Den inneren Schweinehund überwinden. Sich keine Blösse geben. In der Selbstermächtigung zeigt sich der Wille zur Macht. Der innere Schweinehund ist die (zugegeben blöde) Metapher für den Gegner, der die Selbstoptimierung korrumpiert. Ihm zu erliegen gilt vielen als Schmach. Der eigene Körper als Kampfzone widerstrebender Kräfte. Solch widerstrebende Kräfte gibt’s auch in der Gesellschaft.

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Avatare mysteriös funkelnder, gehässiger, besorgter BürgerInnen

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Die im Gesellschaftskörper rumorenden inneren Schweinehunde verstehen sich in Umkehrung des Prinzips jedoch als Helden. Es sind die Horden derer, die sich den gemeinsamen Werten widersetzen – Schweinehundegebell bis zur ausbrechenden Revolte: „In Wirklichkeit hat der Bürgerkrieg längst in den Metropolen Einzug gehalten. Seine Metastasen gehören zum Alltag der grossen Städte (…) auch in Paris und Berlin, in Detroit und Birmingham, in Mailand und Hamburg. Geführt wird er nicht nur von Terroristen und Geheimdiensten, Mafiosi und Skinheads, Drogengangs und Todesschwadronen, Neonazis und Schwarzen Sheriffs, sondern auch von unauffälligen Bürgern, die sich über Nacht in Hooligans, Brandstifter, Amokläufer und Serienkiller verwandeln.“(1).

Nicht die Flüchtlingswellen aus eindringenden Dschihadisten, den sogenannten Invasoren, sind Gefahr für unsere Komfortzonen, sondern die permanent Aufruhr, Angst und Unsicherheit verbreitenden Desperados. Sie schlummern in sozialen Netzwerken, einem virulenten Untergrund. „Der Bürgerkrieg kommt nicht von aussen, er ist kein eingeschleppter Virus, sondern ein endogener Prozess. Begonnen wird er stets von einer Minderheit; wahrscheinlich genügt es, wenn jeder Hundertste ihn will, um ein zivilisiertes Zusammenleben unmöglich zu machen.“(1)

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Schauhin und Mundauf – Emblematik besorgt-klaustrophobischer Bürgerinnen

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Die Angst vor Fremden, dem eigenen sozialen Abstieg oder säbelnden Islamisten stört die Lethargie. Die Ökonomie der Seelen kriselt. „Menschen sind Gewohnheitstiere, und der innere Schweinehund ist ein Schisshase“, erklärt Sportpsychologe Christian Heiss. Der Schweinehund macht also nur Ärger, wenn sich etwas ändern soll.“(2) Das Fremde kommt unweigerlich näher. Nun gälte es womöglich, die Komfortzone zu verlassen, die eigenen Werte einem Belastungstest zu unterziehen. Wo jedoch schon Nächstenliebe schwerfällt, ist auch Fremdenhass naheliegend. Der Übergang zwischen Selbstzerstörung und Zerstörung verschwimmt. 

Nicht, dass wir uns falsch verstehen – Menschen mit ihren realen Ängsten, Sorgen und Nöten sind keine Schweinehunde. Auch keine Metaphern. Ich störe mich lediglich an der Systematik, mit der einige Medien, Politikerinnen und Socialmedia-Accounts die Anstrengungen der Gesellschaft unterwandern. Mit ihren Gewalt- und Unruheszenarien erzeugen sie den andauernden Ausnahmezustand. Das bindet Aufmerksamkeit, die offenbar wichtigste Ressource. Erst recht im Wahljahr. Diesen Akteuren geht es nicht darum, Probleme zu lösen, sondern Probleme auszulösen. Probleme, die uns verstört zurück aufs Sofa sinken lassen. Die inneren Schweinehunde obsiegen. Sie brechen die Widerstandskraft des Gesellschaftskörpers. Bis dass er resigniert zusammensackt.

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(1) aus „Versuche über den Unfrieden“ von Hans Magnus Enzensberger

(2) aus „Körperutopien“ von Volker Caysa

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Empfehlung

Die Frage der Solidarität von Slavenka Drakulic

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