Menschen, die Gastfreundlichkeit strapazieren oder verletzen, heizen die Akteure latentem Unbehagen oder der Unsicherheit allem Unbekannten gegenüber kräftig ein. Dabei werden Zusammenhänge geflissentlich ausgelassen oder kleingeschrieben. Was punktet ist die Schlagzeile mit Reizbegriffen wie Messerstecherei, Vollbrand oder Vergewaltigung. Genügend oft wiederholt und intensiv dargestellt, breitet sich die Gewissheit aus, dass Menschen im Ausnahmezustand zwingend ein Land in Ausnahmezustand versetzen.

Dann gebären die Meisterdemagogen ihre Epigonen. Die bemühen sich um küchenphilosophische Aperçus oder vulgärhistorische Exzerpte. Offensichtlich bewegt retweet die Crowd. Zu der gehören auch rechte Politikerinnen. Schliesslich bewerben sie sich für’s Ringelreihen im nationalen Parlament. Da lockert etwas Rassismus-Pop die Stimmung.

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sauser

HOF

Von SVP Kantonsräten geteilte, subtil diffamierende Poesie

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Und immer wieder facts and figures. Unzählige socialmedia-Accounts mit klingenden Namen wie haut_drauf, fckleft oder _denk_mal (tatsächlich?) geben den Newsticker. Sie teilen Investigativ- und Gag-Videos (à la „die schmeissen halt alles auf die Strasse und schlagen unsere deutschen Kinder“ oder „guck ma wie bescheuert die sind“), Polizeimeldungen (sofern darin ausländische Deliquenten auftauchen) oder Onlineartikel (wenn Flüchtlinge ausrasten, streiten, sich prügeln). Die Drama-Perlen pflückt sich auch der eine oder andere Rechtspopulist. Doppelmord in der Ikea zum Beispiel – eritreischer Amokläufer im Konsumghetto. Was sich da irgendwo in der schwedischen Provinz Västmanlands abspielt, ist ergreifender als Romeo und Julia. Das schüttelt den im äusseren Speckgürtel Zürichs lebenden Kantonsrat so sehr, dass er nicht umhinkommt, den Vorfall mit seinen Twitterfreunden zu teilen.

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 zack2000 Kilometer entfernt lauert das Böse hinter’m Billi-Regal

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„Es wird einem richtig schlecht“Zeit, dass wir uns gegen sie wehren, finden aufgeschreckte Beobachter. Gegenreaktionen folgen schnurstracks. Die Meinungsäusserungsfreiheit sei gefährdet und die ist Rassisten heilig. Von rechten Einpeitschern gesäte Ressentiments gilt es freimütig auszuschmücken und weiterzuverbreiten. Dass solche Aktionen den sozialen Frieden oder Anstrengungen darum untergraben, ist willkommener Kollateralschaden. Denn von sozialer Unruhe und Dissens profitieren die Populisten mit ihren schlichten und rigiden Ordnungsprinzipien.

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islAls wäre das Recht auf Hetze ein Menschenrecht

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Der Funke springt. Flämmchen züngeln entlang der Lunten, die sich durchs Internet schlängeln. Hemmungen fallen. Mittlerweile schaufeln Menschen auch unter Klarname (meist wohl fingiert) an medialen Rassismusfronten. Zu Hunderten füllen sie Kommentarspalten. Die tu ich mir nicht an. Ich bin schon überwältigt von den Twitter-Elaboraten.

 

RASWo sich Stammtischzoten mit Populistentextbausteinen vermengen

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alexbVerklausulierter Hass nach allen Seiten (inkl. Lügenpresse)

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Sozusagen die Darmflora des Rassismuskörpers bilden die Psychopathen. Accounts, die in ihrem Namen bespielsweise ein #DR, #schauhin oder den Zusatz Schweizer respektive Germane tragen und sich offen – aber hinter komplett anonymisierter Fassade – als Rassisten bezeichnen.

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LeksosePathogene Stimmungskanonen mutieren gelegentlich zu Rohrkrepierern

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Voilà – die ganze Palette vom Asylchaos über Krimigranten bis hin zu brennenden Flüchtlingsheimen. Das ist der Stoff, der Ängste auf Trab hält. Die SVP verspricht mit Brachialrezepten diese Ängste zu therapieren. Jene Ängste, die sie selbst produziert und hinausträgt ins Land. Diese Kurpfuscher! Je mehr Sympathisanten und Helfeshelfer sie darin unterstützen, desto tiefer fräsen sich die Gräben zwischen Menschen. Damit ist die SVP zur eigentlich grössten Gefahr für das friedliche und einvernehmliche Zusammenleben in diesem Land geworden. Nicht die Flüchtlinge oder Ausländerinnen, sondern diese Partei und ihre Kohorten gefährden mit permanenten Angriffen auf Institutionen und MitbewohnerInnen unsere Kultur und die Gemeinschaft.

„Leider isch ned aune klar wohi dä Wäg sou düre ga, für üsi Freiheit, da müemer zäme schtaa“ reimt Willy Vogel für den SVP-Freiheitssong. Ich nehme Stimmungskanone Willy beim Wort und sage ja: für üsi Freiheit mümer zäme schtaa und gege die hegemonial veraalagti Politikerklicke SVP stimme, wämmer in Ruä und Fridä a däm wänd chönne schaffe, wo in Zuäkunft uf üs zuechont. In diesem Sinne: #StopSVP

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Empfehlungen

Die SVP will nicht nur Flüchtlinge loswerden. Sie blockiert auch alles, was zur Entlastung von Konfliktregionen beitragen könnte. Marcel Baur belegt dies mit einer interessanten Zusammenstellung.

Ach ja: Einer der im Asylchaos-Chor kräftig Solos schmettert, pflegte mit dem Apartheids-Regime in Südafrika selbst dann noch innige Kontakte, als die meisten anderen Partner die weissen Rassisten aufgegeben hatten. Christoph Blocher nämlich…

Daniel Binswanger meint, irgendwann zieht die immer selbe Masche einfach nicht mehr.

 

 

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