Es herrsche Krieg. Ja, es sei noch schlimmer als im Krieg. Nerven. Flattern. Präsident Hollande gibt offen zu: „Frankreich befindet sich im Krieg“. Er meint nicht die eigenen Militärtruppen, die seit Jahrzehnten im Irak oder in Mali einfallen. Er meint auch nicht die IS-Kämpfer in Syrien, die Hollande aus der Luft bombardieren lässt. Ist Krieg ist erst dann, wenn auch in der eigenen Heimat geschossen wird?

Die Angst lässt sich medial bestens verkaufen. Die Nerds sind angestachelt. In meiner Timeline schwingen sie das Kriegsbeil. Sie beschwören den „gezwungene [sic] kollektive Selbstmord Europas“ oder konstatieren: „höchste Zeit, im islamischen Raum aufzuräumen“. In solchem Umfeld stets unerwähnt oder durch Kriegsgeheul verdrängt; die Trauer um die Opfer der Anschläge. Anstatt ihrer zu ge-denken, gilt es die Toten zu ver-gelten.

Der Krieg wütet. Aber nicht in Europa. Im Krieg gegen den Terror sollen in Afghanistan, Pakistan und im Irak bis zu 1.3 Millionen Menschen getötet worden sein. Dies als Vergeltung für die knapp 3000 Opfer von 9/11, dem Angriff auf das World Trade Center in NewYork. Verhältnis: 1 zu 440. Mal ganz nüchtern betrachtet kommen dazu: der von der Sowjetunion angezettelte Afghanistan-Krieg mit 1.8 Millionen Toten. Der von den USA gestützte Iran-/Irak-Krieg (erster Golfkrieg) mit bis zu 1 Million Opfern. Der zweite Golfkrieg forderte rund 30’000 Menschenleben. 700 Ölquellen brannten. Dann der aktuelle Krieg in Syrien mit über 200’000 Toten und 4 Millionen Flüchtlingen.

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Kobane

Krieg in Syrien seit 4 Jahren – Kobane 2015

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Insgesamt 4.3 Millionen Menschenleben haben westliche Hegmonialmächte in den vergangenen 35 Jahren im arabischen Raum ausgelöscht. Die Opfer des seit Jahrzehnten andauernden, mit Waffengewalt ausgetragenen Konflikts zwischen Israel und arabischen Gruppierungen, sind da noch gar nicht mit eingerechnet. Während tote Muslime offenbar summarisch und in mehrstelligen Ziffern addiert werden, führen einschlägige Webseiten detaillierte Listen mit den Opfern muslimischen Terrors. Der seit 2001 andauernde Krieg gegen Schurkenstaaten bewirkt das Gegenteil dessen, was er angeblich beabsichtigt. Terroristische Attacken haben sich seit dem Jahr 2000 vervielfacht, insbesondere seit dem Ausbruch der Krise in Syrien 2011 und dem Aufstieg des sogenannten Islamischen Staates IS. Bis 2014 sollen 140’000 Menschen bei terroristischen Überfällen umgekommen sein.

Während ich hier kaum erträglich die Summe der Toten einander gegenüberstelle, bombardieren in Syrien russische und französische Kampfflieger Rebellen und die Schergen des IS. Mit ihnen sterben unzählige Zivilisten. Die Toten von Paris sind an der Zahl dagegen ein Klacks. Der Irrsinn nimmt seinen Lauf.

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Störungen des Zusammenlebens

Kriege fördern radikal-islamistischen Fundamentalismus. Die Taliban in Afghanistan hätten sich zu rund 80 Prozent aus Waisenkindern rekrutiert. Die islamische Widerstandsbewegung Hamas speist sich aus dem Kampf extremistischer Juden und radikaler Muslime gegen die israelisch-palästinensischen Friedensbemühungen. Der vom Afghanistan-Veteranen Ayman el-Zawahiri etablierte Islamische Staat wiederum ist die Frucht der amerikanischen Besatzung des Iraks. Halleluja! God bless America!

Muslimen wird ständig unterstellt, sie wollten dem Koran folgend Gewalt säen und Ungläubige vernichten. Sie werden aufgefordert, sich dezidiert von solchem Bestreben zu distanzieren. Schliesslich sei die Islamisierung Europas im Gang. Dabei sind es die von fundamental-religiösen, neokonservativen Amerikanern seit Jahrzehnten initiierten Kriege, die von Muslimen besiedelte Regionen destabilisieren. Hat deswegen irgendwer jemals die Christen aufgefordert, sich von Gott zu distanzieren? Weil im Namen des von Gott geschützten Amerika (und der gesamten Industrienationen) Millionen von Menschen ermordet wurden? Wurden Christen pauschal angegangen, weil sie Aussagen wie diese zu kritisieren verweigerten? „Meint nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Matthäus 10,34)

Wer den Islam zur Kriegsideologie umdeutet, macht es sich zu einfach und übersieht die tiefer liegenden Ursachen der aktuellen, ja der immer wiederkehrenden Konflikte: Gier, Ausbeutung, Unterdrückung, Gewalt und als Reaktion darauf: Hass, Verzweiflung, moralische Dekompensation. Letztlich ist es einerlei, weshalb jemand Krieg führt. Besonders pervers und verlogen wird es aber da, wo im Sinne einer neuen Weltordnung – um Friede und Demokratie zu verbreiten – Krieg geführt wird. „Dies ist ein Kampf zwischen Gut und Böse. Ein Krieg also um das, weswegen immer wieder Krieg geführt wird. Und das Ergebnis dieses Kriegs kann nur der Sieg des Guten sein.“ Bush senior hat sich gewaltig geirrt.

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Dresden1945

Krieg in Europa vor 70 Jahre – Dresden 1945

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Der ehemalige amerikanische Präsident hätte wissen müssen, dass der von ihm verklärte Terror der Guten immer noch Terror ist. Auch der herbeigeschwindelte Segen Gottes täuscht nicht darüber hinweg. Genauso ist es falsch, dass der Koran die Morde der Islamisten legitimiert. Es sind umgekehrt die konservativen Bushs, Putins, Hollandes, Netanjahus unter den Politikern oder die Wahhabiten, die diese Schriften missbräuchlich umdeuten, um ihr Morden zu beschwören: „Der Fortschritt der Religionsgeschichte liegt nicht in der Ausdehnung der Anschauungen, der Bilder und der Theorien, sondern in deren Verinnerlichung, das heisst in der Fähigkeit, die verwandten Symbole, die übrigens auch untereinander zwischen den Religionen eine hohe Übereinstimmung aufweisen, als Bilder zu erkennen, statt sie in ihrer projektiven Aussenseite zu fixieren und zu dogmatisieren.“ (1)

Anstelle des hysterischen Kriegsgeheuls gerade in konservativen Medien bräuchte es eine neue Friedensbewegung, die sich dezidiert gegen weitere, verschärfte Interventionen positioniert. Mit einer vertieft empfundenen Andacht für die Opfer des Gemetzels – sowohl unter den Millionen Muslimen als auch den Ermordeten in europäischen Städten – könnten wir die kriegerische Dynamik (wenigstens unter-) brechen. Dass der Krieg wieder in unsere Lebenswelten eindringt, sollten wir auch als Chance wahrnehmen. 70 Jahre nach den Katastrophen des 2. Weltkrieges muss die Erfahrung der Apokalypse offenbar revitalisiert werden, um die Menschen zum innehalten zu bewegen. Die Kriege in unserem Namen und hinter unserem Rücken sind nicht mehr tausende Kilometer entfernt. Wir sollten die Störung unter der Kuppel des Wohlbefindens als Warnruf ernst nehmen. Es ist nach wie vor illusorisch, die Achse des Bösen mit schlichten Grenzziehungen zu definieren und mit Bombengürteln zu sichern. Die Opfer von Paris habe dies deutlich gezeigt.

Statt Sicherheitsfragen und Vernichtungsstrategien zu diskutieren, erinnere ich an das von Sigmund Freud formulierte Unbehagen in der Kultur: „Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Masse es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug verdient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein besonderes Interesse.“ (2) Aber eben – wenige Jahre nach Freuds Appell entfesselten Menschen den 2. Weltkrieg.

(1) aus „Krieg ist Krankheit“ von Eugen Drewermann

(2) aus „Das Unbehagen in der Kultur“ von Sigmund Freud

Artikelblid: „Der Tod und das Mädchen“ von Rolf Brem, Luzern 1976

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