Es hiess, Kunst komme von Können. Dann schlitzten Künstlerinnen Leinwände auf, später Tiere. Schliesslich wurde auf Akteure geschossen, sie kopulierten, defäkierten… Mit einer Grenzüberschreitung zum richtigen Zeitpunkt erzielen Kunstschaffende immer wieder unerhörte Wirkung. Es geht um Erleben, Erkenntnis, Einsicht. Dies ermöglichen zwar auch Achterbahnen oder Shoppingcenter. Die sind aber Teil der Verständigung in der Welt, während die Kunst Auskunft gibt über die Verständigung in der Welt. Kunst vermag die entscheidende, semantische Differenz herzustellen. Im Idealfall. Das kann stören..

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Politischer Aufruhr

Zum Beispiel die Aktion Schweiz entköppeln des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS). Sie wurde zum massentauglichen Kunsthappening. Eine Voodoo-Zeremonie soll den angeblich vom Geist des Stürmer-Herausgebers Julius Streicher besessenen Verleger Roger Köppel erlösen. Das Publikum war eingeladen, an einer Prozession zu Köppels Haus teilzunehmen. Gern mit stinkendem Fisch in der Hand. Zu dieser irgendwo zwischen Theateraufführung, Performance-Art und Medienguerilla einzuordnenden Aktion gehört die vor und nach der eigentlichen Aufführung erfolgte, veröffentlichte Rezeption des Werks. Auf den Aufruf über Roger Köppel auferlegte Flüche abzustimmen – die Wahl lag beispielsweise zwischen Maul- und Klauenseuche, Autounfall oder zwanghaftem Onanieren – folgten angeblich rund 800’000 Nennungen. Und ein fetter Medienhype.

Der groteske, mit kruder Esoterik angereicherte Aufruf ist derb-abstruse Satire. Diese wird mit einer dilettantischen Aufführung im Theater Neumarkt und der anschliessenden, improvisierten Zeremonie an der Stadtgrenze konterkariert. Die Lächerlichkeit der Inszenierung verfängt prompt. Die an der Prozession zahlreich anwesenden Journalisten (und andere) überziehen den Leiter des ZPS seither mit ätzendem Spott. Dabei dominiert dieselbe Ignoranz und Boshaftigkeit, wie sie schon die Artikel über die Aufführung Tötet Köppel prägte. Wer lediglich einen Ausschnitt des Theaterplakats zeigt – sodass es nicht mehr als eine Werbung für ein Theaterstück erkennbar ist – und zudem verlauten lässt: „Er ruft dazu auf, den SVP-Nationalratskandidat Roger Köppel umzubringen“, verfälscht die Fakten. Und zwar unzulässig. Fahrlässig… Die Kunst gibt Auskunft über die Verständigung in der Welt.

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Links: Originalinserat (1) – rechts: der in den meisten Medientiteln wiedergegebene Ausschnitt

 

Die Medien- und Politszene hyperventiliert und versagt schliesslich vollumfänglich. Da wird dem Zentrum für politische Schönheit eine subventionierte Verfluchungsorgie mit „primitiven Tätlichkeiten“ unterstellt. Die NZZ erleidet ihren eigenen „intellektuellen Schiffbruch“, wenn ihr Autor „den Geist der Dummheit (…) blödsinnig“ zu entdecken glaubt. Ein Artikel in der Schweiz am Sonntag erinnert gar an Texte über entartete Kunst: eine hirnlose Provokation“ im „Rahmen eines einstudierten Schmierentheaters“ von einem „drittklassigen Schlingensief-Adepten“. Köppels Redaktionskollege Alex Baur „verspürte Mitleid“ und fordert, „dass Roger Köppel unbedingt Strafanzeige (…) einreichen muss“. Baur fehlen schliesslich die Worte: „Die gute alte Nazi-Keule – was will man dazu noch sagen?“

Allesamt sind sie auf die Provokation reingefallen. Sie haben die Story gewittert und gierig nach dem Köder geschnappt. Der symbolische Angriff auf einen der bekanntesten Politiker und Verleger, der sich mit seiner Redaktionstruppe und neuerdings im Parlament anschickt, die Schweiz umzugestalten, hat in seiner völlig überzogenen Art knackigen Stoff generiert. In der Folge erschüttert aber doch sehr, dass das Gros der Kommentatoren auch im Jahr 2016 noch an die Wirkung von Voodoo-Zauber glaubt. Man fragt sich ganz bang, welchen Hokuspokus Journis sonst noch so leicht- oder abergläubisch verbreiten mögen.

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Rufmord-Frontseiten der Weltwoche

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Dabei hätte ein wenig Recherche den Fluchtreflex gebändigt. „Es geht nicht nur um Irritation und sicher nicht nur um Provokation“, sagt Philipp RuchEr will das Publikum mit dem Folgen der Passivität konfrontieren, statt bloss Blumen zu malen. „Bei uns laufen massenhaft Politiker mit zweifelhaften Überzeugungen ins Werk, die nicht mal bei ihrem Abgang die Scheinwerfer entdecken.“ Im Stück übernehmen sie dann die provozierte Rolle: „Es sind Großproduktionen, die Gesellschaft, Politik und Medien gegeneinander in Stellung bringen. Ohne feste Bühne und ohne festes Ensemble. Jeder Besucher, jeder Facebook-Freund, jeder Journalist wird Teil der Inszenierung.“ Wenn sich die Berichterstatter – so wie jetzt – mit Denkverboten selbst beschränken und an der Oberfläche des Textes verharren, entrüstet moralisieren, dann spielen sie ihre Rolle perfekt.

Es ist eine bekannte Rolle. Die dargebotenen Reaktionen erinnern an jene auf Lukas Bärfuss Text Die Schweiz ist des Wahnsinns. Statt sich mit den Aussagen der Autoren auseinanderzusetzen, werden diese ganz direkt diffamiert. Und weil das noch nicht genügt, stellt man die Kulturförderung in Frage. „Die Aktion im Neumarkt ist (…) symptomatisch für einen subventionierten Kulturbetrieb, der nicht mehr weiss, wofür er eigentlich steht.“ (2) Das sind ideologisch motivierte Einigelungsversuche von in Stolz und Ehrwürdigkeit verletzten Ignoranten. Strafe muss jetzt sein. Während sich die Linke mit Stilrügen begnügt und die künstlerische Freiheit wahren will, droht die Rechte mit Totalschaden. Schluss mit offenen Kunstwerken. Schluss mit dem offenen Gespräch. Schluss mit der offenen Gesellschaft. Kunst komme von Können – verstehen können.

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Ignorante Schönheit

Publikationen wie die Weltwoche feiern dagegen gefälliges Kunstgewerbe – zum Beispiel wohldosierten Technokitsch im Grossformat. Der breitet sich im Museum genau so possierlich aus, wie in irgendeiner Messehalle oder schnieken Wellnessfarm. Für Daniele Muscionico ist die Künstlerin Pipilotti Rist die Schweizer Glücksdroge. Von Rists grosser Ausstellung Ende 2008 im Museum of Modern Art ist Muscionico hin und weg: „Die Besucher gossen sich aus in einen anderen Seinszustand.“ Schliesslich verlustieren sich während der Eröffnung „2000 geladene Gäste im Gesamtwert von einigen Milliarden Dollar, angeführt von Henry R. Kravis, einem der erfolgreichsten Investmentbanker, der stündlich (…) 51 369 Dollar verdienen soll.“

Auch die aktuelle, grosse Ausstellung im Kunsthaus Zürich lässt die Weltwoche frohlocken. Rico Bandle träumt vom „Saft des Lebens“, der „in einer Ursuppe ausserhalb von Raum und Zeit zu schweben scheint.“ Gleich zu Beginn des Rundgangs „taucht man durch Pipilottis [sic] Mund in ihr dunkles Inneres ein, um dann verdaut wieder auf die Welt gelassen zu werden.“ Wenn wir Bandles eskapistisch-spekulative Schilderung abspecken, liest sich das so: Rist steckt sich eine Minikamera in den Mund, Schnitt auf ihren Anus, von wo die Kamera über den nackten Hintern nach oben zum Kopf fährt. Blinzeln in die Kamera. Schnitt. Und wieder von vorn. Die geloopte Selbst- und Darmausgangspiegelung ermüdet nach der zweiten Repetition. Also nach 10 Sekunden. Selbst wenn Pipilotti Rist statt auf ihren eigenen Anus auf den von Johann (Schneider-Ammann) schneiden würde, wäre das längst keine politische oder relevante Kunst. Was soll’s – der Rubel rollt, die Korken knallen – das ist ganz nach dem Geschmack der neofeudal-libertären Weltwoche.

Gemäss Daniele Muscionico bedienen die Werke Pipilotti Rists „unsere Ansprüche an die auratische Wirkung von Kunst. Denn nur aus der innigen Produktionsgemeinschaft zwischen Künstler und Publikum entsteht ja die charismatische Figur, die Strahlkraft…“ Doch halt! Dies gilt offensichtlich nicht für alle Kunst. „Sogenannte politische Kunst ist ja inzwischen sogenannt partizipativ“, korrigiert sie mit Blick auf Philipp Ruch. Im Theater Neumarkt schlägt der Mob zurück, während sich bei Pipilotti Rist millionenschwere Financiers, weltberühmte Künstler und Filmstars sediert auf Kissen fläzen.

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Blumen malen mit LED – Faltblatt zur Ausstellung von Pipilotti Rist

Im Kunsthaus installiert wird das Lounge-Interieur von Pipilotti Rist zu Kunst. Nun denn. Die Ausstellung bleibt meines Erachtens im mit regressiver Heimeligkeit angereicherten Messebau stecken. Einen ähnlichen Materialtransfer in den Kunstkontext diagnostiziert Christian Huber bei Philipp Ruch vom ZPS. Der Tötungsaufruf gegen einen missliebigen Politiker sei nichts Neues. „Neu ist nur, dass dies ein künstlerischer Akt sein soll“. (3) Kunst komme von Können – differenzieren können.

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Kunst ist Geld

Die starke emotionale Reaktion auf Schweiz entköppeln ist Ausdruck der gelungenen Partizipation am Werk. Wer Charlie Hebdo und die Mohammend-Karikaturen verteidigt, müsste dies eigentlich anerkennen. Und nicht nur sie. Allerdings dürften die KünstlerInnen des ZPS ihr Ziel verfehlen. Verwünschungen in einen künstlerischen Akt zu überführen, ist ihnen misslungen. Das Publikum reagiert überwiegend entrüstet, so, wie es sich vor 50 Jahren über Pipilotti Rists Analvideo entrüstet hätte.

Misslingen dürfte die Aktion auch, weil jede Nazizuschreibung den Rechten Auftrieb gibt. Die bürgerliche Mehrheit solidarisiert sich reflexartig mit dem politischen Partner. Sie lässt sich ausserdem nicht gern vorwerfen, mit Faschisten zu kooperieren. Schon gar nicht, wenn WählerInnen gleichzeitig an die Souveränität des Volkes glauben sollen. Bürgerliche, Mitteparteien und Linke scheuen sich offensichtlich vor der Abgrenzung von Parteien am rechten Rand. Das Stigma des Nazis ist im Gegensatz zum Stalinisten, Marxisten oder Kommunisten nicht massentauglich. Philipp Ruchs Aktion offenbart, dass wir uns in einer gefährlichen Laisser-faire-Situation befinden, in der fast alle irgendwie das rechte Auge zudrücken.

Ausserdem wird deutlich, dass je nach Grenzüberschreitung Nulltoleranz gilt und Rachefeldzüge starten. Die subventionierten Kunst-Nutten soll die gerechte Strafe treffen. Ulrich Schlüer von der Schweizerzeit möchte dem „Dresdener Sauereien-Veranstalter“ eine Lektion erteilen: „Fort aus Zürich! Ohne jeden Lohn!“ Rasch zitiert der Tages Anzeiger kritische (Unterhaltungs-) Künstler. „Wenn solche Volksverhetzungen mit Steuergeldern finanziert werden, dann finanziert der Staat eine Straftat,“ darf Andreas Thiel vorverurteilen. In auffallend vielen Artikeln geht es um Subventionen. Gerade die SVP will nicht nur das Controlling über öffentliche Gelder unter ihre Fittiche nehmen, sondern vor allem jenes über die Meinungsäusserungen. Dem verzückt-sedierten Publikum von Pipilotti Rist seien die Millionensubventionen gegönnt, nicht aber den von Philipp Ruch aktivierten, um moralische Grenzen Streitenden. Kunst komme von Können – Geld verdienen können. 

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(1) Tötet Köppel Inserat war legal, entscheidet die Zürcher Staatsanwalt – das Plakat war klar als künstlerische Darstellung erkennbar. „Von einem ernst gemeinten Mordaufruf kann nicht ausgegangen werden.“

(2) Rico Bandle in der Weltwoche vom 24.3.2016.

(3) Christian Huber in der Weltwoche vom 24.3.2016

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Empfehlungen

Die Internetseite zur Aktion: http://www.politicalbeauty.de/koeppel/.

Moralische Reinheit? Wolfgang Müller über das Zentrum für politische Schönheit und Christoph Schlingensief

 

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