Nicht einem Flüchtling die Hand gegeben. Nie je neben einer Asylantin auf den Bus gewartet. Kein einziges Kind auch nur eine Silbe gelehrt. Und doch kriegen sich die Einheimischen schon in die Haare. Die Immigrantinnen haben damit nichts zu tun. Die Menschen hier bekriegen sich auch so.

Menschen sperren Strassen, zünden Flüchtlingsunterkünfte an, ziehen vermummt durch Nazi-Nester. Es brodelt. Eine Nationalrätin beklagt sich, es sei ja nicht mehr normal, wie da auf ihrer Facebook-Seite beleidigt und geschumpfen werde. Sogleich pariert das Publikum: wie man in den Wald ruft… Dem besonders zynischen Politiker sperrt Facebook nach „einem organisierten Angriff auf die Medienfreiheit“ vorübergehend den Account. Wir „lassen uns nicht mundtot machen“ protestieren aufgeschreckte SympathisantInnen. Auf der linken Seite erklingen die Stop-SVP-Rufe heller. Gegenüber beleidigen die Rechten noch ein Zacken derber.

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Flut2015Aus Kriegsregionen – abgelehnte „Wirtschaftsflüchtlinge“ (Ungarn 2015)

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Es schüttelt uns. Ein lebloses Kind in der Gischt… eine kleine Familie… Vater, Mutter, Kind. Sie klammern sich aneinander. Polizisten zerren diese Menschen weg vom Bahngleis. Ein Kokon aus filmenden Kameraleuten umgibt die Szene. Die Flüchtlingstragödien in ungarischen Bahnhöfen und den Stränden des Mittelmeers bekommen wir nahezu live in die Timeline gestellt. Die Bilder berühren unterschiedlich. Einer bekommt „jeden Tag nur noch mehr Wut auf Flüchtlinge“. Andere könnten nur noch heulen und schreien nach Liebe. Alle sind erregt.

Erregt, obwohl kein einziger Migrant, Flüchtling oder Asylant uns auch nur ein Haar gekrümmt hat. Doch zu lange schon haben einige ausgerufen, das Fass werde überlaufen, es werde etwas passieren, bald falle der erste Schuss. Diese paranoid anmutenden Appelle scheinen bisweilen unterlegt von ebensolchen Verschwörungstheorien. Es ist, als ob ein neuer Stoff die Zerstörungssucht der Masse nähren würde. Dazu müssen wir uns nicht in dunklen Gassen zusammenrotten. Im Netz sind wir auch so vereint. „Der einzelne Mensch selbst hat das Gefühl, dass er in der Masse die Grenzen seiner Person überschreitet. Er fühlt sich erleichtert, da alle Distanzen aufgehoben sind, die ihn auf sich zurückwarfen und in sich verschlossen. (…) Aber das Wesentliche ist die Erregung als solche, ein Zustand, in dem alle zusammen etwas zu beklagen haben. Die Wildheit der Klage, ihre Dauer, ihre Wiederaufnahme am nächsten Tage im neuen Lager, der erstaunliche Rhythmus, in dem sie sich steigert und selbst nach völliger Erschöpfung von neuem beginnt…“ (1)

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DDRAus bankrotten Staaten – willkommene „Wirtschaftsflüchtlinge“ (BRD 1989)

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Alle sollen sagen dürfen, was sie wollen. Die Gedanken sind frei. Die Meinungen auch. Die Freiheit sich zu äussern ebenfalls. Bloss sind es allzuoft nicht Gedanken oder Meinungen, die diskutiert werden wollen, sondern Lügen. Unbegründet und unanfechtbar. Und wir vernehmen Schlachtrufe, Hasstiraden, Kampfgeschrei. Herausgeworfen ohne Not. „Es ist die Erregung von Blinden, die am blindesten sind, wenn sie plötzlich zu sehen glauben (…) dieser ganze Knoten seelischer Reaktionen um die Berührung durch Fremdes, in ihrer extremen Labilität und Reizbarkeit, beweist, dass es hier um etwas sehr Tiefes, immer Waches und immer Verfängliches geht, etwas, das den Menschen nie mehr verlässt, sobald er die Grenzen seiner Person einmal festgestellt hat.“(1)

Die Not überkommt uns erst allmählich. Die Verzweiflung überfällt uns, die wir überwältigt sind von der Tragik der Ereignisse und machtlos dastehen gegenüber jenen, die sich mächtig gebaren und so tun, als wüssten sie, was allein jetzt richtig ist. Richtig für sie. Nur für sie. Die Erregung steigt. Auf beiden Seiten. Das Chaos. Nicht das endlos heraufbeschworene Asylchaos. Nein, es ist das Chaos in uns, die Krise unter uns. Sie lässt mich erschaudern. Nicht die Flüchtlingskrise ist es, sondern die Einheimischenkrise, für die wir ganz allein verantwortlich sind.

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(1) aus „Masse und Macht“ von Elias Canetti

 

 

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