246 Kandidatinnen und Kandidaten haben es geschafft. Mehr oder weniger talentiert trugen sie ihre Liedchen vor. Altbekanntes wurde aufgefrischt, Überraschungen oder gar Gehaltvolles gab es nicht. Immerhin spielte die Band solide. Fertig gebattled fragt sich, was uns die Bettelei um Stimmen brachte? Was bleibt vom Parlaments-Casting 2.015?

1 Stoffhund, 1 schwerverletzte Rollerfahrerin, 1 Heil Hitler Verweis, 2 lausige Alpendisco-Schnulzen und dummdreiste KO-Tropfen Parodien. Sonst noch was? Kaum. Es war ein Wahlkampf mit viel Geplapper im RTL2- oder TeleZüri-Jargon. Die Positionen sind offenbar betoniert. Um nichts anderes geht es. Aktuelle Herausforderungen wie die Franken-Schwäche, Flüchtlingsthemen, die Sicherung der Sozialwerke? Pustekuchen. Wird schon werden. Hauptsache Haltung. Selbst die sonst so angriffig-provozierende SVP begnügt sich mit bunten Klamauk-Filmchen. Deren Wahlplakate bleiben ebenfalls seltsam leer, ohne Inhalt. Frei bleiben! Und nichtssagend.

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Mit dem Zerstörungspotential wächst der Eskapismus

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Ok, Parlamentswahlen sind Personalwahlen. Da „gilt der Leitsatz all news are views, damit man über die kritische Schwelle der Aufmerksamkeit kommt. Sichtbar wird, wer starke Bilder hat. (…) Wer nicht übertreibt, ist uninteressant,“ findet David Schärer. Dass er den Inszenierungen im Wahlkampf etwas abgewinnen kann, leuchtet ein. Als Werber ist er Verkäufer. Fragt sich bloss; was bleibt da übrig von der Politik? Woran sollen wir uns orientieren, wenn nur noch Übertreibung Anklang findet? Was ist bare Münze? Ist die Politik nun auch vollends eingeschlossen in unkontrollierbar wuchernden Blasengebilden?

Was ist von einem Diskurs zu halten, indem jegliches Argument sogleich unter dem Aspekt der Aufmerksamkeitsökonomie verlacht wird? Ist, wer nicht mit Ganovenbrille zum Beat wippt, wer nicht andauernd über seine politischen GegnerInnen herzieht oder nicht nur Pseudo-Ereignisse produziert automatisch ein Zeitgeistschwänzer (Schärer) und wenn ja, was soll daran verkehrt sein? Ist es nicht ratsam, Nahrungsmittel nach Geschmack und Verbrauchsgegenstände nach deren Nutzen auszuwählen, anstatt nach greller Farbe oder leuchtender Verpackung?

Mir scheint, David Schärers Votum ist eine Bankrotterklärung. Wir amüsieren uns zu Tode. Das macht mehr Spass, als mitzudenken oder gar mitzustreiten

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Posing fürs Bild statt Positionen bilden

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Produkte – auch politische – unterscheiden sich wesentlich durch die Art ihrer Präsentation,  durchs Branding. Die Erwartungshaltung einer Zielgruppe ist günstiger zu bedienen, indem ein Unternehmen eine verheissungsvolle Verpackung entwickelt und damit ein schlechtes Produkt 10’000 Mal verkauft, als ein gutes Produkt aufwendig 10’000 Mal herzustellen. Vor allem lässt sich dadurch die Erwartungshaltung gezielt beeinflussen. Verpackungen vergegenständlichen an sich schwer verständliche Produkte, wie es politische Parteien eben sind. Das bedeutet unter anderem, „dass die Photographie die Welt als Gegenstand präsentiert, während die Sprache sie als Idee präsentiert. Denn noch das einfachste Benennen eines Dinges ist ein Denkakt.“ (1) Statt auf den Packungsaufdruck LINKS, SOZIAL, RECHTS oder BÜRGERLICH zu achten, könnten wir Wahlentscheidungen treffen, indem wir uns die Frage stellen: Welche Partei fördert Denkakte oder – immerhin – blockiert sie nicht? Wo sind sie unerwünscht?

In Wahlkampfphasen leistet sich keine Partei verständigungsorientierte Kommunikation. Die Schundfabrikation setzt auf schwerfällige Inszenierungen des Zerstreuungsdenkens: „Provokation, Infiltrierungen, sowie diverse Formen der Eliminierung authentischer Kritik zugunsten einer falschen, die eigens zu diesem Zweck erstellt werden mochte.“ (2) In Perfektion: Markus Somm oder Roger Köppel. Mit Artikeln in parteinahen Publikationen (insbesondere auch sozialen Medien) oder Forumszeitungen ergänzen Akteure die plakativen Kampagnen der Parteien. Ein gigantisches Sprachbilder-Wirrwarr in betörend rauschendem Soundbrei.

„Ideale werden durch Images, Hoffnungen, Muster ohne Wert abgelöst. Wir laufen Gefahr, das erste Volk in der Geschichte zu sein, das dazu fähig ist, seine Illusionen so lebendig, so überzeugend, so realistisch zu gestalten, dass es in Illusionen leben kann (…) Und doch wagen wir es nicht, diese Illusionen zu zerstören, weil sie das Haus sind, in dem wir leben; sie sind unsere news, unsere Helden, unsere Abenteuer, die Formen unserer Kunst, sogar unsere Erlebnisse„, schrieb Daniel Boorstin 1964. (3) Vielleicht ist es das, was David Schärer 51 Jahre später in der NZZ so formuliert: „Die Inszenierung vermittelt Botschaften attraktiv und erleichtert damit den Zugang zur Politik. Eine lebendige Debatte ist der Schweiz zu wünschen.“

Ich fürchte, auch nach der einen oder anderen Fight Night, ein paar kräftigen Kopfnüssen oder unentwegtem Buzzergedröhn erwachen die wenigsten aus ihrem Delirium.

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(1) aus „Wir amüsieren uns zu Tode“ von Neil Postman

(2) aus „Die Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord

(3) aus „Das Image“ von Daniel J. Boorstin

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