Abbildung: ein Glas Wasser. Köstliches Nass. Ein Schluck daraus stillt den Durst. Doch halt! Der Geruch verrät: es ist Salzwasser. Ungeniessbar. Wer nicht alle Sinne beisammen hat, verfällt der Täuschung. Auch auf den zweiten Blick ist nicht klar, ob das Wasser erquickt oder erstickt. Verführt zur Selbsttäuschung zeigen uns Bilder das, was wir sehen möchten.

Warum sollte das Wasser in einem Trinkglas ungeniessbar sein? Eben. Ein kleiner Trick, ein Kniff und wir sind überzeugt; das ist es! Momentan sind Bilder im Umlauf, die uns Lügengeschichten erzählen. Von Flüchtlingen, die Europa erobern, Heerscharen, die Dreck hinterlassen, unser Geld stehlen und uns die Freiheit rauben… Ja, sie werden uns die Kehlen durchschneiden.

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Debrecen

Ein Wort sagt mehr als 1000 Bilder

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Solche Bilder teilende Angstmacher geben vor, sie seien besorgt, sie hätten Angst. Gut möglich. Rassisten und Rechts-Gläubige wollen aber zuerst und vor allem belegen, welche Verkommenheit, kriminelle Energie und Gefahr von den Invasoren ausgeht. Die Angstmacher selbst scheuen dabei nicht vor krimineller Energie zurück. Bilder sind gefälscht, verfremdet oder mit erfundenen Kommentaren umgedeutet.

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Nachbar

Schwindeltweets: kein IS-Kämpfer – ein Rebellenoffizier, der den IS bekämpfte

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Sie zelebrieren ein antipodisches Verhalten zur (staatlich) proklamierten Willkommenskultur. Die Angstmacher übersetzen ihre notorische Fremdenfeindlichkeit in massive Abweisungsgesten. Insbesondere Muslimen gilt die Abscheu. Angesichts Zäune einreissender, Autobahnen blockierender oder Grenzübergänge stürmender Flüchtlinge wird man ja wohl noch sagen dürfen, dass „Invasoren, samt Brut, mit Sack und Pack (…) die endgültige Vertreibung oder Vernichtung der deutschen Bevölkerung“ [vorantreiben]  – „Ich stelle fest, weil ich es sehe!“  (Original-Tweets). Die Bilder sprechen doch für sich. Eben nicht!

Die Asylkrise ist zuerst eine Einheimischenkrise. So geraten Einheimische aneinander, ohne je mit Fremden Kontakt zu haben.

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litter

Beweismittel wofür? Verkehrsmittel nach Flüchtlingstransport und nach Fussballfantransport (1)

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Ohne die Distanz zwischen Einheimischen und Zuwanderern liesse sich der Zwist kaum ankurbeln. Wo wir Informationen nicht mit eigenen Erfahrungen abgleichen können, lassen wir uns um so eher einen Bären aufbinden. Und wo sich eine bestimmte, medial vermittelte Erfahrung etabliert hat – beispielsweise getragen von aggressiven Affekten – sind wir auch schon prädisponiert – beispielsweise für Fremdenfeindlichkeit.

Unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt erreichen emotional angereicherte Ereignisse eine hohe Glaubwürdigkeit und Akzeptanz. Urteile folgen nicht auf Bilder – Bilder folgen auf Vorurteile. Die Meinungen sind gemacht, das Stigma mit aller Intensität eingebrannt. Sozialen Netzwerken und deren Schwarmimpertinenz sei’s gedankt.

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Waffen

Vermeintliche Drohung: nicht jedes Kind mit Kanone ist ein Killer – spielerische Abstraktion und Aneignung von Gewalterfahrung

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Über Jahrzehnte integrierte unsere Gesellschaft ImmigrantInnen. Ausschliessungstendenzen zeigten sich sehr wohl. Überfremdungs-Kampagnen wurden bei Kontraktionen der Flüchtlingsbewegungen hochgefahren. Zuverlässig wechselte der Fokus rechter Parteien von den einheimischen Sozialhilfeempfängern zu den zugewanderten Bedürftigen. Die zyklische Neubesetzung der Parasitenrolle ist ein gefundenes Fressen für Politshow-Dramaturgen.

Integration lässt sich weder von Einwanderern noch von Einheimischen erzwingen. Es steht uns aber frei, sie zu unterstützen oder zu blockieren. Pflegen wir gegenseitig Rücksichtnahme und Wohlwollen, fördern wir auch Loyalität und Solidarität. Wer Furcht und Unbehagen verstärkt, kultiviert die Kluft zwischen Integrationswilligen und Abweisenden. Die Gesellschaft wird affektiv eingestimmt: Ängste sind ein Merkmal von Krisenzeiten. Die Frage ist nun, ob Politik aufklärt oder die Ängste verstärkt. Anstatt die ­Widersprüche des Nationalismus aufzuzeigen, schreien Bürgerliche und Sozialdemokraten mit den Nationalisten um die Wette, weil sie glauben, ihre Wähler wollen das. So werden sie, in Konkurrenz zu den Idioten, deren Lautsprecher“, sagt Robert Menasse.

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HundeMann

Inszenierte Geschlechterrollen: „Statt der experimentellen Neurose die experimentelle Analyse“ (Peter Weibel) (2)

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Unsichere Menschen reagieren zurückhaltend, ja skeptisch auf alles Fremde. Die von den Angstmachern medial vermittelten, negativen Affektive sabotieren die sowieso schon fragile Akzeptanz zusätzlich. 

Die Konsequenzen solcher Sabotageakte sind unermesslich. Die unerwünschten Folgen ausgeprägter Migrationsbewegungen – Desintegration, Parallelgesellschaften, Diaspora – sind nicht mehr zu kontrollieren. Die Absorptionsrate, also die erfolgreiche Assimilation Eingewanderter und deren Verschmelzung mit der Aufnahmegesellschaft nimmt ab. Folglich nimmt die Migrationsrate zu. Assimilation ist kaum mehr möglich. Damit ist die soziale und wirtschaftliche Abweisung vollzogen.

Jede missglückte Integration bedeutet – in diesem Sinne – einen desintegrierten Flüchtling mehr. Mit ihrem Verhalten verschärfen die Fremdenfeinde die von ihnen als so besorgniserregend wahrgenommen Problematik. Die Einheimischen haben ihre Pole-Position versifft. Den Trugbildern der Saboteure verfallend, versagen wir zunehmend. An den Flüchtlingen liegt das nicht.

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(1) Die Bahn zeigt Verwüstung durch Braunschweiger Fussball-Fans (n-tv)

(2) Valie Export, Peter Weibel – Aus der Mappe der Hundigkeit

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