Am Freitag Abend klicke ich in die Talksendung des Schweizer Fernsehens. Second Screen. Rassisten haben offensichtlich den Hashtag #srfarena gekapert. Einer twittert: „Man sollte die Flüchtlinge auf 2000 müM über den Winter in Zelten unterbringen und ihnen das auch mitteilen.“ Moderator Jonas Projer interveniert: „Hashtags sind frei. Bei ethisch untragbaren Aussagen bitte ich Sie trotzdem: Nicht unter dem Topic . Danke.“ Kurz darauf treffen auf Twitter die ersten Nachrichten von islamistischen Terrorattacken in Paris ein.

Die Meldungen überschlagen sich. Jener, der Flüchtlinge auf dem Berg in Zelten überwintern lassen will, reicht stoisch die ständig steigenden Opferzahlen unter #srfarena nach. Ein Journalist vom Tages Anzeiger fragt, „wie wäre es mit unterbrechen [der Talksendung]? Jemand wütet; „In Paris ist der Teufel los! Und @SRF lässt nicht mal ein Newsband laufen!“ BBC und Euronews würden live Neuigkeiten bringen. Kaum sickert die Botschaft von Anschlägen durch, erwartet das Publikum auch schon eine Sondersendung. Einige BürgerInnen sind offenbar ständig in Alarmbereitschaft. Die Angstlust geht um

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„Um bestmöglich ihre Information zu verkaufen, haben Journalisten seit langem schon ihrer Aufgabe entsagt, die Gründe der Aktualität der Öffentlichkeit zu erklären… (1)

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Ich schalte Euronews ein. Die Nachrichtenlage ist da genauso dürr wie anderswo. Mehr, als im Newsticker auf srf.ch ist nicht zu erfahren. Über Kameraschwenks durch Paris Strassen und entlang von Polizeiabschrankungen höre ich die Kommentarstimme mutmassen und die wenigen, gesicherten Informationen ständig wiederholen. Der Sprecher verweist auf Charlie Hebdo, ergänzt mit nebulösen Verallgemeinerungen. Ein Sichtbarkeitswahn breitet sich aus, der Ungewissheit zu beseitigen vorgibt, sie stattdessen aber ständig neu entfacht.

Das Publikum glaubt Zeuge zu sein, degradiert sich aber selbst zu Schaulustigen, die aus sicherer Entfernung am unerklärlichen Geschehen partizipieren. Niemand stellt die Frage, was da eigentlich ausser blinkenden Lichtern, vorbeiziehenden Schatten und flatternden Absperrbändern zu sehen ist. Oder warum wir es Nach-richten nennen und nicht Vor-richten oder Sofort-richten. Solange irgendwas zu sehen ist, spielen solche Fragen keine Rolle. Die Bilder sind Beleg genug, DASS sich etwas ereignet (hat). Egal was. Das Grauen bleibt letztlich aber unermesslich, nur vorstellbar. „Am traumatischen Bild schlingen sich Realität und Phantasie auf unentwirrbare Weise ineinander.“ (2)

Die düsteren Nachtbilder, die nach Worten suchende Stimme, die unheimlichen Leerstellen in der Erzählung… so kreiert Euronews eine schauerliche Atmosphäre. Sie verstärkt die Identifikation mit den Opfern. Rasch ist von „allahu akbar“ Rufen die Rede. Das unbedingt Böse ist identifiziert – die Islamisten. Deshalb sind es fast ausschliesslich fremdenfeindliche, rassistische Menschen, die so vehement diese Bilder einfordern. Denn ihnen genügen sie als Zeugnis ihrer Prophezeiungen, als Beweis ihres Traumas.

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…daher die extreme Verletzlichkeit dieses unaufhörlich arbeitenden Fernsehens, das unter dem Zwang des Zeitdrucks nicht mehr überlegt und jeden Gedanken verbannt… (1)

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Der twitternde Moderator Jonas Projer verweist die aufgebrachte Timeline auf die Nachtausgabe der Tagesschau. Gut eine Stunde nach den ersten Meldungen erfahren wir in einer kurzen Zusammenfassung, was eigentlich alle schon wissen. Die Informationen wären in ein paar wenigen Sätzen vermittelt. Wer etwas anderes erwartet hat, fantasiert Medien als Allmachtsmaschinen. Rührt von dieser notorischen Devotion die massive Skepsis gegenüber einer sogenannten Lügenpresse?

Wie sehr sich das Publikum eine Berichterstattung herbeiwünscht, die die eigene Erwartungshaltung erfüllt, zeigt sich in den folgenden Tweets: „Frau Bundespräsidentin Sommaruga! Wo sind Sie?“ Tags darauf ist eine Sendung mit Sommaruga angekündigt. Derselbe Twitterer schreibt: „Bin gespannt was unsere Bundespräsidentin Sommaruga um 13 Uhr sagen wird. Ich tippe auf *runterspielen*“ um kurz darauf klarzustellen: „Ich weiss jetzt, wer die grössten Heuchler sind! Politiker!“ An solch unverrückbaren Wertestandards prallt jeder Journalismus ab. Ausser er ist deckungsgleich mit den Standards.

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…die medientechnische Un-kultur dieser Journalisten, die bereit sind, in jede mögliche Falle zu treten und sich manipulieren zu lassen, weil sie nicht mehr die Zeit haben, darüber nachzudenken, ob sie frei sind oder nicht.“ (1) 

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Der Terror entfaltet seine Wirkung (auf Unbeteiligte) erst durch die Sichtbarkeit. Es zieht uns hinein, wir werden Teil der Dramen. Maximale Wirkung hätten die islamistischen Selbstkiller erzielt, hätten sie am Freitag Abend ins Stade de France eindringen können, um vor laufender Kamera ihre Bomben zu zünden. Das Attentat vor Millionenpublikum. Terror LIVE! Die Asylchaos- und Krimigranten-Epigonen hätten den Beleg für ihre Prophezeiungen auf Festplatten speichern und zigtausendfach teilen können.

Die Komplizenschaft der Terrorkiller mit ihren wütenden, einheimischen Gegenspielern vollzieht sich via Mediensystem: „…nur wer zum Augenzeugen gemacht wird, taugt als Adressat der vorwurfsvollen Frage, was er denn gegen das, was ihm gezeigt wird, unternehme. So erhebt sich das korrupteste aller Medien, das Fernsehen, zur moralischen Instanz.“ (3)

Die Mordtaten terrorisierender Killerbanden sind immer auch grandiose Inszenierungen. Ob sie wollen oder nicht – Medien, die solche Inszenierungen zeigen, betreiben Propaganda. Besonders dann, wenn Journalistinnen und Journalisten unsorgfältig arbeiten oder ohne jegliche Einordnungsleistung die Ereignisse nur rapportieren. So wie Freitag Nacht der Sender Euronews, der sich vom IS bedenkenlos instrumentalisieren liess. Ein Moment der Reflexion hätte das verhindern können. Hätte sich nur jemand die Zeit dafür genommen!

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(1) aus „Die beendete Welt beginnt“ von Paul Virilio in „Television/Revolution“ (Amelunxen, Ujica)

(2) aus „Die Öffnung der Gräber“ von Mark Terkessidis in „Imageneering“ (Tom Holert)

(3) aus „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ von Hans Magnus Enzensberger

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Empfehlungen

Terrorismus in Paris und eine unerfüllbare Anspruchshaltung. Linksammlung von BILDblog zu den Anschlägen.

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