Wer Somm liest, will sich nicht informieren. Wer Somm liest, braucht Wegweisung. Wer Somm liest, ist orientierungslos. Oder besser; wer die eigene Orientierung ständig neu bestätigen muss, liest Somm. Markus Somm ist in seinen Leitartikeln ganz Leader. Er gibt nicht nur zu denken, er gibt Denken vor.

Parolenfassung ist jeweils samstags in der Basler Zeitung. Nach einer Woche voller Bilder mit an griechische Touristenstrände stapfenden Flüchtlingen und auseinanderstiebenden Migrantengruppen im Petardennebel erinnert Somm in seinem letzten Artikel an das grassierende Asylchaos in der Schweiz. Es tritt auf in Gestalt zweier dunkelhäutiger Männer („ihr Blick war intelligent und ihr Deutsch sehr gebrochen“), die nach dem Weg fragen („dabei zeigten sie mir, vielleicht um die Dringlichkeit ihrer Anfrage zu unterstreichen, auch die Adresse, wohin sie wollten: Sozialamt Liestal“). Für Markus Somm ein Exodus ins Nirgendwo.

Wenn Somm leitartikelt, lässt sich allerlei in und zwischen den Zeilen entdecken. Da sind willkürliche Geltungsansprüche: „Besonders fielen die Frisuren auf, urbaner Rebellionschic halt . Das Übliche“ und „Der wird unglücklich. Unglücklicher als in der armen Heimat“ oder Aus einem diffus schlechten Gewissen heraus gegenüber den armen Ländern machen wir alles noch schlimmer“. Ebenso freihändig etabliert er seine ureigenen Feststellungen als allgemeingültig. Begründbarkeit bleibt er schuldig: Immigranten seien „zumeist klassische Wirtschaftsflüchtlinge“. Zudem „zwingen wir die vielen Wirtschaftsflüchtlinge zur Maskerade, zur Lüge, zum Schwindeln“. Ja, Markus Somm schliesst von seiner persönlichen Abneigung ganz nonchalant auf die Gesamtbevölkerung: „Sozialrentner auf ewig, ungeliebt von den Einheimischen, verachtet von den Gleichaltrigen, ohne jede Aussicht auf Selbstrespekt?“

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Nationen

Asylgesuche in der Schweiz – kommen aus den Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt überwiegend „Wirtschaftsflüchtlinge“? (1)

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Wer die halbe Wahrheit erzählt, lügt wenigstens nicht. Für Markus Somm wiegt die Abhängigkeit der Flüchtlinge von Sozialhilfe schwer. Gegengewichte lässt er weg. 83,5 Prozent aller anerkannten Flüchtlinge sowie aller vorläufig Aufgenommenen, sind nicht erwerbstätig, sondern leben von der Sozialhilfe – obwohl sie arbeiten dürften. 83,5 Prozent.“ Das hätte SP-Nationalrat Rudolf Strahm vorgerechnet. Stimmt.

Wer sich näher mit der Sozialhilfestatistik im Asylbereich befasst, stellt aber auch fest, dass 72.9 Prozent der Sozialhilfeempfängerinnen einer Stichprobe (N=9561) zwischen 16 und 65 Jahr alt sind. Gut ein Viertel der AsylantInnen sind also noch nicht oder nicht mehr im Arbeitsprozess. Von den anderen Dreivierteln waren 76 Prozent erwerbslos. Das ändert zwar wenig am hohen Anteil an Sozialhilfeempfängern. Somms Aussage relativiert sich aber, wenn wir die nötigen Ergänzungen hinzufügen: Würden diese vielen Immigranten [zu denen  Mütter, Hausfrauen, Kinder und Alte gehören], die zumeist klassische Wirtschaftsflüchtlinge sind [wenn auch traumatisierte oder depressive], wenigstens arbeiten und damit zum Wohlstand dieses Landes beitragen: Man könnte die Folgen dieser Politik ertragen, ja womöglich müsste man sie begrüssen.“ Den grundsätzlichen Widerspruch – Wirtschaftsflüchtlinge, die sich mit Sozialhilfe begnügen – scheint niemanden zu irritieren.

Die Erwerbssituation der Stichprobe 2014 weicht übrigens nicht ab von jener aus dem Jahr davor. Erst im Wahljahr, so könnten wir mutmassen, skandalisiert Markus Somm die Verhältnisse. Verhältnisse, die eigentlich immer dieselben sind.

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ErwerbssitÜber 50 % Nichterwerbspersonen – SozialhilfeempfängerInnen (ab15 Jahren) nach Erwerbssituation 2013 (2)

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StrukturFluechtlingeMehr als ein Drittel Kinder und Jugendliche – SozialhilfeempfängerInnen nach Alter und Geschlecht 2013 (2)

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Mit den vielen Migrantinnen, die momentan in der Schweiz um Asyl ersuchen, steigt auch die Anzahl der Sozialhilfeempfängerinnen. Klar. Somm aber argumentiert mit dem hohen Prozentsatz Abhängiger. Das ist wesentlich griffiger als eine abstrakte Summe Hilfesuchender. 83.5 Prozent! Also fast alle füttern wir durch… „Vor allen Dingen zahlen sie [die Einheimischen] auch dafür. Noch sind wir eine Demokratie.“ (sic!)

Es gibt mehrere Möglichkeiten, daran etwas zu ändern. Die Hardliner – zu denen ich Markus Somm zähle – möchten die Grenzen schliessen, die Zuwanderung einschränken, Leute abweisen, rückführen. Dafür nehmen sie in Kauf, Vereinbarungen zu brechen und Menschrecht zu verletzen. Auch möglich wäre, die Integrationsbemühungen zu erhöhen, beispielsweise via Arbeitsintegration. Wer wie Somm an der Akzeptanz von Ausländerinnen nagt („Kein Immigrant aus Afrika kann ehrlich zugeben, warum der den weiten Weg in die Schweiz gewählt hat“), der korrumpiert damit auch die Integrationsbemühungen, die nach wie vor ein wesentlicher Teil der schweizerischen Bevölkerung gern und gewissenhaft leistet. So schadet Markus Somm nicht nur den Flüchtlingen, sondern auch den Einheimischen.

Wenn sich Leute wie Somm verkleiden und den besorgt-bekümmerten Bürger mimen („Was für eine Verschwendung von Lebenskraft, was für eine Tragödie für sie selber“), so fühlen sich alsbald einige beschwipst-behämmerte Bürger legitimiert, den gewaltbereiten Arm der intellektuell vorgespurten Ablehnung auszufahren – siehe die Abfolge Sarrazin – Pegida – Heidenau. Nicht, dass wir Somm als Brandstifter diffamieren, aber; manche mögen’s heiss. Einer wie Somm. Wo kühle Köpfe gefordert wären, heizt er mit seinen privatistischen, idosynkratischen Leitartikeln nur das Klima an. Darin steckt genug Gefahr. Das haben wir nicht verdient.

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(1) Asylstatistik 1. Quartal 2015, Bundesamt für Migration

(2) Sozialhilfe im Flüchtlingsbereich, Bundesamt für Statistik

 

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