Wie viele Medienkanäle braucht mensch, um gut informiert oder unterhalten zu sein? Fünf? Vielleicht fünfzig? Oder doch besser fünfhundert? Oder ist es wie mit Schlafsocken und Frühstücksflocken – die Auswahl vermeintlich nie gross genug? Diesen Eindruck hinterlässt der Bericht Service privé der Universität St. Gallen, eine von der rechtsbürgerlichen Aktion Medienfreiheit finanzierte Studie (1).

Autor der Studie ist Professor Dr. Christian P. Hoffmann (2). Hoffmann forscht an der HSG vor allem an Unternehmenskommunikation. Er ist zudem Forschungsleiter am Liberalen Institut und Hayekianer. Er sagt, „wenn ich dafür bezahlt werde, arbeitslos oder arbeitsunfähig zu sein, dann habe ich einen Anreiz, das auch zu sein.“ Hoffmann schreibt Bücher wie Sackgasse Sozialstaat – Alternativen zu einem Irrweg. Wenn einer wie er über die Medienlandschaft der Schweiz räsoniert, so ist das, als ob ein Exxon Mobil Ingenieur den Klimawandel beurteilte. Absehbar.

In ihrer Medienkonferenz vom 20. November verkauft die Aktion Medienfreiheit Hoffmanns Studie nicht als eine von ihr finanzierte Auftragsarbeit. Viel mehr scheint die Aktion Medienfreiheit auf die Ergebnisse einer unabhängigen Forschungsarbeit zu reagieren: „Im Rahmen einer Studie“ der Universität St. Gallen hätte sich gezeigt, dass das Service public Angebot der SRG „nicht nur zu störenden Wettbewerbsverzerrungen führen, sondern die Entwicklung und Innovationskraft privater Sender bremsen“ würde. Stimmt das?

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Vormittag„Verklag mich doch“ um 05h40 und 07h40 – Vormittagsprogramm

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Lückenhafte Gefälligkeitsstudie

Die Studie Service privé enthält ausschliesslich quantitative Analysen von Medienprodukten. Irgendwo in der Masse, so müssen wir annehmen, findet auch das blinde Huhn ein leckeres Korn. Doch der Nährwert der Körner spielt offensichtlich keine Rolle. Qualität wird nicht untersucht, sondern nur zitiert; als Überschrift im Kapitel Qualitative Studie – Perspektiven des Service privé, in dem vor allem SRG-kritische Statements zusammengefasst sind.

Ganz auf Marktgepflogenheiten konzentriert, interessieren nur die Absatz- und Profitmöglichkeiten der Produzenten. Die Bedürfnisse des Publikums sind irrelevant. Vielleicht wird vorausgesetzt, dass sie mit jenen der Produzenten identisch sind. Spannend für MedienkonsumentInnen ist die Studie nur deshalb, weil sie klar macht, mit welchen Marktchancen Medienfirmen liebäugeln. „Mit zunehmender Publikumsbindung und damit verbundener Rentabilität wird eine Expansion des eigenproduzierten Programms ermöglicht“, lesen wir da. Oder „die Innovations-, Nachfrage- und Beschäftigungspotenziale, welche sich auf Seiten der privaten Anbieter ergeben könnten“, würden verkannt.

So gehören zum Bereich Fernsehpublizistik nun eben auch Sendungen, die wochenlang dafür werben, „wo man in Zürich besonders gut essen, entspannen und zusammenfinden kann.“ Oder die im Ausland eingekaufte/produzierte und mit Mundart-Kommentar eingeschweizerte Sendung Da Vinci. Als Unterhaltung zählen zur Hälfte mit Schleichwerbung unterschnittene, schlichte Plaudersendungen wie Lifestyle oder esoterische Call-In Programme von ESO TV und sogenannte „kommerzielle Unterhaltungsshows“ aka Teleshopping à la MediaShopTV. Wer nebst unzähligen Wiederholungen solchen Trash anbietet, produziert gemäss der Studie ein noch „vielfältigeres Programm“. In solchen Passagen meint Professor Hoffmann Solarien in der Sahara verkaufen zu können und ist ganz Meister der Unternehmenskommunikation – aber leider kein nüchterner Forscher.

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Vorabend

„Schicksale – In Gefahr“ auf allen Kanälen – Nachmittagsprogramm

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Beim Thema „wettbewerbsverzerrende Effekte des Konzessions- und Gebührenmodells“ geht’s erst richtig rund. Und zwar um 360 Grad von Hü nach Hott. Das medienpolitisch dominierende „Paradigma mangelnder Refinanzierbarkeit von Radio- und insbesondere TV-Angeboten in der Schweiz“ wird kritisiert. Dann heisst es, gebührenfinanzierte Sender würden den Markteintritt und Wettbewerb erschweren. Ein paar Seiten davor verkündet TeleZüri-Chef Markus Gilli: „Wir haben ja heute fast ein Überangebot.“ Die 300 Sender im Kabelnetz seien aus Sicht des Angebots ein sehr guter Markt.“ Schliesslich: „insgesamt stimmt die Rendite. Auch wegen der vielen Wiederholungen.“ Gilli hat den Überblick.

Einen Auftrag dagegen hat Professor Hoffmann. Den im Wege stehenden, politischen Rahmenbedingungen kontert er mit der Dynamik neuer Rundfunkangebote. Da spielten Unterhaltungs- und Fremdproduktionen eine dominanten Rolle: Es sind diese Programmformate, die eine besonders hohe Rentabilität aufweisen und geringe eigene Produktionsressourcen und -kompetenzen erfordern. Rätseln wir ganz beiläufig und unfreiwillig nun doch noch über die Qualität privater Medienangebote? Als hätten wir es nicht schon gewusst, dass die nur geringe Produktionskompetenzen erfordern?!

Mit zunehmender Rentabilität würden die Sender ihr Profil schärfen und vermehrt in Eigenproduktionen investieren. Das würde die Angebotsvielfalt beleben. Hoffmanns libertäre Marktphantasien wären geplatzt, hätte er in einer Programmzeitschrift geblättert. Oder bei Roger Schawinski nachgelesen: „Wenn auf einem Sendeplatz eine deutsche Serie durch eine amerikanische ersetzt wird, erzielt der Sender sofort und automatisch gewaltige Kostenreduktionen (…) Der Wandel im Publikumsgeschmack weg von deutschen Serien und hin zu amerikanischen Produkten war aus ökonomischer Sicht eine der glücklichsten Fügungen für all jene Sender, die gleich mehrere Primetime-Plätze entsprechend neue besetzen konnten.“ (3) Und nun, Herr Professor Hoffmann, blättern Sie noch einmal in der Programmzeitschrift. Hier finden Sie die medienökonomische Realität. Nicht aber in Ihrer Studie…

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Abend

Werbung „Ausser Kontrolle“ zur Primetime, etwas weniger um Mitternacht Abendprogramm

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Mit der von ihrer Aktion Medienfreiheit beauftragten, lückenhaften Gefälligkeitsstudie erweisen sich Natalie Rickli und ihre Mitstreiter keinen guten Dienst. Nichtsdestotrotz weibelt die Nationalrätin, Werbevermarkterin und direkte Profiteurin eines zerschlagenen, dualen Medienmarktes damit: „Die Studie der Universität St. Gallen zeigt es klar: Die Angebote privater Sender werden immer besser und zahlreicher.“ Gerade als Politikerin einer Volkspartei, sollte sie ihre eigenen Interessen etwas bremsen oder sie wenigstens nicht als diejenigen ihrer WählerInnen ausgeben. Denn die „publizistischen Bedürfnisse der Demokratie sind nicht identisch mit den publizistischen Bedürfnissen der Marktwirtschaft“ (Hansjürg Fehr). Wer die publizistischen Ziele der Aufklärung und Kritik durch marktorientierte Ziele ersetzt, begünstigt zwar den Service privé zum Vorteil der Produzenten. Dem Publikum bleibt letztlich aber nur noch überwältigender Service primitivé.

 

(1) Anfrage an Christian P. Hoffmann via Twitter

hoffm

(2) zusammen mit Stephanie Grubenmann

(3) aus „Die TV-Falle“ von Roger Schawinski

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Empfehlung

Beiträge und Studien zur Medienforschung – hier besonders der „Schlussbericht – Medienkonzentration und Meinungsvielfalt“ des fög.

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