Marlies Küng (*) sieht müde aus. Brot, Milch und Käse hat sie gescannt. Nun nimmt sie den Abholschein für das eingeschriebene Päckchen entgegen und beginnt in den Postkisten zu suchen. Dann richtet sie mehrmals ein Lesegerät auf das Päckchen. Piiip. Endlich. Ich quittiere den Empfang. Frau Küng sinkt seufzend in ihren Stuhl an der Registrierkasse. Sie sei froh. Bald werde sie pensioniert.

Gesundheitlich gehe es ihr nicht gut. Und nun komme das mit der Post noch dazu. Es sei mühsam. Ich stimme ihr zu. Jedesmal, wenn Marlies Küng oder eine ihrer Kolleginnen in die Rolle der Postlerin schlüpft, stockt der Betrieb an der Kasse. Den KundInnen ist damit kaum gedient. Den Angestellten auch nicht. Die Post aber kann Stellen abbauen. Sie reagiert auf veränderte Kundenbedürfnisse – das Standardargument bei Angebotsabbau. Die Post spart Kosten und die Ladenkette erhält etwas Mehreinnahmen. Eine WinWin-Situation. Für die Unternehmen. Nicht aber für KonsumentInnen.

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saltUnbegrenzt – immer – unbedingt

 

Modus Dauerkrise

Das Postgesetz verlangt völlige Marktöffnung. Weg vom Service public, hin zum gewinnorientierten Unternehmen. Postalische Dienstleistungen sind wertlos geworden. Die Frau vom Volg kann sie nebenbei erbringen. Zwischen Käseschnittchen und Altglasdepot. Die Post konzentriert sich derweil auf Kernkompetenzen: Konsumgüter zustellen, Geldfluss steuern. Damit sich das auszahlt, muss die allenfalls wiederholte Zustellung eines Produktes günstiger sein, als die Lagerung desselben Produktes im Laden. Das klappt nur, wenn die LogistikerInnen von Amazon, Zalando etc. und die Zustellboten bis an ihre Leistungsgrenzen belastet werden. Und dies bei möglichst geringer Entlöhnung.

„Wir gehen dorthin, wo die Kunden sind“, sagt die Postchefin Susanne Ruoff. „Es ist aber nicht mehr der Service von vor 10 Jahren.“ Mit der technologischen Entwicklung verändert sich das Kundenverhalten. Das spürt nicht nur Marlies Küng, sondern auch der Wirtschaftsinformatiker, der nur noch projektbezogen Zeitverträge abschliesst und sich nach jedem abgeschlossenen Auftrag neu orientieren muss. Dem passt sich der Handwerker an, dessen Bude draussen an der Peripherie mehrmals den Besitzer wechselte, bis sie sich schliesslich ein international operierendes Unternehmen einverleibt. Danach verschiebt es Arbeitsplätze in Flughafennähe  und ins Ausland. Und so weiter und so fort.

Getriebene sind wir. Notgedrungen. Berufe und Arbeitsplätze werden nicht mehr über Generationen innerhalb von Familiengemeinschaften weitergegeben. Ein Leben lang derselbe Beruf und Arbeitgeber – das ist passé. Heutige Berufseinsteiger müssen mit einem Stellenwechsel alle 4 Jahre und mehrmaligem Umlernen rechnen. Immer ist Krise. Hartmut Rosa beschreibt, wie die soziale Beschleunigung Merkmale einer totalitären Herrschaft über die moderne Gesellschaft aufweist. (1) Schon Max Weber findet, der „heutige (…) Kapitalismus also erzieht und schafft sich im Wege der ökonomischen  Auslese die Wirtschaftssubjekte – Unternehmer und Arbeiter – deren er bedarf.“ (2)

„Alles was geschieht, vom Grössten bis zum Kleinsten, geschieht nothwendig“  Arthur Schopenhauer

 

 

Bis zum letzten Blutstropfen

Unterdessen entfaltet das kapitalistische System seine Dysfunktionalitäten in immer rascherer Kadenz: Banken- und Wirtschaftskrise, Währungskrisen, Umweltkrisen, Flüchtlingskrisen – Sinnkrisen. Das System und dessen Verteidiger reagieren mit schrillen Kampagnen auf das Unbehagen. Donald Trump ist eines der herausragendsten, hysterischsten Aushängeschilder der agonalen Marktmaschinen. Folgerichtig veröffentlicht die Weltwoche, das Leibblatt des fröstelnden Mittelstandes, der Lobbyisten und Wirtschaftskapitäne, eine Ode an den Egoisten: „Er ist fordernd. Er entblösst die eigenen Schwächen. Er legt schonungslos Mängel frei und stellt sein Umfeld durch Härte, Entschlossenheit und Disziplin in den Schatten. Durchhalteparolen. Angelehnt an das gute alte protestantische Ethos. Und an Friedrich August von Hayek, dem Papst der Neoliberalen und Libertären: „Zum mindesten ein sehr grosser Prozentsatz der Menschen hat einen äusseren Druck nötig, wenn sie alle ihre Kräfte anspannen sollen.“ (3)

Alle Kräfte sind gefordert. Hayek, den Marktideologen erstaunlicherweise mehr denn je verehren, hält äusseren Druck offenbar für so essenziell, dass er „einen liberalen Diktator gegenüber einer demokratischen Regierung, der es an Liberalismus mangelt, bevorzugen“ würde. Demokratie ist ein Problem. Hiermit erklärt sich auch, warum sich Leute wie Weltwoche-Autor Urs Gehriger insgeheim vor Kriegsherren verbeugen: „War Churchill ein kriegsverliebter Egomane? – Gewiss, aber er war entschieden der grösste Brite.“ Der grösste Brite? „Ohne seine Durchhalteparolen wäre Britannien im Zweiten Weltkrieg untergegangen.“ Es geht darum, Besitztum zu wahren. Auch wenn Zehntausende dafür ihr Leben lassen. Alternativlos. Das Prinzip Eigentum und dessen ganze Perversion ist in wenigen Sätzen entblösst.

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brand1Verwertungsimperativ in Lifestyle umgedeutet

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Eigentum ist das neue Heiligtum

Der Verlust an Freiheit wird mit fast schon religiös anmutender Verteidigung von Privateigentum kompensiert. Privateigentum ist ein Surrogat für Freiheit. Daher können es Neoliberale oder Libertäre nicht ertragen, wenn es geschmälert oder in Frage gestellt wird. Sie verdrängen das Dilemma, „dass der Kapitalismus nicht Freiheit im Allgemeinen schützt, sondern nur die dem Privateigentum innewohnenden Freiheiten und dass diese Institution gleichzeitig eine Einschränkung von Freiheit mit sich bringt.“ (Gerald A. Cohen) (4)

Aber weil kapitalistische Systeme ohne das grundlegende Verwertungsdiktat des Kaufens und Verkaufens kollabieren würden, müssen sie mit allen Mitteln durchgesetzt und – um Wachstum zu generieren – ausgeweitet werden. Dies gelingt, indem Konkurrenz unter den Arbeitenden verstetigt und Unsicherheit aufgrund des permanenten Wettbewerbdrucks aufrecht erhalten wird. „Zur Funktionsweise des marktzentrierten Kontrollmodus gehören die Versachlichung von Zwang und die Anonymisierung von Herrschaft (…) Anders als autoritative Macht wirkt die diffuse Macht des Marktes keineswegs nach dem Herr-Knecht-Prinzip. Ihre Wirkung gründet sich auf Unbestimmtheit…“ (5)

Die Verfügbarkeit der Menschen innerhalb kapitalistischer Ordnungen ist so zwingend wie in anderen Herrschaftssystemen auch. Wer sich dem Konzept widersetzt oder an ihm scheitert, wird stigmatisiert und aussortiert. Es ist kein Mensch mehr, wer nicht kaufen und verkaufen kann.

„Freedom’s just another word for nothin‘ left to lose“ Janis Joplin

 

Frankensteins Monster

Die Weltwoche erhob Sepp Blatter zum Schweizer des Jahres. Der wegen Korruptionsverdacht bereits suspendierte FIFA-Präsident ist auch noch für 8 Jahre von seinem Verband ausgesperrt worden. Vielleicht ist es ja genau dieser Hang zu Gesetzlosigkeit und Regelverstoss – wir erinnern uns an die Erfolge von Donald Trump – der radikale Neoliberale und Libertäre so fasziniert.

Der unermüdliche „Fussballkämpfer für eine besser Welt“ (6), zeigt Verhaltensmuster, die einem neuem Manager- und Unternehmertypus eigen sind. Sie charakterisieren „eine neue Elite, die nicht nur bestimmen will, was wir konsumieren, sondern wie wir leben. Sie will die Welt verändern und keine Vorschriften akzeptieren.“ (7) Unbemerkt versüssen diese Leute unser Leben. Vermeintlich. Vordergründig. Denn wir übersehen, wie abhängig wir schon von ihren Produkten sind und wie stark diese unsere Lebenswelten prägen.

Bei Uber beispielsweise handle es sich nicht einfach um eine App, wie Uber betont, sondern um ein digitales und algorithmisches System, das neue Kontrolle über die FahrerInnen bringt. Wer finanziell am Abgrund steht, greift nach jedem Strohhalm, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Das ist ganz nach dem Geschmack libertärer, neofeudalistischer Hegemonialmächte. Um noch mehr Verfügungsmacht über Arbeitskräfte zu erlangen, sind findige Unternehmer bestrebt, gesetzliche oder arbeitsrechtliche Bestimmungen zu umgehen. Oder sie ignorieren sie einfach. Die unternehmerische Verantwortung wird zwar reklamiert (und vergütet), letztlich aber an jeden Einzelnen delegiert. Übrig bleibt der Kampf – jeder gegen jeden.

„Fragen Sie irgendeinen der 1600 Taxifahrer in der Stadt Zürich – sie werden ihnen alle dasselbe sagen. Wenn sie nicht vom Sozialamt unterstützt werden, reicht ihnen der Lohn nicht mehr zum Leben“, sagt Roland Höhn von der Taxisektion Zürich. Doch solche Zustände kümmern Uber-Boss Travis Kalanick nicht. Proteste seiner Fahrer über die schlechte Bezahlung kontert er mit der Prognose, dass sie künftig durch Computer ersetzt würden. (7)

Wir befinden uns im Übergang zu ganz neuen Verwertungsregimen des Spätkapitalismus. Künftige Beschäftigungs- oder Prekarisierungsszenarien sind noch gar nicht auszumalen. Bei den aktuellen, sozialstaatlichen Herausforderungen dürfte es sich vergleichsweise aber noch um Kinkerlitzchen handeln. „Technologie und Maschinen werden wenigen Menschen gehören, und alle anderen, die historisch auf ihre Arbeitskraft angewiesen waren, um ein Einkommen zu generieren, werden kämpfen müssen. Die Gesellschaft wird noch viel ungleicher, wenn Roboter Menschen ersetzen, meint IT-Unternehmer Martin Ford.

Versinken ganze Gesellschaftsschichten in Armut, werden künftig vielleicht Roboter an unserer Stelle den Konsum aufrecht erhalten. Wer heute noch die merkantilistische Erschliessung selbst privatester Handlungen beklatscht, dürfte sich in einigen Jahren verdutzt die Augen reiben. Telekom-Chef Timotheus Höttges im Interview: Bald wird der Moment kommen, an dem wir nicht mehr unterscheiden können, ob uns ein Computer oder ein Mensch antwortet, zum Beispiel auf die Frage: Warum fühlst du dich heute nicht wohl?Aber das kann man doch nicht wollen!Die Frage stellt sich nicht, das kommt einfach. Die Prognose macht klar: wir haben nichts zu sagen.

„Ich will eine Maschine sein. Arme zu greifen Beine zu gehn kein Schmerz kein Gedanke“  Heiner Müller

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Tafelsilber verscherbeln

Alles muss weg. Parallel zu den technologischen Landnahmen erobert der Kapitalismus dank willfähriger Vollstrecker auch noch die letzten öffentlich-rechtlich organisierten Unternehmen – sozusagen das Tafelsilber aus Bildung, Gesundheitswesen und Medien – und damit fundamentale Errungenschaften, die allen Menschen einen gleichberechtigten Zugang zu Dienstleistungen sichern. Der gleichberechtigte Zugang zu Produkten entzieht aber den privaten Marktteilnehmern die Verfügungsgewalt über KonsumentInnen und stört die Kompetitivität.

„Der Kapitalismus erweist sich gleichsam als gierige Einverleibungs- und Ausscheidungsmaschine, die in ihrer systemischen Funktionsweise dazu gezwungen ist, unablässig neue Märkte zu erschliessen, die sie dann früher oder später als entwertete verbrannte Erde hinterlässt, welche zu einem späteren Zeitpunkt und in einer anderen kapitalistischen Formation neu erschlossen werden kann.“ (8)

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Noch eine Stunde muss Marlies Küng den Laden hüten. Vielleicht wird noch jemand einen eingeschriebenen Brief abholen oder ein Brot kaufen. Kunden kommen um diese Zeit kaum mehr vorbei. Marlies Küng kniet sich vor ein Gestell und stapelt Kistchen mit Primeli für 75 Rappen das Stück in die unteren Tablare. Draussen wird es langsam dunkel. 

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(*) Name geändert

(1) Hartmut Rosa in „Beschleunigung und Entfremdung“

(2) Max Weber in „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“

(3) Friedrich August von Hayek in „Der Weg zur Knechtschaft“

(4) Gerald A. Cohen in „Kapitalismus, Freiheit und das Proletariat“ (aus „Der  Wert des Marktes“, Herausgeber Lisa Herzog und Axel Honneth

(5) Hartmut Rosa in „Kapitalismus als Dynamisierungsspirale“ (aus „Soziologie – Kapitalismus – Kritik“ von Klaus Dörre, Stephan Lessenich, Hartmut Rosa)

(6) aus Weltwoche intern

(7) aus „Das Morgen-Land“ von Thomas Schulz bei spiegel.de

(8) aus „Soziologie – Kapitalismus – Kritik“ von Dörre, Lessenich und Rosa

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Empfehlung

„Nur eine Umverteilung verhindert den Crash“Die Wochenzeitung

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