Die Schweiz ist des Wahnsinns – so der Befund eines Schweizer Schriftstellers. Und das drei Tage vor den Parlamentswahlen. In einer deutschen Zeitung! Phuu. Der als Warnruf deklarierte Rundumschlag fährt ein. Die Reaktionen auf Lukas Bärfuss‘ Text offenbaren, was die Schweiz auch ist: intellektuelles Ödland.

Zumindest in der medialen Öffentlichkeit. Oliver Zimmer mutmasst in der NZZ von Bärfuss‘ Leiden und Schadenfreude und wirft ihm ohne nachvollziehbare Begründung die Diffamierung des erklärten Gegners im Gestus der Toleranz“ vor. Ebenfalls in der NZZ fragt sich Roman Bucheli: „Was treibt Lukas Bärfuss an, den man bisher für klug und literarisch gebildet halten mochte„? Gerade mal in einem (Halb-) Satz bezieht sich Bucheli auf Bärfuss‘ Text, um ihm gänzlich ungerührt „eine Verachtung, die sich keck mit Ignoranz und Präpotenz paart“ zu unterstellen. Auch in der Basler Zeitung beschränken sich die Autoren auf die Demontage des Schriftstellers: „Es war ein ironiefreier Gottesdienst (…) mit einem rhetorisch geschulten Pfarrer.“ Nur einen Hauch gehaltvoller äussert sich unser Intellektuellen-Exportschlager Roger Köppel, gezielt platzierte Messerstiche inklusive – wie immer: „Moralischer Dünkel füllt die Hohlräume des Denkens. Beleidigungen ersetzen Argumente.“

Köppel schafft es auch hier, die Realitäten ganz seinem Aussagewunsch unterzuordnen. Die Widersprüche des Dauerschreibers übersieht man da gern:

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Wachstumsfrei oder dritthöchstes Wirtschaftswachstum? Einmal so, einmal so. Die Köppelmaschine verarbeitet Fakten – wie immer gemäss Auftrag

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Doch das nur nebenbei. Wer mich am meisten empört – nebst BlocherTV Stichwortgeber Matthias Ackeret – ist René Scheu. Der designierte Feuilleton-Chef der NZZ eröffnet eine einzige Tirade voller Mutmassungen: „Sie haben sich darin trainiert, unerbittlich gegen sich selbst zu sein.“ Daraus schliesst er: Damit haben Sie verlernt, wie ein Mensch zu agieren. So verschnörkelt sich Scheu gebärdet; entwaffnender hätte er Bärfuss‘ Kritik nicht bestätigen können. Dieser rückt René Scheu nämlich in die Nähe faschistischen Gedankengutes. Ist ein Schuft, wer Scheu unterstellt, er nenne hier Lukas Bärfuss entartet…?

Der Angriffsflächen wären einige in Bärfuss‘ Text. Offensichtlich will oder kann sich daran aber niemand die Zähne ausbeissen. Auch hier scheint sich Bärfuss‘ Befund zu bestätigen: „Einer solchen Aufgabe scheinen die schweizerischen Medienhäuser zurzeit nicht gewachsen zu sein. Man begnügt sich mit den notorischen Lügen der Beteiligten.“ Auflagenschwund, Relevanzverlust, Käuflichkeit? Ausnahmslos alle foutieren sich um den Vorwurf käuflicher Medien. Da hat einer in die sowieso schon versalzene Suppe gespuckt. Umso heftiger das Gebell und der Beissreflex. 

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Bahn frei für rechte Meinungsmacher

Der oft freie Zugang zu Medieninhalten im Internet täuscht darüber hinweg, dass die schweizerische Medienlandschaft verödet. Die publizistische Vielfalt nimmt seit Jahren ab. Lokalblätter kooperieren bis hin zur Gleichschaltung, ebenso die überregionale Presse. Denselben Eindruck hinterlassen elektronische Medien. Die Eigenleistungen sind trotz Gebührenunterstützung dürftig, die Überlebenschancen ohne Subventionen gleich Null. Trotzdem kämpfen an allen Ecken und Enden Gruppierungen und Parlamentarierinnen für eine weitere Austrocknung der Geldquellen. Das nennt sich dann Aktion Medienfreiheit, entpuppt sich aber als Zwang, ohne Einnahmen sich selbst auszubeuten, den Bettel hinzuschmeissen oder sich andere Geldquellen zu erschliessen. Zum Beispiel internationale Medienkonzerne oder reiche Interessenvertreter.

So sind publizistische Traditionsmarken verschwunden oder klandestinen Gebilden einverleibt. Einst gewichtige Titel sind inhaltlich ausgebleicht (Tages Anzeiger etc. trotz Millionengewinnen) oder berechenbar und monoton (Weltwoche, Basler Zeitung) wie ein Tetrapack Milch vom Discounter. Dito Radio- und TV-Stationen. Doch der „Durchmarsch der Rechten hat erst begonnen,“ schreibt Lukas Bärfuss. Nächste Etappe; die Neue Zürcher Zeitung. Eine geheimnisvolle Aktionärsgruppe IG Freunde der NZZ zieht im Hintergrund die Strippen – nicht erst seit dem obskur anmutenden Austausch des Chefredaktors. Der neue Chef Eric Gujer gibt der Zeitung einen Drall, der sich immer klarer abzeichnet.

Im Leitartikel nach dem Wahlwochenende titelt Gujer Rückkehr zur Normalität und behauptet, „der Zuwachs der bürgerlichen Parteien [stelle] eine Rückkehr zur eidgenössischen Normalität dar.“ Nur Roger Köppel und Markus Somm – ich weiss, ich wiederhole mich – kommentieren sonst derart unbeeinträchtigt von der Realität… Eric Gujer aber holt mächtig auf.

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Rechtsdrift

Seit 30 Jahren ist es vorbei mit der Normalität – stetig steigender Wähleranteil der bürgerlichen Parteien, Verluste der Mitte-Parteien (1)

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Mit Aussagen wie „das Wischiwaschi-Zentrum, in dem sich höchst ungleiche Bettgenossen zusammengefunden haben“ oder die sozialdemokratische „Partei weiss nur im rechten Augenblick Kreide zu fressen,“ passt er sich dem polemischen Duktus der rechten Meinungsmacher an. Doch das nur nebenbei.

Die NZZ war gut 200 Jahre lang die Qualitäts-Zeitung der Schweiz. Nun verliert sie rapide an Gehalt und Qualität. Das wäre der alten Tante in rauen Zeiten nachzusehen, würde nicht auch noch das Vertrauen in sie zerrieben. So breitet sich die Einöde aus in der Medienlandschaft. Die Oasen des Wissens sind nicht mehr sicher. Das ist ganz im Sinne der grössten Partei der Schweiz, die nicht nur Antiintellektualismus betreibt, in dem sie – ganz populistischen Mustern folgend – Geisteswissenschaften, die Professörlis und überhaupt alle da oben verhöhnt. 

Am Ende dürfte auch noch die SRG bersten. Schon jetzt rütteln fast täglich orchestrierte Beschwerden und politische Attacken an der Schweizerische Rundfunkgesellschaft. Die soeben veröffentlichten Kosten für Sendungen von Fernsehen SRF werden die Tendenz nur noch verstärken. Die Journalistinnen und Journalisten scheinen verunsichert. Wenn letztlich auch noch diese Informationsquellen versiegen, ist der Feldzug der Rechten geglückt. So wie in Italien oder Amerika. Doch das nur nebenbei.

Augen und Ohren der Gesellschaft sind verklebt mit massenhaft Belanglosem oder von (Polit-) PR-Spezialisten Zurechtgestyltem. Wenn die lästigen Einwände und deren Urheber nur noch von Ferne oder in ihren prekären Nischen vernehmbar sind, dann kann die Rechte ungebremst indoktrinieren – wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

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(1) WählerInnenanteil in Prozent – Rechte Parteien mit SVP, FDP, SD, Lega, EDU, GLP – Mitteparteien mit CVP, LdU, BDP, EVP – Linke Parteien mit SP, Grüne, POCH, PdA… Trotz aller Unschärfe mit deutlicher Aussage.

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