In Zeiten von Twitter, TalkTäglich oder Gratis-Zeitung gilt schon als intellektuell, wer sein Repertoire an Textbausteinen eloquent vermarkten kann. Hinter der Beredsamkeit verbirgt sich bei genauerem Hinsehen nicht viel mehr als eine unablässige Schundfabrikation. Den Überredungstextern ist nicht so wichtig, was sie enthüllen, als viel mehr, was sie uns verheimlichen. Beispiele gefällig?

Von Markus Somm oder Domink Feusi (beide Basler Zeitung) habe ich schon berichtet. Eine wahrlich unerschöpfliche Quelle ist Roger Köppel mit seinen Mannen und ihrer Mission. Ich kann es nicht belegen – aber gefühlt enthüllt jede Woche irgendjemand in der Weltwoche, was diesmal Roger Köppel obliegt: Wie unverschämt die Kollegen des Staatsfern­sehens an den Fakten herumschrauben, bis der gewünschte Eindruck entsteht, ist eindrücklich.“

Das von ihm in der Diskussionssendung SRFArena aufgespürte Corpus Delicti beschreibt er so: „In einem Sendeabschnitt widmete sich Projer den bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU. Die Regie zeigte eine Grafik mit zwei Quadraten, einem kleinen und einem grossen. Das kleine war die Schweiz, das grosse die EU. Zwischen den beiden Quadraten tauchte eine Brücke auf. Das waren die bilate­ralen Beziehungen. Dann senkte sich wie in ­einem Monty-Python-Film von oben ein grosser Quader auf die Brücke. Das war die von Volk und Ständen angenommene Masseneinwanderungsinitiative, abgekürzt MEI. Dem durchschnittlichen Zuschauer musste sich der Eindruck aufdrängen, die MEI könne die schmale Brücke zwischen der Schweiz und Europa wenn nicht zertrümmern, so doch ernsthaft versperren und blockieren. Angstmacherei vom Plumpsten.

Der Chefredaktor TV von SRF, Tristan Brenn, verlinkt darauf den beanstandeten Ausschnitt. Wir können bei 1:01:10 überprüfen, was uns Roger Köppel vorenthält. Seine nüchterne Beschreibung der Animation ist korrekt, bis Köppel in die Trickkiste greift und den Vergleich mit Monty-Python Filmen bemüht:

.MEItons

Grössenvergleich: MEI-Element in der SRF-Animation und 16 Tons bei Monty Python

 

Mit dem Verweis auf Monty-Python suggeriert Köppel, SRF verfälsche die Darstellung surreal und wolle damit dem Publikum Angst einjagen. Er unterschlägt, dass die Masseneinwanderungsinitiative nicht umgesetzt werden kann, ohne die „bilateralen Abkommen“ mit der Europäischen Union zu tangieren. Schon während der Abstimmungsphase war dies eines der am intensivsten diskutierten Argumente. Das ist bis heute so geblieben

Noch gravierender aber wirkt, dass Köppel das Ende der Animation ausblendet. Da fragt nämlich die Kommentarstimme: „sind damit auch die Bilateralen am Ende?“ Wir haben es hier mit einem Erklärstück zu tun, das nicht „Eindruck aufdrängen“ (Köppel) will, sondern nüchtern zur Fragestellung hinführt, die nach wie vor am drängendsten ist (und die die SVP mit ihrer Durchsetzungsinitiative zu beeinflussen versucht). Wenn der von Köppel stipulierte Eindruck entstanden wäre, so ist dieser hier in Frage gestellt und wird in der Folge von den Gästen im Studio ausführlich diskutiert.

Wir stellen also fest: Es ist eindrücklich, wie unverschämt Köppel an den Fakten herumschraubt, bis der gewünschte Eindruck entsteht. Eine ununterbrochene Anstrengung, wie auch der zweite Link offenbart – Köppels Editorial der Vorwoche. Schliesslich beschäftigt die in der SRF Arena erörterte Frage auch ihn und sein Publikum: „Die Schweiz hat 283 Verträge mit der Euro­päischen Union. Schlimmstenfalls sechs davon sind bedroht, wenn die EU aufgrund der Masseneinwanderungsinitiative die Bilateralen I kündigt.“

In einem langen, langen Text… einem ganz langen Text reiht er Fakten an Fakten: „Die angeblich segensreiche Wirkung der ­Bilateralen wird ideologisch übertrieben. Seit Einführung der Personenfreizügigkeit 2007 bleibt das Bruttoinlandprodukt pro Kopf wachstumsfrei konstant. 2008 betrug es 77 783 Franken, 2009 75 501 Franken, derzeit liegen wir bei 78 539 Franken.“

Auch hier ist weniger wichtig, was Roger Köppel enthüllt. Wichtig ist, was Roger Köppel unterschlägt. Beispielsweise den Vergleich mit anderen Staaten oder die Auswirkungen der Bankenkrise von 2008 auf das Bruttoinlandsprodukt:

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secobip

BIP-Entwicklung nach o-mag (Quellen: ECO, Eurostat, BEA, Cabinet Office)

 

Traue keiner Grafik, die du nicht selber gefälscht hast – dann eben so:

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bip_wachstum_eu_schweiz

Mit der Pesonenfreizügigkeit ab 2002 wächst auch das BIP wieder (Grafik von hier)

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Gemäss Roger Köppel wurde die Personenfreizügigkeit 2007 eingeführt. Das ist zwar falsch – das Abkommen ist seit dem 1. Juni 2002 in Kraft – passt aber besser zu seinen Zahlen und der Stagnation des BIP. Die hat wenig mit der PFZ zu tun, viel aber mit der Wirtschaftskrise. Je mehr ich Köppel et al. lese, desto klarer wird: „…diese Informationen [taugen] einzig zum besseren Gutheissen der Herrschaft, nie aber, um sie wirklich zu verstehen. Sie bilden das Privilegium der 1.Klasse-Zuschauer: jener, die so dumm sind und glauben, sie könnten etwas verstehen, nicht etwa dadurch, dass sie sich dessen bedienen, was man ihnen verheimlicht, sondern indem sie glauben, was man ihnen enthüllt.“ (1)

Bin schon ganz kirre vor lauter langen Texten. Mir langt’s an diesem Punkt. Ach nein. Schon wieder einer aufgepoppt…

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Zugabe – lange Texte im Internet

Lukas Bärfuss hat für die FAZ einen langen, langen Text… einen ganz langen Text verfasst. Immerhin enthält dieser Fakten, die nachweislich korrekt sind. Schriftstellerkollege Pedro Lenz ist alarmiert: „Ich warne dich vor der Rache derer, die Du herausforderst.“ Die Häme ergiesst sich denn auch sogleich über Bärfuss bis hin zur (kaum) verklausulierten Drohung. lm Netz hebt die Kuh aber erst so richtig ab. Es geht um nicht weniger als die geistige Landesverteidigung im 21. Jahrhundert. Für die gegenseitige Verständigung ist es da zu spät. Die verbalen Geschosse zielen voll auf den Mann.

Nebst zahlreichen anderen, haarsträubenden Bezügen strapaziert Autor Lukas Casutt in seinem offenen Brief („Hören Sie doch auf, sich lächerlich zu machen“) auch Vergleiche zum Iran oder Irak. Angesichts dessen sei der Schweiz nicht zu attestieren, sie sei des Wahnsinns. Bärfuss erliege einem „pubertären Fehlschluss“, wenn er die Schweiz als durch und durch schlecht und böse und gemein“ wahrnehme. Das hat zwar wenig mit Bärfuss Text zu tun, spielt aber keine Rolle. Die eigene Befindlichkeit aufgrund äusserer Reize herauszuhauen bedient einerseits aggressive Impulse und belustigt andererseits das Publikum mehr als jede auch nur halbwegs vernünftige Reflexion. Bärfuss Text dient hier nur noch als Fundgrube für Stichworte, an denen der Autor die eigenen Ressentiments eloquent abarbeitet. Das ist Kriegsführung (äh Landesverteidigung) nach guter alter Whataboutism-Manier: auf Kritik folgt sogleich Gegenkritik. So schützt sich einer, der sich nicht mit dem eigenen (Fehl-) Verhalten auseinandersetzen mag. Er findet sich damit in immer breiterer Gesellschaft.

„Die Vernunft hierzulande ist nicht tot, sie schläft einfach sehr, sehr tief. Es wäre an der Zeit, sich zu regen und den Monstern zu trotzen, die ihre Ruhe gebiert“, schreibt Lukas Bärfuss am Schluss. Anstatt sich an Reizwörtern wundzukratzen, könnte es sich lohnen, etwas länger über diese zwei Sätze nachzudenken.

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Anmerkung vom 17.10.2015

Am Tag danach druckt die Schweiz Land auf Land ab die Abwehrreaktionen auf Bärfuss‘ Text. Hinzufügen würde ich; es kam, wie es kommen musste. Die inhaltliche Kritik bleibt marginal oder bleibt fast völlig aus. Umso mehr zielen die Schreibenden direkt auf den Nestbeschmutzer. Besonders umfassend (nicht verwunderlich) in der Basler Zeitung, gleich zweimal in der Neuen Zürcher Zeitung – weitere Zeugnisse dafür, dass Bärfuss ins Schwarze traf, sind zuhauf zu finden…

Der Kreis schliesst sich mit der selbstverliebten Schwindelreplik von Roger Köppel in der FAZ.

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(1) aus „Die Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord

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