Was ich diese Tage in Zeitungen lese oder im Fernsehen zu sehen kriege, ist alarmierend. Nie hätte ich gedacht, dass das heute in unserer Welt möglich wäre. Bizarrer Zorn, Neid und gehässige Missgunst schlagen mir entgegen. Bis vor kurzem dachte ich, wir hätten aus der Geschichte gelernt. Die allerletzten Überlebenden der grossen Kriege verlassen uns und mit ihnen offenbar auch die Erinnerung an apokalyptische Katastrophen.

Merkel hat sich verrannt. In ihrer Flüchtlings-Politik fehlt die Kategorie Wut- und Neidbürger. German Angst. Wie konnte sie bloss… Heimatgefühle verletzen. Die Benachteiligten, die schon lange im Land sind, unterschätzen. Übersehen, dass alles für ganz viele seine (altbekannte) Ordnung haben muss. Allein die Ordnung derer, die Flüchtlinge schon immer als Krimigranten oder Invasoren bezeichnen.

Frauke Petry von der Partei Alternative für Deutschland (AfD) fordert „notfalls von der Schusswaffe Gebrauch zu machen„, um Flüchtlinge am Grenzübertritt zu hindern. Petrys Stellvertreterin Beatrix von Storch würde sogar Frauen und Kinder mit Waffengewalt abwehren: Wer das HALT an unserer Grenze nicht akzeptiert, der ist ein Angreifer“. Es herrscht also Krieg. Davon waren Extremisten schon vor Monaten überzeugt. Nach den Anschlägen in Paris beginnen auch einige Medien diese Auffassung zu verbreiten. Nun stimmen Parteien in den Tenor mit ein. Verzerrte Wahrnehmung breitet sich aus bis tief ins Zentrum der Gesellschaft.

Egal ob Migrantinnen, Muslime oder Juden… Argwohn haftet sich an die zu Eindringlingen erklärten Menschengruppen. Das braucht nur etwas Zeit und ausreichend intensive Öffentlichkeitsarbeit – bis die Gemeinschaft sich in Fraktionen zerreibt. Die breite Mitte zerfällt. Konsens unmöglich. Verhärtete Fronten: „Ich habe lieber gut ausgebildete und vermögende Ausländer im Land, als kriminelle. Die Linken sehen das genau umgekehrt.“ (Nationalrat Claudio Zanetti 30.1.2016)

Kein Diskurs. Schuldzuweisungen. Immer den Anderen was anhängen. Bis nur noch harte, völlig unbewegliche Blöcke übrig sind. Immer schriller, immer hysterischer die Befunde. Unnachgiebig. Die Diskussion um die Flüchtlinge hat etwas Unehrliches. Was nicht heisst, dass nicht jeder seine Meinung sagt – aber das ist wahrscheinlich gerade das Problem. Jeder sagt seine Meinung, die er immer schon hatte oder jedenfalls lange bevor sich die Krise in den letzten Wochen zuspitzte.“ (Redakteur Jens Jessen, Die Zeit, 28.1.2016)

Irgendwann sind nur noch die Radikalsten zu hören. Die Lautesten. Sie sind zu allem entschlossen. Wahnsinn. Sie haben Frauen, die Sie nicht mögen, fette Schweine, Schlampen und widerliche Tiere genannt. Klingt das in Ihren Ohren nach dem Temperament eines Mannes, den wir zum Präsidenten wählen sollten.“ (Moderatorin Megyn Kelly von Fox News zu Donald Trump, gelesen in der FAZ am 2.2.2016)

Schenkelklopfen. Skandale. Randale. Futter für Medien. Gibt Quote. Macht Kasse. Wirft Wellen. Und schon deuten Meinungsjournalisten solch entgleisende Wortführer um zur Stimme der schweigenden Mehrheit. Medien verschaffen Politikerinnen Aufmerksamkeit. Im Populismus dient Öffentlichkeit der Politik. Statt umgekehrt. Wer Medien zu instrumentalisieren weiss (oder sie gar besitzt), fängt Stimmen. Erst recht mit schlechten Nachrichten – „so lange ich Neger sage, bleibt die Kamera bei mir“, meinte einst Bundesrat Ueli Maurer)

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Medien versagen

Bald haben es die Rechten geschafft – Leitmedien sind gekapert und jene, die sie nicht kontrollieren ganz Marktgesetzen folgend Gefälligkeit(en) geopfert und in Bedeutungslosigkeit versenkt. Paroli bieten sogenannte Staatsmedien. Sie sind erst noch populär. Das stinkt den Rechten. Unaufhörlich diffamieren sie deren Mitarbeiter. Wer die teils extremen Ansichten nicht unreflektiert vervielfacht, wird mit Kritik und Beschwerden überhäuft. Geschickt inszenieren sich die Medienkrieger als Freiheitskämpfer, die sich von unten nach oben durchboxen, um gegen Eliten vorzugehen. Vor allem gegen elitäre staatliche oder staatsnahe Institutionen.

Darum Staatsmedien. Sie seien der verlängerte Arm der classe politique. Die führe uns hinters Licht. Eine Lügenpresse nach Diktat der Machthaber. „Über einige dieser Vorgaben könnte man durchaus kritisch diskutieren. Aber es handelt sich nicht um irgendwelche obskuren, skandalösen Anweisungen von oben, sondern um die von den dafür zuständigen Institutionen in einem demokratischen Prozess verabschiedeten und öffentlich einsehbaren Grundlagen des öffentlich-rechtlichen Senders. Wolfgang Herles hingegen scheint es schon anrüchig zu finden, dass eine solche von allen bezahlten Einrichtung dem Gemeinwohl dienen soll.“ (Blogger Stefan Niggemeier am 31.1.2016 bei uebermedien zu Wolfgang Herles, ex ZDF-Moderator)

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CoverWeWo

Ideologisierte Wirklichkeitskonstruktion im Sündenbockjournalismus (aka. Boulevard)

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Bewusstseinsproduktion. Umkehrung von Kausalität angereichert mit verschärften Schuldzuweisungen. Anklagen. Wo immer möglich. So lassen sich Konkurrenten in die Defensive drängen, Themen wunschgemäss reduzieren, Diskurse manipulieren. Roger Köppel und seine Weltwoche-Truppe z.B. beherrschen diese Taktik meisterhaft. Auch in Talkshows lässt Köppel seine stupende Technik erkennen:In Deutschland brennen Asylheime, weil Leute wie Sie diese Themen kriminalisieren, tabuisieren, stigmatisieren und das ist ein Riesenproblem.“ (Nationalrat Roger Köppel bei Maischberger zu Jakob Augstein, 27.1.2016)

Politische Akteure können Menschen, welche sich für das Gemeinwohl einsetzen, schlecht herabwürdigen. Zuerst müssen sie das Gute umdeuten. Den Fokus verschieben. Auf den Gutmenschen beispielsweise, der das Gute wolle und doch nur das Böse schaffe. Es wird eine Atmosphäre des Misstrauens erzeugt und zielstrebig verstärkt, bis die Stimmung umschlägt in pure Ablehnung. Reden von Christoph Blocher sind dafür bespielhaft. Blocher spickt sie mit Anspielungen und subtiler Diffamierung. Damit hat er einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung unter Kontrolle. „Wenn unsere Initiative durchfallen sollte, gewinnen wir dafür wieder die nächsten Wahlen.“ (SVP-Doyen Christoph Blocher, gelesen am 31.1.2016)

Blocher, die Kampagnen seiner Partei, die Artikelserien der nationalkonservativen Medien und unzählige Accounts im Netz kreieren Stimmungen, mobilisieren Leidenschaften basierend auf Nationalismus, Freiheit, Bedrohung. Die Massenaufmärsche, heroischen Posen, Entschlossenheitsmimik und -Rhetorik in den Threads sozialer Medien wirken alles andere als deeskalierend. Das Bellen des Führers durchdringt heute Millionen Postings im Millisekundentakt der Netzwerke. Faschismus muss sich ausstellen, ist Show. Es braucht aber keine Lichtkathedralen mehr, keine monumentalen Kulissen. Viel präziser dirigiert, ziehen Fackelträger heute durch die Accounts der Netzwerke. Tatsachen. Voll. Verpeilt.

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Evolution reloaded

Unmöglich. Dachte ich. Der Krieg kommt von innen. Zornentladung. Erinnerung getilgt. An Grossväter in Schützengräben. Fröstelnde Mütter. Zitternde Kinder. Flächenbrand. Bombenhagel. Trümmerfrauen. Kriegsverletzte. Kaum sind die begraben, verdrängen wir ihre Leiden. Zeit für einen Neuanfang. Nur die Besten überleben. Nach der neuerlichen Katastrophe. Ungleichheit. Übermächtig. Kapitalismusphoenix. „In diesen Zeiten steht ein radikaler, fundamentalistischer Kapitalismus einer radikalen, fundamentalistischen Religiosität gegenüber. Zwei Ideologien, die sich nicht verändern, geschweige denn weiterentwickeln können, weil sie keinerlei Bewusstsein ihrer eigenen Destruktivität haben. Das ist die Hölle.“ (Regisseur Alejandro Gonzalez Inarritu, Die Zeit, 7.1.2016)

Bevor die ins Land reisenden Flüchtlinge Gesellschaftsstrukturen überlasten, tun es die Einheimischen. Die Bewahrer, die Unterdrückten, die Verlierer – respektive die politische Nische, die vorgibt deren Interessen zu vertreten – spüren als erste die Folgen der Immigration. Lange bevor die Aufnahmekapazitäten eines Landes erschöpft sind, rufen diese Angsthasser (nicht Angsthasen) zum Widerstand auf. Menschlich. Allzu menschlich. Sie und ihr Publikum spielen mit Heimvorteil. Übermacht. Keine Wahl. Gnadenlos. Evolution. Reset. Reload.

„An die Lügen die geglaubt werden – Von den Lügnern und niemand sonst Ekel – An die Lügen die geglaubt werden Ekel – Ohne Würde Armut ohne die Würde – Des Messers des Schlagrings der Faust – Die erniedrigten Leiber der Frauen – Hoffnung der Generationen – In Blut Feigheit Dummheit erstickt – Gelächter aus toten Bäuchen – Heil COCA COLA – Ein Königreich – Für einen Mörder“ (Heiner Müller/Wolfgang Rihm im Opernhaus Zürich, 2.2.2016)

 

Nachtrag vom 20.6.2016

Der Nationalrat und Asylverantwortliche der SVP Andreas Glarner beschimpft User auf Twitter. Die hatten es gewagt, ihn mit einer offensichtlichen Falschaussage zu konfrontieren. Statt auf die gut begründete Kritik einzugehen, kontert Glarner mit chauvinistischer Unflätigkeit. Dann löscht er seinen Account mit der Begründung, die Leute seien zu gemein zu ihm gewesen. Wenig später veröffentlicht der Politiker auf Facebook die Porträts der zwei hartnäckigsten Kontrahentinnen und kommentiert, „ich verstehe schon, warum sie links und feministisch sind.“ Ein Facebook-Freundeskreis ausser Rand und Band nimmt den impertinenten Steilpass auf:

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martinBrandl

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Es bräuchte nur einen Funken. Lieber wäre mir der Funke, der zur Einsicht führt, wahrscheinlicher ist jener, der den Brand entfacht. Der Krieg kommt von innen!

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Beitragsbild: Neonazi-Graffiti/Tag an mehreren Sitzplätzen einer S-Bahn, 1.2.2016

 

 

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