Journalismus braucht Hilfe. JournalistInnen brauchen Hilfe. Nachhilfe in Leseverstehen, Werkbeschreibung, Wahrheitsfindung… vielleicht mangelt es gelegentlich an kognitiven Fähigkeiten – tödlich im Journiberuf – oder – noch schlimmer – an Integrität. Immer öfter erfahre ich nicht, was geschah, sondern was Medienleute in Ereignisse hineindeutenKürzlich unterstellten verschiedene Zeitungen der Tagesschau des Schweizer Fernsehens, Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher blossgestellt zu haben.

Peinlich – für die Schreibenden. Der Kultur-Redaktor Linus Schöpfer deutet einen Nachrichtenbeitrag zur Unternehmenssteuerreform III höchst eigenwillig. So, wie Schöpfer den Sachverhalt beschreibt, ist der Lesende verführt, ihm die Geschichte abzunehmen. Aber eben. Schöpfer stellt den Ablauf reichlich verzerrt dar: Vom «Tagesschau»-Beitrag zur Reform bleibt bloss die Blossstellung von Magdalena Martullo-Blocher in Erinnerung. «Mein Name ist Martullo», rief die SVP-Nationalrätin, als sie von SP-Nationalrat Beat Jans mit «Frau Blocher» angesprochen wurde. Mit diesem Wortwechsel begann der erste Beitrag der wichtigsten News-Sendung von SRF, Schnitt auf eine kichernde Nationalratspräsidentin Christa Markwalder inklusive.“ Wer den kritisierten Beitrag anschaut, muss sich fragen: wo sind bloss die Stellen, die Martullo-Blocher blossstellen?

Schöpfer rückt die kichernde Christa Markwalder in den Zusammenhang mit dem Wortwechsel zwischen Martullo-Blocher und Jans. Ein rhetorischer Trick des Kultur-Redaktors. Er unterschlägt, dass Markwalder aus einem anderen Grund lacht: auch ein Nationalrat aus der eigenen Fraktion will sich noch mit einer Frage an Martullo-Blocher wenden.

Der Tagesschau-Redaktion wäre vorzuwerfen, dass sie den Lacher Markwalders nicht auflöst. Die Stimmung im Nationalratssaal scheint überhaupt sehr ausgelassen. Diesen Eindruck bestätigt das Sitzungsprotokoll der Parlamentssitzung (siehe unten). Auch Magdalena Martullo-Blocher nimmt die Situation mit Humor. Im Off ist ihr Lachen zu hören. Nichts von Blossstellung. Höchstens SP-Nationalrat Beat Jans ist entlarvt. Er scheint die Tochter von SVP-Patriarch Christoph Blocher nicht ganz ernst zu nehmen. Linus Schöpfer offenbar auch nicht.

Hätte Schöpfer doch genau hingeschaut. Und dann beschrieben und allenfalls eingeordnet. Es hätte Erhellendes zu sehen gegeben. Auch Kritikwürdiges. Angefangen bei der Nationalratspräsidentin, die mit Blick zur rechten Ratsseite nur unter heftigen Glockenschlägen die Damen und Herren zu mehr Ruhe anhalten kann. Interessant auch, dass die Unternehmerin Martullo-Blocher in einem Jahr 96 Millionen Dividende zugewiesen bekommt. Dies sei aber nicht die Dividende, die sie erhalte, korrigiert Martullo-Blocher. Sie wisse auch nicht mehr, ob es 96 Millionen waren. „…Vielleicht…“  Die Frage des linken Nationalrats an die politisierende Unternehmerin markiert anschaulich den Zwist zwischen der Linken und den Bürgerlichen: die Dividenden sprudeln, warum sollten Unternehmen noch mehr Steuern sparen dürfen?

Hier hätte die Einstiegssequenz enden können. Die kichernde Markwalder wäre nicht mehr nötig gewesen. Gut möglich, dass die Einstellung nur als Steigbügel dient, um die Quintessenz des Beitrages zu platzieren. Der Kommentar schlägt in der Folge die Brücke „Doch gut Lachen hatten nur die Bürgerlichen…“

Im Beitrag wird der Hauptkonflikt zwischen der politischen Linken und der Rechten prägnant herausgearbeitet und in einem Gespräch mit dem Bundeshaus-Korrespondenten noch vertieft. Insgesamt ein sauberes News-Stück. Doch Tages Anzeiger Journalist Linus Schöpfer hat all dies geflissentlich übersehen.„Zur Hauptsendezeit belieferte der Leutschenbach [sic] die zahlreichen Spötter von Martullo-Blocher…“  und weiter: „Zumindest fragwürdig für eine News-Sendung ist der kaum übersehbare Wunsch nach einem viralen Videoclip. Definitiv unangebracht ist, dass die Macher hierfür eine Szene montierten, die schlicht nichts mit der Debatte zu tun hatte.“

Schöpfer unterscheidet nicht einmal sauber zwischen einem Sendebeitrag und einer auf der Webside von SRF News aufgeschalteten, separaten Videosequenz. Ausserdem sind es die Journalisten von Tages Anzeiger und bazonline (von wo der Artikel über diese „Blossstellung“ bemerkenswerterweise nach einem Tag wieder verschwand), die das Video mit ihren fragwürdigen Methoden verbreiten und damit Klicks generieren wollen.

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UIII

Die Passage im Sitzungsprotokoll des Parlaments

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Vielleicht sollten sich Schreibende öfters direkt am Schauplatz ein Bild machen und sich nicht bloss am Schreibtisch Geschichten ausdenken. So manches Missverständnis würde verhindert. Es sei denn, hinter dem Missverständnis verbirgt sich eine Absicht. Kultur- und Medienjournalisten von Tages Anzeiger, Basler Zeitung oder Weltwoche scheinen hier besondere inhaltlich-gestalterische Freiheit zu geniessen. Freiheiten, die Polit- oder Wirtschaftsjournalisten (noch) nicht durchgelassen werden. Das ist nicht nur peinlich, das ist sehr bedenklich…

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