Kaum haben sich Feuerwalzen und Rauchschwaden verzogen, senkt sich ein eiskalter, eiserner Vorhang über Europa. Kalter Krieg. Tiefe Gräben. Links und rechts davon Raketengürtel, Panzersperren, Todeszonen. Dann aber durchbrechen die Menschen Zäune und Mauern. Der Vorhang fällt. Und jetzt, 30 Jahre später, wird er sacht aber beharrlich wieder zugezogen.

Putin fehlt die Puste, um wieder einen mächtigen Block zu installieren. Er muss sich mit brutalen Gewalt-Scharmützeln an den Rändern seines Restreiches begnügen. Doch nach dem Kollaps der Sowjetunion und Jahrzehnten der Massenverelendung fletscht Putin nun wieder selbstgewiss die Zähne und verdirbt teuflisch gefitzt Expansions- und Einverleibungsgelüste der Westmächte. Der angeschlagene Bär stellt sich brüllend den Jägerhorden der EU und Nato entgegen. Dieser Widerstand wiederum imponiert nationalistisch gesinnten Gegnern der EU oder der USA. Dass sich Putin dabei gern mit dem herben Charme massentauglicher Führer-Romantik als entschlossener Haudegen inszeniert, bezirzt chauvinistische Männerherzen auch hierzulande.

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isanKommerzialisierte Arbeiterinnenbrigaden-Erotik (1) 

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Zu Zeiten des Kalten Krieges verfielen radikallinke, antikapitalistisch und antiimperialistisch gesinnte Staatsfeinde spröder Sowjet-Romantik. Da war die Utopie der Gleichbehandlung aller Menschen in einer klassenlosen Gesellschaft. Für die zugeneigten Aktivisten und deren Sympathisanten forderten Gutbürgerliche damals lautstark Tickets für Einfachfahrten nach Sibirien, vorzugsweise kombiniert mit Zwangsarbeit im Gulag-Steinbruch. Das würde sie schon lehren, diese faulen, linken Säcke. Heute dagegen könnten Linke die Gutbürgerlichen in den Steinbruch verwünschen. Diese glorifizieren ihre Vorstellung von Freiheit und träumen von hemmungslosem Oligarchengehabe sowie ungebremstem Kapitalanarchismus. Der erbarmungslose Pragmatismus des Stärkeren herrscht, kein blasser Schimmer von Utopie. Väterchen Wlad Wladimirowitsch Putin fühlt sich sogar so stark, dass er sich den Staat quasi unter den Nagel gerissen hat und diesen autokratisch wie (s)eine Privatorganisation führt und lenkt.

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Medialer Guerilla-Krieg

Die linken Sowjetfreunde wurden einst im Geheimen fichiert. Darob lachen sich heutige Putin-Versteher nur ins Fäustchen. Ihre Aktivitäten sind öffentlich. Um die eigenen antietatistisch-anarchistisch geprägten Gelüste zu befriedigen, bedienen sie sich unbeschwert bei russischen (oder abwechslungsweise antimuslimischen, religiös-sektiererischen, verschwörungsaffinen) Kanälen. Hauptsache gegen die Massen, gegen die Eliten und den Mainstream. Als Informationsquelle besonders beliebt ist der russische Propagandasender RT. Das zeitigt bisweilen obskure Blüten..

Da wettert einer auf Twitter ausgiebig gegen Schweizer Staatsmedien. Auf seinem Blog ist von der SRG als Propaganda-Machine die Rede. Handkehrum retweetet derselbe Account regelmässig Nachrichten von RT – also dem staatlichen, russischen Propaganda-Kanal. Ein Verwirrter? Tippselt da ein vom Kreml finanzierter socialmedia-Agent? Auch verbreitet sind Fake-Accounts oder anonymisierte Twitterer etc. die tausende Follower anziehen. Sie mäkeln herum an der Objektivität der westlichen Lügenpresse und teilen zum Beweis massenhaft Gegeninformationen zwielichtigster Provenienz.

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partSalonfähiger Sowjet-Chic an der Plakatwand (1)

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Unter dem Deckmäntelchen der Meinungsäusserungsfreiheit stirbt die Wahrheit oft zuerst – nicht nur im Krieg. Heute braucht es keine von Hubschraubern abgeworfenen Flugblätter, keine am Frontverlauf platzierten Lautsprecher. Ein paar hundert willfährige Trolle sind viel effizienter. Sie betreiben zielgerichtet rechtspopulistisches Marketing. Rund um die Uhr. Als Traumausbeuter wissen sie, dass sie einen festen Anker im Meer der Stürme und Veränderungen auswerfen müssen und tun dies durch den Rekurs auf ewige, unwandelbare Wahrheiten und Traditionswerte.“ (2) Zum Beispiel die Treue zu Volk und Staat. Da glänzen Nationalistenaugen.

Nichts gegen unterschiedliche Meinungen. Ob zur Ukraine, der Krim, Syrien… oder meinetwegen Chodorkowski. Für den Westen ist der Prozess gegen den einstigen Oligarchen eine Farce. Er sei dem Kreml-Chef lästig geworden. Das sehen die Putin-Versteher anders. Für sie ist Chodorkowski ein Wirtschafts-Krimineller. Gut möglich. Warum andere, wohl ebenso kriminelle Profiteure nicht interniert, eingeschüchtert oder auf undurchsichtige Weise ums Leben kommen, hinterfragt niemand. Solche Informationslücken entlarven die Propaganda.

Wer unsere Medien – zumal seriös produzierte – als Lügenpresse etc. desavouiert, gleichzeitig aber nachweislich propagandistisch und jegliche journalistische Sorgfalt vermissende Elaborate dagegen hält, disqualifiziert sich selbst. Dennoch; Putin-Versteher sind „keinesfalls Menschen ohne Verstand und Moral. Und das macht ihren Zuspruch zur Gewaltherrschaft erst gefährlich,“ stellt Publizist Boris Schumatzky fest. Das ist es, was mich schaudern macht.

 

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(1) Plakatwerbung Berlin im Sommer 2014

(2) aus „Rechter und linker Populismus“ von Karin Priester

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