Nur von Privaten betriebene Medien sind wirklich unabhängig und frei. Das hören wir immer wieder von Marktideologen und Wirtschaftsliberalen. Doch die glauben selbst nicht daran. Das wird manchmal ganz beiläufig klar. Heute wieder. Hansjörg Müller schwärzt in der BaZ Michael Ringier an. Macht ihm das Wort madig. Ganz persönlich und argumentativ äusserst fragwürdig.

Warum? Verleger Michael Ringier schreibt in einer Kolumne über feigen Empörungsjournalismus. Ihm ist, als schrieben sich JournalistInnen ganz dusselig und wund ob blanken Politiker-Penissen oder kostspieligen Betreuungsmassnahmen für Jugendliche. Ringier wundert sich, dass der mit Glanzresultat ins Parlament gewählte (Politiker-) Journalist Roger Köppel in seiner Zeitschrift dem Nazi-Ideologen und Vollstrecker Hermann Göring mit viel Empathie und Verständnis nachhängt – und keine einzige 4. Gewaltsnudel im Lande scheint dies zu kratzen. Rascheln tut es in sozialen Medien, der Historiker Philipp Sarasin kommentiert die Geschichtslüge Köppels – was immerhin einige Medien aufgreifen – und das war’s denn auch schon fast.

Die Intellektuellen im Land scheinen winterlich sediert oder noch von der Abreibung eingeschüchtert, die Lukas Bärfuss vergangenen Herbst von der nach rechts gerückten Presse abbekam (um so flinker ziehen Leute wie Adolf Muschg oder Charles Lewinsky kürzlich aufgrund der Aktion Schweiz entköppeln gegen Philipp Ruch und das Theater Neumarkt ins Feld). Wirklich erstaunlich. Ja, erschütternd.

Und nun entzieht also Hansjörg Müller dem zurecht nachdenklichen Michael Ringier die Legitimation, sich kritisch zu äussern. Einer wie Ringier sollte nicht „mit bildungsbürgerlicher Attitüde den Niedergang des Journalismus beklagen.“ Müller hält Ringier vor, sich nicht um Qualitätsjournalismus zu kümmern. Und dies nur, weil Michael Ringier genau das tut, was Marktfreunde wie Hansjörg Müller und seine Mitstreiter ständig fordern: unternehmerisches Handeln. Plötzlich ist verpönt, was bislang als Garant für freien und unabhängigen Journalismus galt. „Geld geht vor Geist“ schreibt Müller in der von Roger Köppels Parteiboss und Multimilliardär Christoph Blocher finanzierten Basler Zeitung. Müller kann sich’s leisten.

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tamediaIch bin auch eine Bank – Tamedia verdoppelt den Gewinn – nicht mit Journalismus

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Trotzdem. Ist es nicht verwunderlich, dass sich Müller für seinen ebenso kurzen wie schwachen Artikel zwei Wochen Zeit lässt? Kaum. Eher Timing. Kommenden Montag startet nämlich Admeira, die Werbeallianz zwischen Ringier, Swisscom und der SRG. Die Verleger haben die Allianz mit allen Mitteln bekämpft. Journalistisch. Politisch. Und juristisch. Doch vorgestern wies das Bundesverwaltungsgericht einen Verfahrensantrag vom Verband Schweizer Medien und von Tamedia ab (Medienmitteilung vom 1.4.2016/12.00). Nun gilt es, andere Saiten aufzuziehen. Dazu könnte auch gehören, nach einer für den Tagesjournalismus halben Ewigkeit von zwei Wochen bei Michael Ringier nachzutreten.

Rache ist süss. Journalistisch, politisch und juristisch. Wenigstens hier sind sich die im Verband Schweizer Medien organisierten Verleger (die Chefs der grossen Tageszeitungen inklusive BaZ) einig. Bislang ist die Zusammenarbeit nämlich von Animositäten geprägt. Lieber hängt jeder einzeln bei Google ein, als sich wirklich innovativ zu organisieren. Daran wird sich kaum etwas ändern. Dafür dürfte der Kampf der Zuspätgekommenen gegen die Cleveren noch etwas schmutziger werden. Hansjörg Müller poliert schon mal die Tasten. Leidtragende solcher Scharmützel sind die KonsumentInnen. Und die Medien selbst. Denn Konzernjournalismus schadet der Glaubwürdigkeit. Gerade das hat uns noch gefehlt.

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