„Tu, was Du willst, soll sein das ganze Gesetz.“ (1) Feel free! Meinungsäusserungsfrei im Maschinenwinter. Erschaffe dich selbst. Twitter ist die Matrix. Menschen sind nur das, was sie tun. Den digitalen Protokollen sozialer Medien angepasst. Handelnde in eigener Sache. Jedes Profil ein weiteres, konditioniertes Produkt im Markt der Eitelkeiten.

Naziaufmärsche beginnen im Verborgenen. Auf Twitter und anderen Online-Plattformen werden solche Aufmärsche geprobt. Geschockt, verwundert, einige insgeheim zustimmend, verfolgen wir die Defilees. In sozialen Netzwerken erkenne ich, was Gruppen von Menschen anderen antun können. Das geht ohne Geschubse. Ohne Schläge. Es genügt, systematisch Fakten und belegbare Befunde zu ignorieren. Danach folgt Diffamierung, Stigmatisierung und Ausschluss. Irgendwann erübrigt sich jeglicher Diskurs. Er verhallt im Geraune erregter Online-Massen, in zigtausenden warengetauschten Tweets und Kommentaren.

.hoeckeVater (UNSER), Führerkult, das Land und die Deutschen

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Meinungen und Haltungen sind nur noch Handelsgüter. Kommerzielle Produkte. Möglichst plakativ und wirkungsvoll herausgeputzt, buhlen sie um Wertungen und Absatz. Das ist der allein noch tolerierte Widerhall. Wo Widerhall dennoch argumentativ begründet entgegenschlägt, wird er sogleich derailend (aus-flüchtend) absorbiert oder blockiert. Einem Widerspruch hält die zu blossem Produkt gewordene Meinungsfassade nicht stand. Sie ist zu aufgesetzt, unreflektiert, fragil. Sprache ist nur noch (codifizierte) Information ohne Einfluss auf die Menschen. Das Recht auf eigene Überzeugung (A) wird verwechselt mit dem Recht, von Überzeugungen frei zu bleiben.

„Man will sich unter keinen Umständen festlegen, um nicht seine Souveränität und das souveräne Recht zu entscheiden zu verlieren. Dieses Entscheidungsprivileg aber ist die zentrale Funktion der Marktökonomie (…) Man behält sich einfach das Recht vor, anderer Meinung zu sein, weil man weiss, dass es noch andere Meinungen auf dem Meinungsmarkt gibt. Dagegen kann keine Kultur wirken. Die Kultur stirbt, wenn sie mit solchem Konsumverhalten konfrontiert ist.“ (2)

So gelten Argumente nichts mehr. Die richtige Haltung – als Pos(t)ing – dafür alles. Statt der Unterscheidung zwischen Lüge und Wahrheit gelten strikte Links-/Rechts-, Gut-/Böse-Dichotomien etc. Recht haben spielt keine Rolle, nur Recht bekommen. Flagge zeigen. Gegen alle Gesetze und von Logik verschont. Es ist die Politik gewordene Zwanghaftigkeit. Im Sog der Masse wandelt sich struktureller Mangel in Machtgefühl. Wer sich einmischt, gilt als Troll oder Trollfütterer. Beides wertet Diskutanten gleichermassen ab und ist vom Wunsch beseelt, die Auslage der eigenen Verlautbarungsblasen reinzuhalten. Hier gilt allein der trampelnde Triumphzug, Allianzen in Gleichklang und vollständiger Synchronisation. Allfällige Vielfalt verödet im Longtail-Nirwana. Das ist das geradezu Faschistische der sozialen Netzwerke.

 clschmGoldene Werberegel – ständige Repetition von Lügen höhlt den Widerstand

 

Soziale Medien und die in ihnen auftretenden Gerüchtekontraktionen neigen zur Blasenbildung mit anschliessendem Metastasieren. Die Sehnsucht, sich inmitten einer homogenen, überragenden Gemeinschaft zu wähnen, übertölpelt Vernunft und Räsonnement. „Das Wesentliche ist die Erregung als solche, ein Zustand, in dem alle zusammen etwas zu beklagen haben. Die Wildheit der Klage, ihre Dauer, ihre Wiederaufnahme am nächstenTag im neuen Lager, der erstaunliche Rhythmus, in dem sie sich steigert und selbst nach völliger Erschöpfung von neuem beginnt, wären Beweis genug dafür, dass es hier vor allem um die Erregung gemeinsamer Klage geht.“ (3)

Dann zählt nur das Ziehen am selben Strang, das Sitzen im gemeinsamen Boot. Das (einig) Volk, das alles andere ignoriert. Jede Störung im Hinblick auf das gemeinsame Ziel – die harmonisierte Erregung inmitten der als übermächtig empfundenen Gegner – wird hypochondrisch und aggressiv bekämpft. „Es ist viel Zorn in dieser Selbstverstümmelung, ein Zorn auf die Ohnmacht vor dem Tod; und es ist, als würde man sich für den Tod strafen.“ (3) An die Waffen Brüder! Mehr sein als bloss eine/r. Besonders in bedrohlich empfundenen Situationen. Zitterpartien.

.saxMutter (ERDE), 1945, deutsche Frauen vergewaltigen

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Die Verängstigten und wütig Unvernünftigen ziehen sich zu Gruppen zusammen. Twitterpartien. Umso mehr schliessen sich an, je stärker die Bedrohung inszeniert und zelebriert wird. (Volks-) Körperpanzer, Wagenburgen – uneinnehmbar. Nun sind sie „frei von jedem Selbstzweifel und so von sich eingenommen, dass sie nicht bemerken, wie die öffentlichen Infrastrukturen um sie herum zerbröckeln. Stell dir vor, du könntest die ganzen Steuern für dich behalten! Die Kinder der Echtzeitrevolution interessiert nur, was in den nächsten fünf Minuten passiert. Sie verstehen nicht den Unterschied zwischen etwas und nichts und haben gelernt, es sei ihr gutes Recht, zu allem ihren Senf dazuzugeben (…) Hohlköpfe haben das Gedächtnis von Goldfischen, und darum ist es ihnen egal, und sie müssen sich im Nachhinein keine Sorge machen.“ (4) Das Soziale reduziert zum special effect technologischer Abläufe in Systemarchitekturen und deren digitalen Protokollen.

Denken manifestiert sich nur noch in Kleinsteinheiten, in Versatz-Stücken, Sprach-Bildern ohne Verkettung oder Differenzierung. Seriell portioniert, dosiert in handliche Verpackung. „Man kann damit einen Haufen Scheiße verbreiten und suggestiven Dreck in irrer Frequenz und mit vorher unbekannter Reichweite in die Köpfe brüllen, bis alle denselben Unsinn erzählen, aber jeweils glauben, sie wären ganz alleine draufgekommen. Also: Man kann damit die Individuen einerseits ganz neu verbinden, man kann aber auch die Gleichschaltung auf ganz neue Art scheinindividualisieren.“ Damit beschreibt Dietmar Dath die Überzeugungs- und Suggestivkraft hochfrequenter Desinformation, die sich mit der Dynamik plötzlicher Massenaufläufe in sozialen Medien ausbreitet. Schwarmintelligenz. Schwarmintoleranz.

 

troll

Regredieren statt räsonieren – schwache Köpfe im Wettbewerb um Aufmerksamkeit

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Die Absender tippen gemäss Werberegeln ihre einprägsamen Botschaften in die Netze. So werden sie selbst zur Marke. Für „Lektüre, Theater, Konzert und Museum hatte man zu zahlen, nicht auch noch fürs Gespräch über das, was man gelesen, gehört und gesehen hatte und im Gespräch erst ganz sich aneignen möchte (…) Position und Gegenposition sind im vorhinein auf gewisse Spielregeln der Darbietung verpflichtet.(5) Die Protegés der grössten politischen Macht im Lande leisten sich Klarnamen. Diese Profitrolle und Lobbyisten (die neuerdings sogar in nationale Parlamente einziehen) sind Ausnahmen. Denn mit der Kommerzialisierung der Kommunikation nimmt auch die Intransparenz untereinander zu.

Die Selektionsmechanismen sozialer Medien kanalisieren (anonymisierte) Zielgruppen. So werden diese für die Werbeindustrie und andere Interessenvertreter verwertbar. Hashtags, Blockierfunktionen oder Listen sind Systemeigenschaften, mit denen sich Interessen definieren und bündeln lassen. Wir geben unsere Interessen preis, anstatt sie zu verfolgen; „…denn schon sind die Gesetze des Marktes in die Substanz der Werke eingedrungen, sind ihnen als Gestaltungsgesetze immanent geworden. Nicht mehr bloss Vermittlung und Auswahl, Aufmachung und Ausstattung der Werke – sondern ihre Erzeugung als solche richtet sich in den weiteren Bereichen der Konsumentenkultur nach Gesichtspunkten der Absatzstrategie.“ (5)

Was Jürgen Habermas im Zusammenhang mit Massenmedien beschreibt, vermögen soziale Medien eben gerade nicht – wie von vielen erhofft und herbeigeredet – zu durchbrechen. Im Gegenteil: kommerzielle Reproduktion ist so verinnerlicht – jeder Account, jede Kommentarzeile ist Showbühne.

 

billagDiskursiver Eklat – (bezahlte?) Bürgerpöbeleien als Politmarketing  (B)

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Private Unternehmen haben staatliche (militärische) Organisationen als Avantgarde technologischer Entwicklungen eingeholt und ihre Produkte massentauglich gemacht. Am Ende des Wettlaufs bleibt für uns Menschen die komplette Nutzlosigkeit all der Gadgets, Tools und Implantate. Die Überwachung von StaatsbürgerInnen ist ein Klacks verglichen mit ubiquitären Kontrollinstanzen klandestiner Privatunternehmen, die unsere Kommunikationsspuren aus- und kommerziell verwerten. „Sich selbst als aktiv, unabhängig, kreativ und individualistisch zu verstehen ist heute Commonsense geworden. Der Commonsense ist ein Produkt der kulturellen Hegemonie und verwandelt Prozeduren der Fremdführung in Identitätsentwürfe der Selbstführung (…) Selbstbestimmung und Selbständigkeit haben sich von ihrem emanzipatorischen Kontext gelöst und sind heute im Business-Portfolio als Versatzstücke kommerzieller Freiheitsdiskurse zu finden.“ (6) Trotzdem verbringen wir unzählige Stunden, um allenthalben unsere Post-Its anzubringen.

Gelegentlich schaue ich auf die Uhr in der Taskleiste. Mittlerweile kommt es mir vor, als wäre die Uhrzeit die einzig brauchbare, verlässliche Information, die mir die Systeme zur Verfügung stellen. Ich könnte mir täglich viele Stunden Arbeit ersparen, würde ich nur hin und wieder zur Uhr am Backofen oder im Handydisplay schauen. Informiert wäre ich gleichwohl. Doch hätte ich plötzlich ganz viel freie Zeit. Und Freiheit.

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Die Werkzeuge des Herrn werden niemals das Haus des Herrn niederreissen (Andre Lorde)

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Empfehlung.

Hilferuf an die mindestens durchschnittlich Begabten von Sascha Lobo

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(1) nach Aleister Crowley, über den Zusammenhang von Satanismus und Libertarismus habe ich hier geschrieben

(2) Boris Groys in „Lettre Internationale 111“

(3) aus „Masse und Macht“ von Elias Canetti

(4) aus „Das halbwegs Soziale“ von Geert Lovink

(5) aus „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von Jürgen Habermas

(6) aus „Amateure im Netz“ von Ramon Reichert

(A) überzeugen etymologisch: jemanden mit Beweisen dazu bringen, etwas als wahr, richtig, notwendig anzuerkennen – vor Gericht durch Zeugen überführen

(B) 20minuten publiziert ausschliesslich Billag-Bashing. Ein Kommentar von mir, indem ich Verständnis für das Verhalten der Billag zeige, wurde nicht frei geschaltet..

 

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