Das Schweizer Fernsehen lässt sich in die Geldbörse schauen. Es ist, als ob die Armee veröffentlichen würde, was sie für’s Kerosin der Trainingsflieger ausgibt. Es ist, wie wenn die Schweizer Bundesbahnen die Kosten für die Reinigung der 1. Klasse Abteile ihrer Interregio-Züge deklarierte. Der sowieso schon grassierenden Polemik gibt das zusätzlichen Auftrieb. Und zwar nicht zu knapp. Die Privaten könnten das genauso gut, heisst es. Bloss billiger! Wirklich?

Der TeleZüri Moderator Oliver Steffen twittert: „Selbst die günstigsten SRF-Sendungen sind 3- bis 4mal teurer als vergleichbare TeleZüri-Sendungen und erreichen etwa gleich viele Zuschauer.“ Was private Stationen schon produzieren, sollen gebührenfinanzierte Sender nicht auch noch anbieten. Das verzerre den Markt und schränke die Medienfreiheit ein. Der TeleZüri-Chefredaktor Markus Gilli meint im Interview: „Unser vollständig privat finanzierter Sender TeleZüri produziert „Lifestyle“ – die Formatfarbe existiert also bereits in der Schweizer TV-Landschaft. „Glanz & Gloria“ schafft hier unnötig staatlich finanzierte Konkurrenz.“ 

Vollständig privat finanziert – das klingt gut. Irgendwer bezahlt und alle dürfen gratis mitschauen. Aber: wer bezahlt da eigentlich? Und vor allem: wie? Werbeblöcke dürfen bis maximal 12 Minuten pro Stunde dauern. Sender ohne Konzession wie TeleZüri dürfen werben, so lange sie wollen. Wer die Programme im Internet anschaut, wird penetrant von Werbung drangsaliert. Am Anfang und Ende jedes Clips – und sei es eine 20 Sekunden-Nachricht – tingelt derselbe Spot. Eine Tortur.

Noch schlimmer aber sind die mehr oder minder versteckten Werbebotschaften. Die Sendung Lifestyle ist voll davon und eigentlich eine Dauerwerbesendung, würde die Moderatorin nicht zwischendurch mit bekannten Persönlichkeiten plaudern. In einer Rubrik dürfen sich ZuschauerInnen schminken und einkleiden lassen – natürlich beim Sponsor der Sendung. Alternativ gibt es ein neues Wohnzimmer. Im Beitrag rollt der Möbelcamion eines weiteren Sponsors langsam durch das Bild. Diese Rubriken sind streng schematisiert, bis hin zum in die Kamera gesprochenen Dankeschön der Protagonisten für den irre lässigen Tag.

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livteil

Jelmoli, Range Rover, Möbel Hubacher… Lifestyle ist abhängig von Produkten

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In meiner Stichprobe – Lifestyle vom 16.10.2015 – füllt die Redaktion gut die Hälfte der Sendung mit Publireportagen. Die Woche davor begrüsst die Moderatorin den Sänger Baschi so: Früher kam er mit der kleinen Kiste daher, heute mit dem schicken Range Rover…“ Das ist journalistisch weder zwingend noch irgendwie aufschlussreich. Immerhin kann der Mann nun mit seinem gesponserten Auto vorfahren. Im weiteren Verlauf plaudert er auch noch etwas über seinen Fahrstil und zeigt das Wageninnere. So funktioniert heute Produktplatzierung und so wirken diese Produkte auf den Inhalt einer Sendung.

Lifestyle ist im Gegensatz zu Glanz & Gloria – also der unnötigen, staatlich finanzierten Konkurrenz (M. Gilli) – ganz personenfixiert. Die Moderatorin spricht in rund zwei- bis dreiminütigen Einstellungen mit dem Promi. Das spontane Fragen und Antworten kommt weitgehend ohne Recherche aus. Produktionstechnisch ist das so rudimentär wie ein Zusammenschnitt von Überwachungs-Bildern.

Wie sehr sich Lifestyle von Glanz&Gloria unterscheidet, zeigt das Spezial vom Oktoberfest in Zürich. Nebst Promiplaudereien gibt’s bei G&G auch noch Informationen über das Oktoberfest in München und atmosphärische Sequenzen, die etwas von der Sause in Zürich vermitteln. Warum Jürgen Drews da auftaucht, frage ich mich noch bei Lifestyle. Glanz&Gloria gibt die Antwort und zeigt kurz Drews Bühnenauftritt. Abgerundet ist die Sendung mit einem einigermassen vernünftigen Interview. Die Arbeitszeit der Lifestyle-Crew war zu dem Zeitpunkt wohl schon abgelaufen.

Glanz&Gloria informiert also über die prominente Figur hinaus und vermittelt etwas von dem, was diese tut. Der ereignisorientierte Aspekt fehlt bei Lifestyle völlig.

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Bezahlfernsehen

Irgendwer zahlt immer. Wer zahlt, befiehlt. Bei gebührenfinanzierten Sendern sind dies – im weitesten Sinn – die Gebührenzahler. Bei den Privaten – ganz direkt – die Werbekunden.

CheckUp ist das Gesundheitsmagazin von TeleZüri. In fast allen Beiträgen sind Hinweise auf Produkte oder Behandlungsmethoden versteckt. Hier ist nicht das Thema zentral, sondern das Produkt. Darum herum wird die Handlung inszeniert. Die Sendung zum Thema Schlaganfall beispielsweise ist eine Publireportage über das Stroke Center der Klinik Hirslanden – dem Hauptsponsor von CheckUp.

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Checkup

Auf Hirslanden-Kissen drapierte Patientin – Ärztin mit Behandlungsangebot

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Wer die einzelnen Beiträge anschaut, sollte sich ständig fragen: werde ich hier informiert oder beworben? Die Grenze ist kaum mehr zu ziehen. Vor der Kochsendung SwissDinner weist immerhin eine Schrifttafel darauf hin, dass wir mit Productplacement rechnen müssen. So steht denn ein Coca-Cola Schild hinter dem Herd und eine Petflasche derselben Brause neben der Salatvorspeise. Später gibt es Schweinsfilet. Eine Frau trinkt dazu Cola.

Die Nachrichtensendungen von TeleZüri sind gut formuliert und sauber gemacht. Warum aber informiert das Zürcher Lokalfernsehen über eine Vergewaltigung in Luzern oder einen Busunfall in Frankreich? Nach dem Bericht über einen Wohnungsbrand und von Jägern versehentlich abgeschossenen Büsis ist klar: gesendet wird, was berührt.

Den Büsi-Beitrag, das Bus-Unglück oder die Vergewaltigungsgeschichte bringt auch TeleM1, das Lokalfernsehen im Mittelland. Es gehört wie TeleZüri zum selben Medienkonzern. Sendungen wie SwissDiner, TalkTäglich oder Lifestyle laufen übrigens nicht nur bei TeleM1 sondern auch noch auf TeleBärn oder Tele Ostschweiz. Fast landesweit also dieselben Lowbudget-Sendungen. Nur die regionalen Sponsoren wechseln gelegentlich. Das ist Kostenoptimierung. Und das ist inhaltliche Verödung. Natürlich lässt sich so günstig produzieren. Fragt sich bloss, zu  welchem Preis? 

Mit dem Privatfernsehen verbreitet sich auch der Begriff Show inflationär. Mit diesem Zusatz wird jede noch so armselige Produktion geadelt. Zum Beispiel die Talk-Show. Das Glammer-Wording täuscht darüber hinweg, dass kaum ein Sendeformat billiger produziert ist.

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BundBWas für eine Show! Boser&Böser ausnahmsweise im Shoppingcenter – dem Hauptsponsor

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Kein Drehbuch, keine Recherche. Ein grobes Konzept genügt. Mehr als gute Allgemeinbildung – eigentlich Voraussetzung des Journalistenberufs – braucht es nicht, um durch die jeweils drei oder vier Themen der Sendung zu führen. Zu jedem Thema bekunden die Gäste während sechs bis acht Minuten ihre Positionen. Damit schlittern sie schön entlang der Oberfläche. Das ist weder für das Publikum, noch für die Redaktionen herausfordernd.

Ganz anders die Diskussionsendungen des Schweizer Fernsehens. Wer ein einstündiges Gespräch in Gang halten will, muss sich nicht nur gründlich in das Thema einarbeiten, sondern auch die Gäste und deren Geschichten kennen. Dahinter steckt viel Recherche. Dazu braucht es Personal und das kostet.

TeleZüri mache Sendungen – so Moderator Oliver Steffen – „die inhaltlich und in der Umsetzung ähnlich aufwändig sein könnten, es offensichtlich nicht sind.“ Nun wissen wir auch weshalb. Ich frage mich, weshalb Profis wie Markus Gilli oder Oliver Steffen das nicht auch wissen? Ich denke, sie wissen es sehr wohl…

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Nachtrag

TeleZüri News- und TalkTäglich-Moderator Oliver Steffen hält nichts von diesem Artikel. Er antwortet einem Kollegen auf Twitter: „dass du dich als SRF-Showchef und the-voice-of-switzerland-produzent über diesen privat-ist-schlecht-blog freust, erstaunt wenig.“ Auch Journalisten sehen nur das, was sie sehen wollen. Ignoranz und Abwehr auch bei seinem Kollegen Igor Zilincan. Er schreibt: „Wir berichten tatsächlich über Angebote von unseren Medien Partner (sic). Wir berichten aber ebenso über medizinische Behandlungen oder Angebote von öffentlichen Spitälern. Das soll genügen, um meine verfehlte Argumentation zu belegen. Fadenscheinig. Als ob ein Parfüm-Spot nichts gilt, bloss weil im selben Werbeblock ein weiterer Parfüm-Spot läuft.

Doch Halt! Nick Lüthi legt nach. „Der Ausverkauf läuft leider auch bei SRF.“ In seinem Artikel Alles für den Sponsor weist er darauf hin, wie Gadget Box mit microspot kooperiert. Das ist wirklich unverschämt. Ich bin zerknirscht. Genauso staune ich über einen verpatzten Kassensturz-Beitrag und den Moderator, der 4 Wochen vor den Parlamentswahlen eine kaum versteckte Wahlempfehlung ans Publikum abgibt. Journalismus braucht Hilfe.


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