Bilder repräsentieren Menschen und Lebenssituationen. Anstelle des lachenden Politikers sehen wir dessen Abbild. Er scheint selbstbewusst. Wir sehen das Fotomodell und meinen einen Duft zu schmecken. Verführerisch. Wir sehen den toten Jungen am Kieselstrand liegen. Erschütternd.

In Nordafrika, im und um das Mittelmeer spielt sich eine unvorstellbare Flüchtlingstragödie ab. Sie kumuliert scheinbar im Bild des dreijährigen Aylan. Ein erstarrter Körper im kalten Wasser, das immer wieder gegen das verborgene Gesicht schlägt. Ein Kind, leblos, noch bevor es zur Welt gekommen ist. Heulendes Elend.

Doch ist das Bild nur ein Partikel dessen, was sich ereignet (hat). Ein gewahr gewordenes Schicksal unter zehntausenden. Insgesamt bleibt das Drama unermesslich. Wir könnten es ahnen. „Hätte er voll und ganz mitempfunden an dem, was an einem einzigen Tag auf dieser Welt geschah, er hätte am Abend an seinen Gefühlen sterben müssen. Und hätte er versucht zu verstehen, was an diesem einen Tag geschah, er hätte am gleichen Abend verrückt sein müssen.“ (1)

„Pas une image juste, juste une image,“ sagt Jean-Luc Godard. Nur ein Abbild dessen, was am Strand in der Nähe Bodrums geschah. Ein Moment bloss. Davon ein Ausschnitt. Wir sehen nicht, was geschah, bevor das Kind dahin kam, was sich ausserhalb der Cadrage abspielt etc. Dürfen wir dem Bild und den Erklärungen dazu trauen? Sehr viel spricht dafür.

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Die Tricks der Medienfälscher

Die Lücken, das, was ausserhalb der Bild-Cadrage hätte sein können, diese Leerstellen malen Propagandisten aus. Die Verschwörungsbastler schwören auf das, was wir nicht sehen. Sie verarbeiten Ressentiments gezielt. Sie konstruieren Zusammenhänge, erzählen ihre eigenen Geschichten. Die sind auf den ersten Blick nachvollziehbar. Oft erstaunlich. Das geringste Indiz genügt und seien es zwei unterschiedliche Bilder, die eine in der realen Situation nicht vorhandene Beziehung eingehen. Den Gegenbeweis anzustellen ist praktisch unmöglich. Schon ist wieder gewiss, dass die Presse lügt.

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Robinson

Ein Gerücht genügt und die Verschwörungsidee ist etabliert

 

Unterdessen schwimmen den Geschichtsfälschern aber die Felle davon. Die Deklaration des Asylchaos hat gegen die emotionalisierende Wirkung des kleinen Aylan keine Chance mehr. Monatelang heizte insbesondere SVP-Politiker und Chefredaktor Roger Köppel mit seiner Wochenzeitung ein, indem er das Thema emotionalisierte. Nun plädiert er plötzlich für Vernunft, spricht auch nicht mehr von Wirtschaftsflüchtlingen. Er klagt im Tages Anzeiger: „Unter dem Eindruck der schrecklichen Bilder verbreitet sich ein Klima zusehends aggressiver Meinungseinfalt.“ Damit konterkariert er die aktuell enorme Gefühlsdichte. Es ist der Versuch, die Storyline wieder unter Kontrolle zu bringen.

Wer sich keinen Platz im nationalen Parlament ergattern will, braucht keine Rücksicht auf die Gefühlslage der Öffentlichkeit zu nehmen. Die Angsteinheizer sind noch radikaler als rechte Politiker-Verleger. In einigen Ländern hätte sich die Situation derart verschlimmert, dass „alle verbleibenden normalen Bürger nur das tun können, als zu zusehen wie die Menschen, die den kollektiven nationalen Selbstmord nicht abwarten können, ihr eigenes Land verbrennen, weil sie in der Unterzahl sind, um Widerstand leisten zu können.“ (?!) Mit Gruss an die Klardenkenden. (sic) Dieser konfuse Befund stützt sich (wohl nicht allein) auf diesen Zusammenschnitt von Flüchtlingsbildern:

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Invasion der Aggressoren – forciert inszenierte Found Footage Realität

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Um Alyans Schicksal eine andere Wendung zu geben, konstruieren Medienfälscher Beziehungen zwischen einzelnen Fotos. Fotos, von denen der Film eine riesige Anzahl verzehrt, um sein Bild zu gewinnen (2). Inhalt und Sinn ergibt sich aus der Montage. Ein machtvolles Hilfsmittel, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Die Ingredienzen: aufreibender Sound (unterdessen wegen Urheberrechts-Verletzung ausgetauscht), Wackelkamera, hervorgehobene Originaltöne, schneller Schnitt. Der allein auf seine emotionale Wirkung bedachte Zusammenschnitt ohne jegliche raum-zeitliche Kontinuität – ganz zu schweigen von seriösen Quellenangaben – hinterlässt komplette Desorientierung. Konfusion als Stilmittel. Ein zischender, disziplinierender Angstappart aus Kalkül. Wenn Lügenpresse, dann das!

Schliesslich die Socialmedia-GuerillaDie Bodensatzagenten geben der Stammtischfasson ihre mediale Präsenz. Da sind die Kommentarschreiber – oft Auftragsschreiber unter Pseudonym. Und da sind die besorgten Bürger, die sich nicht den Mund verbieten lassen. Auch nicht, wenn sie nur reine Polemik ausbreiten.

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wiedek

„so sieht es dort überall aus“Flüchtlingstransporte sind keine Hochzeitsfahrten

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Wie die Angsteinheizer benutzen die Bodensatzagenten Bilder als Trigger. Das Unbehagen sucht seine Legitimation. Die Abscheu kriegt Nahrung. Ungezügelte Empörungslust. Was das Image des aggressionsgeladenen, wild-verwahrlosten Invasoren scharfzeichnet, posten die Agenten garniert mit derben Beschimpfungen. Die schamlose Ausbeutung der Menschenbilder.

Wer sich am Ende einer Reise hunderter Flüchtlinge nur für das zurückgelassene Chaos im Transportmittel interessiert, pfeift auf Zusammenhänge. Der sucht das Haar in der Suppe. Auch hier wird bewusst Kontext unterschlagen, statt erschlossen. So funktioniert Desinformation. Das herbeigeschriebene Chaos findet seine Entsprechung in den Voten der Rassisten. Es ist eine eigentümliche Liäson zwischen Prügeltruppen von Eindringlingen und den Pöbelbanden Alteingesessener. Angriff und Verteidigung, Aggression und Defensive sind ununterscheidbar geworden. Die Eskalation nimmt ihren unverschämten Lauf.

 

 

(1) aus „Durchs Bild zur Welt gekommen“ von Hugo Loetscher

(2) siehe Wolfgang Kemp, „Foto-Essays zur Geschichte und Theorie der Fotografie“

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Empfehlung

Die Debatten-Terroristen – von Michèle Binswanger

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