Morgens 10 Uhr. Politikerinnen schlürfen Schampus. Andere busserln einander, anstatt im Parlament den Votanten zuzuhören. Dann liegen da auch noch DVD einer US-Fernsehserie auf dem Pult der Nationalrätin. Uns Stimmbürgerinnen darf dieses haltlose Gebaren der classe politique natürlich nicht verborgen bleiben. Schliesslich sollen wir gut überlegte Wahlentscheidungen treffen. Das können wir aber nur, wenn uns JournalistInnen relevante Informationen liefern. Tun sie aber oft nicht.

Zum Beispiel Ronnie Grob. Der reist nach Bern, „um einen Blick auf den Wahlkampf in der Herbstsession zu werfen.“ Immerhin ist Ronnie Grob so ehrlich und preist sein Projekt salopp an. So erwarten wir gar nicht erst Relevanz oder Analyse. Oder doch?

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Personalisieren

Über 100 Interessierte sind bereit, Ronnie Grob per Crowdfundig gut 10’000 Franken zuzustecken. Für so viel Geld stellt er fest, was jede/r Schweizer Oberstufenschüler/in schon weiss: „Hätten durch die Sitzreihen ziehende und wie wie [sic] Honigkuchenpferde strahlende Parlamentarier wie Oskar Freysinger (SVP) oder Matthias Aebischer (SP) dabei einen Mojito in der Hand, würde das gar nicht nicht mal so verwundern. Der Geräuschpegel im Saal ist extrem hoch, was auch daran liegt, dass richtig viele Nationalräte anwesend sind an diesem ersten Tag. Es plappert und quatscht nur so vor sich hin im Saal.“

Der Nationalratssaal ist eine Markthalle. Grob kostet diese banale Feststellung aus. Um sie knackig anzurichten, personalisiert er die Situation. Er pickt sich eine Politikerin heraus und stellt ihr Verhalten so dar, als ob dieses einzigartig wäre. Sogar als sie zweimal direkt vom Rednerpult herab namentlich angesprochen wird, hört sie nicht zu. Sie bemerkt es nicht einmal, dass jemand zu ihr spricht, dass jemand sie erwähnt.“ (1) Dass ein Journalist den parlamentarischen Betrieb kennt, ist vielleicht zu viel verlangt. Wenigstens aber sollte er sich kundig machen, bevor er darüber schreibt.

Im heutigen Journalismus sind Fakten Dreck (schreibt Constantin Seibt). Journalisten karren den Haufen Dreck zusammen zu einem verlockend duftenden Gebilde. Nur die Aufmerksamkeit zählt. Grob zumindest hat sie. Nicht aufgrund seines belanglosen Textes, sondern weil ihm deswegen die Akkreditierung entzogen wird. Dies hat wiederum die vereinte Journalistengilde in helle Aufruhr versetzt, und das ist für mich erst der eigentliche Skandal. Tatsächlich setzen wir journalistische Freiheit voraus. Handkehrum sollten Journalisten aber auch aushalten, wenn der flegelhafte Missbrauch geahndet oder sanktioniert wird. Journalisten funktionieren aber anders. Das Recht, die Hosen runterzulassen und sich (oder andere) blosszustellen, werten sie höher, als das Gebot, wo nichts ist, auch mal nichts zu schreiben.

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Moralisieren

Stattdessen schaffen sie Pseudo-Ereignisse. Notgedrungen. Sie müssen Seiten und Sendeplätze füllen. Praktisch ist zudem, dass sich Pseudo-Ereignisse fast beliebig herstellen und ausschmücken oder gezielt ideologisieren lassen. Christian Keller von der Basler Zeitung berichtet vom Entscheid im National – und Ständerat, Häfen unter gewissen Bedingungen Zuschüsse zu genehmigen. Im Artikel stellt er korrekt Pro und Kontra gegenüber. Doch zuerst deutet der Autor eine Runde im Parlamentariercafé zu einer Party um – nicht ohne moralisierenden Unterton: „Wenn sich aber bereits um zehn Uhr in der Früh Politiker mit Alkoholika zuprosten, dann muss irgendetwas Besonderes vorgefallen sein.“ Meinung profiliert, Objektivität profiliert nicht.

Was vom Artikel in Erinnerung bleibt, sind die frohgemuten Partyteilnehmer, die sich schon am Vormittag verlustieren. Das eigentlich Relevante – die Weichenstellung der Räte für Investitionen in Infrastruktur – verblasst daneben. Vielleicht ist es auch zu komplex, um verstanden zu werden. Da begnügt man sich mit der beschriebenen Reaktion der Politikerinnen und meint, verstanden zu haben…

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FeusI

Augenfällig:  SP und CVP-Politikerinnen im Vordergrund und Bildzentrum

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Moralisierend geben Journis Belanglosem Gewicht. Am meisten verraten sie damit über sich selbst. So legt Journalistenkollege Dominik Feusi noch einen Zacken zu. Er phantasiert Ausgelassenheit und unterstellt den Politikerinnen einen „Raubzug auf die Portemonnaies ihrer Bürger“. Dies tut Feusi zwar auf seinem privaten Twitter-Account. Mit seiner ungenierten Offenheit gemahnt der Bundeshaus-Korrespondent der Basler Zeitung aber erst recht an den notorischen Kampagnenjournalismus der BaZ. So werden wir zu Zuschauern, „die so dumm sind und glauben, sie könnten etwas verstehen, nicht dadurch, dass sie sich dessen bedienen, was man ihnen verheimlicht, sondern indem sie das glauben, was man ihnen enthüllt.“ (2)

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Banalisieren

Medien erzeugen (Pseudo-) Ereignisse. Damit ist die vierte Gewalt weitgehend handzahm geworden. Schlimmer noch: verwirrend. Macht nichts. Dasselbe Spiel treiben auch diejenigen, denen Medienschaffende auf die Finger schauen sollten. Besonders die Politik lebt von der Inszenierung. Besonders ausgeprägt: die SVP. Eine Partei, die sich überwiegend auf Symbolpolitik beschränkt, jongliert auch in der Selbstinszenierung ganz und gar freihändig mit Symbolen. Geldwäscherei, Medienfreiheit, Vergewaltigungsverdacht – alles banalisiert. Die meisten Beobachter interpretieren diesen Nihilismus fälschlicherweise als Ironie und winden der SVP ein Kränzchen für ihren Wahlspot.

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WeLLsvp

Reiner Zufall: Tänzerin mit Bronx88 Shirt vor Ganovenkolonne

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Das Gewurschtel mit Symbolen ist maximal wirkungsvoll und befreit erst noch von jeder Verantwortung. Ein Journalist, der auf die Bedeutung der Zahl 88 in der Naziszene aufmerksam macht, wird sogleich abgekanzelt: „Auf so einen Schwachsinn kann nur der vorbestrafte […] kommen. Vollkommen absurd – und boshaft.“ Boshaft? Wahrlich. Bloss falsch lokalisiert. Die Provokation mit der prominent in Szene gesetzten Tänzerin in ihrem Bronx88-Shirt hat jedenfalls gezündet. Das Video geht medial durch die Decke und die Beteiligten können Kritiker erst noch als Deppen hinstellen.

Das audiovisuelle Potpourri der Nationalräte ist ein Defilee der Bos- und Dumpfheit. Jeglicher Verstand eliminiert zugunsten von Gefühl – klassische Verführungskunst. Der Kreis schliesst sich. Die Mannen und Frauen richten ihre Sonnenbrillen, die Medien frohlocken und das Volk tanzt nach vorgegebener Choreographie. Bild dir deine Meinung? Nein! Das bildest du dir bloss ein…!

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(1) „Die Debatte im Nationalrat ist tot“ von Ronnie Grob nachbern.ch: 

(2) aus „Die Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord

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