Tagtäglich hinaus in die Welt. Ich beginne zugfahrend. Und mit Tageszeitung. Ich fahre durch die Landschaft. An Häusern und Menschen vorbei. Zuschauend. Isoliert im Zuginneren. Nicht da draussen. Mit der Zeitungslektüre verhält es sich genau so. Isoliert von der Welt ziehen die Ereignisse an mir vorbei. Papier oder Schiene geben vor, was ich zu sehen bekomme. Durch Fenster. Zur Welt. Immer schneller fährt der Zug – immer flüchtiger rauschen Botschaften an mir vorüber…

Abgebremst, wenn ich ein Buch lese. Zum Beispiel das Jahrbuch Qualität der Medien. Auf knapp 400 Seiten breiten Medienforscher der Universität Zürich aus, was Mediennutzer eigentlich längst ahnen: Softnews überwiegen, Vielfalt schwindet, Einordnung fehlt. Klingt harmlos, hat aber böse Folgen. Mediensoziologe Kurt Imhof formuliert dies im aktuellen Jahrbuch so: „Ohne diese drei Leistungen der Öffentlichkeit – die Forums-, die Legitimations- und Kontroll- sowie die Integrationsfunktion – ist keine Demokratie möglich, deren Bestand davon abhängt, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht immer, aber doch im Grossen und Ganzen davon ausgehen, dass sie die Mitautoren der Gesetze sind, denen sie sich selbst unterstellen. (1) 

Imhofs Crew stochert mit ihren Befunden seit Jahren in Journalistennestern. Pikiert stechen die Aufgescheuchten zurück. Beispielsweise Benedict Neff in der Basler Zeitung nach der Veröffentlichung des Jahrbuchs 2013: Die Geschichte der Öffentlichkeit nach Imhof zuhanden der Öffentlichkeit ist eine schaurige Verfallsgeschichte. In der Tendenz rücken wir noch hinter die Aufklärung zurück, in eine Zeit, in der kaum eine Kerze dem Verstand ein bisschen Licht gibt.“ So schreiben Verlagsgehilfen, deren Anspruch an die Relevanz noch schneller schwindet als die Auflage ihres Produktes. Oder beleidigte Leberwürste.

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IMG_7520Bildorientierte Gratispresse: Blondinen-Geheimnis, Liebes-K.o.,Werbung  

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Rechnen statt recherchieren

Mit dem ökonomischen Druck verschärfen sich die Arbeitsbedingungen in den Redaktionsräumen. Zwar schaufeln Grossverlage Millionengewinne aus ihren nicht-publizistischen Geschäftsfeldern wie dem Online-Handel oder Ticket-Service. Diese versickern jedoch in den Konten der Aktionäre und nicht in journalistischen Ressourcen. Mit Journalismus verdienen Verlage kaum mehr Geld. Die Nettowerbeerlöse der Tagespresse sind zwischen 2003 und 2014 um 41 Prozent gesunken. Auch, weil ein Teil davon sich die Gratispresse gutschreiben lässt. Am meisten profitiert der Online-Werbemarkt. Zwischen 2007 und 2014 verfünffacht sich das Werbevolumen beinah auf rund 850 Millionen Franken im letzten Jahr. Ein Drittel davon geht an Suchmaschinenwerbung. Die meisten Einnahmen bei der Onlinewerbung werden von branchenfremden Akteuren generiert (Facebook oder Google).“ (1)

Da auch die Zahlungsbereitschaft für Online-Abos gering ist, sacken den Verlegern die Einnahmen weg. Und dies nicht nur bei Print und Online. Auch die Bruttowerbeerlöse der öffentlichen und privaten Fernsehanbieter stagnieren seit Jahren mehr oder weniger. Die ausländischen TV-Werbefenster dagegen legen in den letzten zwölf Jahren nahezu um das Fünffache zu. Die Bruttowerbeerlöse steigen von 200 auf über 900 Millionen Franken. Kasse machen also nicht Schweizer Medienunternehmen mit ihren journalistischen Inhalten, sondern internationale Konzerne, die kaum eigene Inhalte anbieten. Eintüten statt einordnen lautet die Devise. Die Realität hat das Argument widerlegt, der Markt werde es dank Werbeeinnahmen und Pay-TV-Angeboten schon richten.

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Textorientierte Bezahlpresse: Machtkampf, Gotthardröhre, Elektromobil, Wetter, Werbung

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Akzeptanz statt Relevanz

Insbesondere das jüngere Publikum konsumiert Nachrichten über Social-Media-Kanäle und nicht mehr direkt über Newssites. In den USA kommen 63 Prozent der Befragten via Facebook oder Twitter an ihre Nachrichten heran. In Dänemark seien es 47 Prozent. „Die Nutzerinnen und Nutzer konsumieren weniger ein Medium induktiv «von vorne nach hinten«. Stattdessen dominiert in wachsendem Ausmass ein vorgegebenes, deduktives News-Nutzungsverhalten entlang eines stark eingeschränkten Themenrepertoires, das dadurch bestimmt ist, was Bezugspersonen im eigenen sozialen Netzwerk bevorzugen oder was viral gut läuft.“ (1) So bleiben einem unverhoffte Begegnungen oder Perspektivenwechsel erspart. Statt hin und wieder eine längere Erkundungsreise zu unternehmen, fahren diese Nutzerinnen mit der immer gleichen Buslinie im Kreis.

Das Publikum landet rein zufällig auf den Portalen der Verlage. Diese verlieren ihre Gatekeeperfunktion und werden damit abhängig von den Vermittlerfunktionen sozialer Medien. Teilen Jugendliche statt Funny Pics, Selfies oder Katzenvideos mal Nachrichten, so sind dies Softnews. Beiträge also, die vorzugsweise amüsant sind und gut unterhalten. Als Diskursbeiträge taugen die kaum. Wenn die referierten Positionen vorwiegend verlautbarenden, bekenntnishaften Charakter haben, begründungsfrei bleiben oder mit lediglich kargen, stereotypen und repetitiven Begründungsfloskeln versehen sind, bleibt der diskursive Gehalt marginal.“ (2) Zum Vollidioten ist es zwar noch ein Stück. Als reflektierender Staatsbürger fühle ich mich von solchen Produkten jedoch nicht mehr angesprochen. Nur als Konsument.

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Under Pressure: vor der Nachtwache von Rembrandt van Rjin

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Simultanität statt Kausalität

1500 Mal pro Woche greift der durchschnittliche Nutzer pro Woche zum Smartphone. Wir erfahren die Welt als Haufen von Teilchen und nicht mehr als Fluss von Ereignissen. Die Daumenfertigkeit verändert unser Gehirn.

Vor 30 Jahren beschrieb Vilém Flusser die Krise der Schrift. Der lineare Code der Schriftzeichen löse sich auf angesichts der Dominanz mathematischer Codes. Nun stünden wir jenseits der Schrift. In einer neuen Einbildung, in der wir uns zu üben hätten. Wir sind mittendrin in diesem Prozess: „Die okzidentale Kultur ist ein Diskurs, dessen wichtigste Informationen in einem alphanumerischen Code verschlüsselt sind, und dieser Code ist daran, von anders strukturierten Codes verdrängt zu werden. Falls die Hypothese zutreffen sollte, dann wäre in naher Zukunft mit einer tiefgreifenden Veränderung unserer Kultur zu rechnen. Die Veränderung wäre tiefgreifend, weil unser Denken, Fühlen, Wünschen und Handel, ja sogar unser Wahrnehmen und vorstellen ihn hohem Grad von der Struktur jenes Codes geformt wird, in welchem wir die Welt und uns selbst erfahren.“ (3)

Die Bilder sind uns nicht mehr Orientierung in der Welt. Es ist umgekehrt. Die Erfahrungen in der Welt dienen der Orientierung in den Bildern. Im Sekundentakt erreichen uns chaotische Er-Zählungen über die Dinge, so wie sie gar nicht sind. Zugrunde liegt die Gleichgültigkeit gegenüber der Welt, so wie sie ist. Nicht an relevante Informationen heranzukommen ist heute das Problem, sondern all die irrelevanten Informationen zu ignorieren. „Es könnte sein, dass wir ertrinken…, dass wir seelisch überwältigt werden, dass wir uns nicht den grossen bösen Manipulationen unterwerfen, sondern nichts anderem als irgendwelchen unwiderstehlichen Liedchen, Signalen und Einzellern. (4) Genau das erzählen die 400 Seiten des Jahrbuch Qualität der Medien.

…einst lehnte ich am heruntergeschobenen Zugfenster. Der Fahrtwind zupfte an den Haaren. Heute sind die Züge klimatisiert. Die Fenster versperrt. Auf der Heimfahrt falte ich die Zeitung zusammen. An einem unbekannten Ort steige ich aus. Zuhause. Auf der anderen Seite der Dorfstrasse glitzert das Meer. Als Mensch werde ich mich schlafen legen und als Käfer aufwachen. Mein Tablet ist ein schwarzes Loch. Die ganze Welt saugt es in sich auf. Auch mich.

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(1) aus „Qualität der Medien – Jahrbuch 2015“ Schwabe Verlag Basel

(2) aus „Der Sinn von Öffentlichkeit“ von Bernhard Peters

(3) aus „Krise der Linearität“ von Vilém Flusser

(4) Daniel Dennett zitiert in „Payback“ von Frank Schirrmacher

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